Sind Jobinterviews der beste Weg, Kandidaten zu finden?

Das Jobinterview – ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Traumjob. Wer beim Gespräch stottert oder haspelt, dümmlich lacht oder eine falsche Pointe setzt, ist raus dem Spiel. Dabei sind Vorstellungsgespräche völlig überbewertet. Ein Plädoyer für weniger Jobinterviews – und eine bessere Bewerberauswahl.

Sind Jobinterviews der beste Weg, Kandidaten zu finden?

Jobinterview: Bitte schön lächeln!

Jobinterviews sind der wahrscheinlich dümmste Weg, um den passenden Bewerber für Ihr Unternehmen zu finden. Punkt. Damit wäre die Eingangsfrage auch schon beantwortet. Und zwar aus folgenden Gründen …

Vor Kurzem führten drei US-Wissenschaftler ein Experiment mit genau 163 Probanden durch. Die Bewerber waren alle um die 20, hochmotiviert, aber auch ziemlich nervös. Sie setzten die potenziellen Durchstarter also in einen Raum und baten sie zum fiktiven Jobinterview – die Gespräche zeichneten sie auf. Jedes Bewerbungsgespräch begann nun mit zwei bis drei Minuten Smalltalk, wie das eben so ist. Wie war die Fahrt? Sind Sie gut durchgekommen? Sauwetter da draußen, nicht wahr? Danach ging es über zur eigentlichen Fragerunde, zu den Brot-und-Butter-Fragen.

Smalltalk: Einflussreich

Hinterher zeigten die Wissenschaftler die aufgezeichneten Gespräche mehreren Experten, welche die Bewerber professionell bewerten sollten (wenngleich sie nicht konkretisierten, um welche „Experten“ es sich genau handelte, aber wir können wohl davon ausgehen, dass es Menschen mit Personalerfahrung waren). Das entscheidende Detail dabei: Die Experten bekamen die Vorstellungsgespräche in verschiedenen Versionen vorgesetzt – mal mit dem Smalltalk vorneweg, mal ohne.

Ergebnis: Die Punkteverteilung variierte ganz außerordentlich – je nachdem, ob man den Smalltalk gezeigt oder weggelassen hatte. Wenn beispielsweise der Bewerber gekonnt über Privates parliert hatte, wurden auch seine Antworten mit Jobbezug systematisch besser bewertet. Das bedeutet: Der Smalltalk hatte ganz offensichtlich großen Einfluss auf die Gesamtbewertung eines Bewerbers – unabhängig davon, ob und welchen Stuss er sonst noch von sich gegeben hat.

Zugespitzt formuliert: Nicht der bessere Kandidat kriegt die Stelle, sondern der bessere Smalltalker.

Hier kommt außerdem noch ein weiterer Aspekt ins Spiel: der berühmt-berüchtigte erste Eindruck. Wie wichtig er ist, wissen wir sprichwörtlich: „Der erste Eindruck zählt“. Nun beginnen die meisten Jobinterviews mit Smalltalk, der wiederum ist für den ersten Eindruck ausschlaggebend. Ein paar nette Worte gewechselt und schon ist uns der Gegenüber sympathisch. Es gibt dabei nur ein Problem: Der erste Eindruck vernebelt uns die Sinne.

Erster Eindruck: Trügerisch

In einer Studie, die kürzlich im Fachmagazin Social Cognition publiziert wurde, sprechen die Forscher von der University of Chicago vom so genannten „Moral Tipping Point“. Er tritt auf, wenn wir unsere Meinung über eine Person plötzlich ändern – von gut auf schlecht oder andersherum.

Die Forscher konstruierten dafür eine Person namens Barbara. Barbara war auf der Arbeit eher unauffällig, sachlich zu ihren Kollegen, erledigte ihre Arbeit gewissenhaft. Von Zeit zu Zeit aber schlug Barbara aus, in die eine oder andere Richtung: Mal machte sie ihrer Kollegin unverhofft ein Kompliment, ein anderes Mal streute sie böse Gerüchte. Mal Teufelchen, mal Engelchen also.

Das Szenario wurde nun immer heftiger, Barbaras Ausbrüche immer häufiger. Die Studienteilnehmer, die Barbaras Geschichte beurteilen sollten, zeigten nun ihrerseits eine klare Tendenz. Sie degradierten Barbara wesentlich schneller von gut auf böse, als dass sie sie in die andere Richtung beförderten. Conclusio: Es dauert deutlich länger, eine unvorteilhafte Meinung über sich zu korrigieren als andere zu vergraulen.

Es braucht also nur eine dumme Bemerkung, eine unüberlegte Geste und schon ist der erste Eindruck hinüber. Wer im Vorstellungsespräch mit einem Fauxpas startet, macht den Rückstand vermutlich nicht mehr wett. Was auch daran liegt, dass wir geistig faul sind, zügig zu einer Bewertung über einen Menschen kommen wollen.

Intelligenz: Unterschätzt

Womit wir schon beim nächsten Problem wären: Der erste Eindruck und Smalltalk werden in der modernen Arbeitswelt auch darum wichtiger, weil die Happiness-Kultur auch in deutschen Unternehmen Einzug gehalten hat. Soziale Intelligenz wird in der Regel mehr wertgeschätzt als kognitive Intelligenz. Sozialkompetenz ist King. Nach dem Motto: Unsere Firma besteht aus lauter Teamplayern, wir sind wie eine große Familie, verstehen uns alle prächtig.

Jobinterviewer fragen sich daher konsequent, bevor sie jemanden einstellen: Würde ich mit DEM (oder DER) abends ein Bier trinken gehen wollen? Und würden das unsere anderen Mitarbeiter wollen?

Lautet die Antwort nein, bekommt der Bewerber den Job nicht. Konsequenz: In vielen Unternehmen wird stromlinienförmig eingestellt. Hip und hip gesellt sich gerne, Vielfalt und ein Schuss Awkwardness gehen verloren. Wäre Mark Zuckerberg als Programmierer von einem Startup in trendy Berlin eingestellt worden? Wahrscheinlich nicht, dafür ist er zu freakig und definitiv kein Typ, mit dem abends in die Kneipe möchte (mittlerweile wollen das natürlich alle).

Aber Zuckerberg ist nicht nur ein merkwürdiger Typ, er ist auch verdammt intelligent, hat Lösungskompetenz, kann logisch und analytisch denken. Die Uni Tübingen kam 2009 in einer Meta-Studie zu dem Schluss: Wer intelligenter ist, liefert mit größerer Wahrscheinlichkeit gute Arbeit ab und ist beruflich erfolgreicher.

Im Zweifel sollten Unternehmen also nicht den besseren Smalltalker einstellen, sondern den intelligenteren. Das gilt im Übrigen nicht nur für Führungskräfte, sondern auch für Paketfahrer oder Putzfrauen.

Jobinterview: Was sind die Alternativen?

Alle Lebensläufe kurz scannen, die fünf besten Bewerber zum Jobinterview einladen und schlussendlich den nehmen, der vor Ort den besten Eindruck hinterlassen hat. Das kann man aus Unternehmenssicht so machen. Sollte man aber nicht, wenn man wirklich den fähigsten Kandidaten haben will.

In der Tat wäre es sinnvoll, Unternehmen würden Intelligenztests von ihren Bewerbern verlangen – wenigstens als Ergänzung zum Vorstellungsgespräch. Einen (glänzenden) IQ-Test beilegen kann man natürlich als Bewerber schon heute. Nur, dass man sich damit als Freak outet, als wenig teamfähig und sozialkompetent und damit wäre die Messe bekanntlich gelesen.

Aber es gibt weitere Möglichkeiten: Den Smalltalk zu Beginn des Vorstellungsgesprächs streichen, den Bewerber direkt ins Gesprächszimmer bitten und ohne Umschweife loslegen. Einige Brain Teaser servieren, um Reaktionsschnelligkeit und analytisches Denken zu testen. Unkonventionelle Fragen stellen, oder auch Probearbeiten und Probetage verlangen.

Kurzum: Aufgaben geben, die etwas mit dem Job zu tun haben und allgemeine Lösungskompetenzen erfordern. Denn Intuition ist schön und gut, aber Verstand und Scharfsinn sind wichtiger.

[Bildnachweis: ASDF_MEDIA by shutterstock.com]

Weitere Tipps zum Vorstellungsgespräch

Vorstellungsgespräch Ablauf

Vorstellungsgespräch Tipps
5 typische Gesprächsphasen
Vorstellungsgespräch vorbereiten
Vorstellungsgespräch Checkliste
Dresscode
Begrüßungstipps
Selbstpräsentation
Soft Skills
Authentisch sein
Gesprächsführung
Vorstellungsgespräch beenden

Interview Arten

Assessment Center
Stressinterview
Vorstellungsgespräch auf Englisch
Strukturiertes Interview
Bewerbungsgespräch per Video
Telefoninterview Tipps
Zweites Vorstellungsgespräch
Anruf vom Headhunter
Outplacement Beratung

Typische Fragen

100 Fragen an Bewerber
25 Fangfragen
Stressfragen
Wie hoch war Ihr letztes Gehalt?
Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Warum haben Sie gekündigt?
Haben Sie sich woanders beworben?
Was wären Sie für ein Tier?
Warum sollten wir Sie einstellen?
Wie stehen Sie zu Überstunden?
Was sind Ihre Schwächen?
Unzulässige Fragen
Rückfragen an Personaler

Tipps & Tricks

Bewerbungsgespräch Tipps
Vorstellungsgespräch trainieren
Bewerbungsgespräch Fehler
Notlügen im Vorstellungsgespräch
Körpersprache Tipps
Nervosität überwinden
Wohin mit den Händen?
Tipps gegen Prüfungsangst

Organisation

Gesprächstermin verschieben
Vorstellungsgespräch absagen
Vorstellungsgespräch abbrechen
Reisekosten: Wer zahlt?
Vorstellungsgespräch gut gelaufen?
Nachfassen
Vorstellungsgespräch Nachbereitung
Achten Sie aufs Umfeld

PS: Nutzen Sie zur Jobsuche unsere Jobbörse!


7. November 2016 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!