Frugalismus: Schon mit 40 in Rente?

Wir werden immer älter, infolgedessen arbeiten wir auch immer länger. Frugalismus ist ein Trend, der genau das jetzt umkehren will. Wie kann das sein? Heißt es doch seit Jahren, dass nicht nur entsprechend vorgesorgt werden muss. Auch von einer Anhebung des Renteneintrittsalters ist die Rede. Frugalismus wirkt dagegen regelrecht anachronistisch: Seine Anhänger versuchen nichts Geringeres als bereits mit 40 Jahren in Rente gehen zu können. Was sich hinter dem Konzept Frugalismus verbirgt und Tipps, wie Sie eher in Rente gehen können…

Frugalismus: Schon mit 40 in Rente?

Definition und Herkunft von Frugalismus

Frugalismus Bedeutung Wiki WikipediaFrugalismus leitet sich von dem französischen frugal beziehungsweise lateinischen Wort frugalis ab. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Januswort, das heißt, es gibt zwei entgegengesetzte Bedeutungen.

Frugal kann demnach einmal fruchtig im Sinne von „üppig“ bedeuten. Ebenso gut allerdings auch einfach, sparsam, mäßig. In dieser Bedeutung wird auch der Frugalismus verstanden. Es handelt sich dabei um eine Form der Bescheidenheit, bei der die Einnahmen aus der Erwerbsarbeit bewusst für das Notwendige verwendet werden.

Überschüsse hingegen werden so angelegt, dass auf lange Sicht eine finanzielle Unabhängigkeit erreicht wird. Seinen Ursprung hat die Bewegung des Frugalismus in den Vereinigten Staaten. Wikipedia zufolge gibt es dort eine „Frugalistenszene“ von mehreren tausend Anhängern, die im Zuge der Finanzkrise ab 2007 einen stetigen Zuwachs verzeichneten.

In den USA ist Frugalismus unter dem Akronym FIRE geläufig: Das steht für Financial Independence, Retire (early) und bedeutet übersetzt soviel wie finanzielle Unabhängigkeit und frühe Rente.

Bedeutung von Frugalismus

Aber nicht nur in den USA findet der Frugalismus begeisterte Anhänger. Auch hierzulande lassen sich immer mehr junge Menschen auf den Gedanken ein. Die Erfahrung von 2007 und den folgenden Jahren dürfte bei vielen – vor allem so wenige Jahre nach den Anschlägen des 11. September – zu der Erkenntnis beigetragen haben, dass nur wenige Dinge im Leben sicher sind.

Was aber wirklich Bedeutung hat, ist im Endeffekt nicht Geld oder Konsum. Beides kann binnen kürzester Zeit weg sein, dafür sorgt eine Krise. Auch die gegenwärtige Corona-Krise zeigt, wie fragil die eigene Existenz unter Umständen ist.

Es geht aber nicht nur darum, dass allein Geld nicht glücklich macht. Frugalisten vertreten die Ansicht, dass ihnen der Frugalismus eine Form von Freiheit ermöglicht. Unabhängigkeit von Geld, aber auch von Arbeit. Wobei unter Arbeit vor allem Erwerbsarbeit zu verstehen ist.

Der Softwareentwickler Oliver Noelting, bekennender Frugalist, erklärt im Interview mit dem Magazin Human Resources Manager, dass er sich sehr wohl vorstellen kann, auch weiterhin zu arbeiten. Aber Arbeit ist auch, wenn es kein Geld dafür gibt, also: defekte Dinge reparieren oder sich um das eigene Blog zu kümmern.

Gleichzeitig bliebe im Gegensatz zum klassischen Erwerbsarbeitsmodell genügend Zeit, sich den eigenen Hobbys zu widmen, die eigenen Kinder aufwachsen zu sehen und sich mit Freunden zu treffen.

Wie funktioniert es?

Frugalismus Bedeutung RentenrechnerSieht man die Kritik am Konsum, könnte man meinen, dass Frugalismus dasselbe wie Minimalismus ist. Und in der Tat, es gibt einige Überschneidungen. Frugalisten überlegen, was sie zum Leben brauchen.

Viele Dinge des alltäglichen Lebens, die uns völlig selbstverständlich geworden sind – ein Auto, Reisen, ein aufwändiger Lebensstil – sind streng genommen nicht wichtig fürs (Über-)Leben. Sie sind aber ein nicht unwichtiger Kostenfaktor.

Und das ist der Trick bei Frugalismus: Weniger auszugeben, als man zur Verfügung hat. Der Rest wird gespart. So gibt Noelting auf seinem blog Frugalisten.de an, dass er gerade mal von einem Drittel seines Gehaltes leben würde:

Viele Wege lassen sich auch mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen. Kleidung kann man selbst nähen, viele Gerätschaften oder Kleidung ist auch Second Hand immer noch sehr gut erhalten und zu schade zum Wegwerfen. Andere Sachen lassen sich wiederum reparieren.

Nicht zuletzt steht der vermeintlich „normale“ und alternativlose Lebensstil vieler Menschen für einen hohen CO2-Ausstoß und geringe Nachhaltigkeit. Mit Frugalismus gelangt man quasi automatisch von der Wegwerfgesellschaft zu einer größeren Nachhaltigkeit.

Als Frugalist legen Sie das Ersparte in Aktien an, die gewisse Kapitalerträge versprechen. Durch die Ersparnisse bauen Sie sich bis zum etwa 40. Lebensjahr ein genügend großes Polster auf, um davon dann in der vorgezogenen Rente auch weiterhin leben zu können. Allerdings in genau diesem Lebensstil.

Tipps für Frugalismus: So werden Sie Frugalist

  • Klären Sie Ihre Prioritäten

    Überprüfen Sie Ihre persönlichen Werte: Was ist Ihnen wichtig? Brauchen Sie Statussymbole? Sind Ihnen Luxus und Wohlstand wichtig? Oder legen Sie den Schwerpunkt auf immaterielle Werte? Wollen Sie mehr Zeit für sich und Ihre Projekte haben?

  • Fragen Sie sich, was Sie brauchen

    In einem nächsten Schritt wird es darum gehen, sich von Überflüssigem zu trennen. Das sind vor allem Dinge, die Geld kosten. Ein Auto kostet viel Geld im Unterhalt, auch diverse Abonnements (beispielsweise für Streamingdienste) können sich als überflüssig erweisen.

  • Lernen Sie dazu

    Nur das Notwendigste zum Leben zu haben, bedeutet nicht nur, sich von Geldfressern zu trennen, sondern auch Neuanschaffungen zu überdenken. Manchmal geben Gebrauchsgegenstände aber ihren Geist auf oder Teile müssen ersetzt werden. Wer es mit dem Frugalismus ernst meint, lernt selbst, sein Fahrrad zu reparieren, Ersatzteile auszutauschen. Das spart ebenfalls Geld.

  • Reflektieren Sie Ihr Verhalten

    Nicht selten sind Neuanschaffungen reine Konsumkäufe, impulsgesteuerte Handlungen. Sie stehen damit stellvertretend für etwas anderes. Es gilt ein Bedürfnis zu befriedigen – aber ist es tatsächlich dieser Gegenstand? Oder soll damit ein anderes Gefühl wie Einsamkeit übertüncht werden? Sich die eigenen Bedürfnisse bewusst zu machen und kritisch zu reflektieren, hilft unnötigen Konsum zu vermeiden.

  • Kochen Sie selbst

    Nicht nur Konsumgüter ziehen Geld, auch soziales Miteinander, das im Restaurant stattfindet, ist deutlich teurer, als wenn Sie selbst kochen. Auch die Tiefkühlpizza ist umgerechnet teurer, als wenn Sie selbst Pizza machen. Und gemeinsames Kochen mit Freunden kann ebenso viel Spaß machen.

  • Legen Sie gewinnbringend an

    Um beim Renteneintritt entspannt vom Ersparten arbeiten zu können, müssen Sie mit Beginn Ihres Frugalismus Ihr Geld in attraktiven Aktienfonds anlegen.

Frugalismus verbindet Konsumkritik mit Genügsamkeit

Die westlichen Wirtschaftssysteme im hohen Maß auf Konsum ausgelegt. Um eine innere Befriedigung zu erlangen, reicht es nicht, sich mit dem tatsächlich existenziell Notwendigen zu begnügen, sondern es wird immer weiter konsumiert.

Im Extremfall wird daraus eine Kaufsucht beziehungsweise ein Konsumzwang. Aber auch so konsumieren viele Menschen mehr als sie müssten. Billigmode und erschwingliche Möbel, aber auch andere Gegenstände sind darauf angelegt, nur noch für eine gewisse Zeit in Benutzung zu sein, bevor sie entsorgt und durch neue ersetzt werden.

Sicherlich kennen Sie das: Fest verbaute Akkus in Smartphones oder elektrischen Zahnbürsten sind ein Beispiel dafür, aber auch Drucker, deren Tintenpatronen so teuer sind, dass im Prinzip ein neuer Drucker ökonomischer wäre (zumindest mit Blick auf die Originalprodukte).

Anhänger des Frugalismus sehen solche Entwicklungen kritisch. Viele spricht daher für eine frugalistische Lebensweise. Andererseits geht das Konzept nur unter bestimmten Bedingungen auf:

  • Sie müssen sich vergleichsweise viele Einschränkungen auferlegen. Wer gerne (auch weiter weg) reist, wird zugunsten seines langfristigen Ziels verzichten müssen.
  • Wer kurze Wege zur Arbeit haben will, muss häufig städtisch und zentral wohnen – die Mieten sind dort besonders teuer. Um das individuelle Sparziel zu erreichen, kommt dann meist nur eine kleine Wohnung infrage.
  • Herausfordernd kann eine kleine Wohnung für die Beziehung werden, aber auch dann, wenn Kinder ins Spiel kommen.
  • Frugalismus ist nicht als Massentrend geeignet – irgendwer muss konsumieren, damit Aktienfonds entsprechende Gewinne abwerfen, Restaurants und Hotels sowie weite Teile des Dienstleistungssektors existieren können.

Es ist also fraglich, ob Frugalismus für jeden taugt – viele Menschen schätzen auch einfach das schöne Leben mit Dingen, die einfach nur nett anzuschauen sind, aber wenig faktischen Nutzen haben. Andererseits ist der Zugewinn an Lebensqualität auch durch Haustiere unbestritten – die kosten aber wiederum Geld.

Ohnehin kann das ganz Modell nur funktionieren, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert: Etwa die Insolvenz des Unternehmens, bei dem man angestellt ist. Oder eine Berufsunfähigkeit.

Wer einen Kompromiss eingehen will, also nicht gleich den totalen Frugalismus praktizieren, aber sparsamer leben will, kann dies mit der 50-30-20-Regel tun.

[Bildnachweis: L Julia by Shutterstock.com]
27. April 2020 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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