Elternunabhängiges Bafög: Wann haben Sie Anspruch darauf?

Wer kein Bafög erhält, muss seinen Studienwunsch an den Nagel hängen? Nicht unbedingt. Elternunabhängiges Bafög ist eine Möglichkeit für all diejenigen, die sich nach der Schule beispielsweise erst für eine duale Ausbildung entschieden haben. Das Bafög ist eine staatliche Unterstützung für Studierende, wenn das elterliche Einkommen nicht ausreicht. Faustregel: Je höher das elterliche Einkommen, desto niedriger das Bafög und umgekehrt. Eigentlich – denn mit dem elternunabhängigen Bafög können nun auch Studierende unterstützt werden, die nach bisherigen Regelungen davon ausgenommen waren. Wer Anspruch darauf hat und welche Voraussetzungen Sie erfüllen müssen…

Elternunabhängiges Bafög: Wann haben Sie Anspruch darauf?

Was ist das elternunabhängige Bafög?

Elternunabhängiges Bafög wird – wie der Name bereits andeutet – unabhängig von den Eltern gezahlt. Dazu muss ein wenig ausgeholt werden:

Eltern sind Ihren erwachsenen Kindern gegenüber unterhaltspflichtig. Die haben zwar mit Erreichen der Volljährigkeit dieselben Rechte und Pflichten wie jeder Erwachsene, verfügen aber in den seltensten Fällen über finanzielle Unabhängigkeit. Die Unterhaltspflicht der Eltern gegenüber ihren Kindern gilt allerdings nicht bis in alle Zeiten.

Genau genommen gilt sie bis zum Abschluss der ersten Ausbildung – damit kann auch ein Studium gemeint sein. Allerdings gibt es auch hier Einschränkungen. Eltern sind nicht verpflichtet, ihre im Langzeitstudium verharrenden Kinder bis zum 40. Lebensjahr noch zu finanzieren. Maßgeblich ist üblicherweise die Regelstudienzeit.

Und wenn das Einkommen der Eltern gerade mal zur Deckung der eigenen Lebenshaltungskosten reicht, das Kind zur Finanzierung des Studiums nebst WG-Zimmer aber Geld braucht, gibt es das „normale“ Bafög.

Was aber, wenn die erste Ausbildung absolviert, beispielsweise eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht wurde, und Sie feststellen, dass Sie sich für ein Studium der Betriebswirtschaftslehre begeistern? In diesem Fall könnte ein elternunabhängiges Bafög infrage kommen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Voraussetzungen elternunabhängiges BafögGrundsätzlich müssen zwar das eigene Einkommen und Vermögen beziehungsweise das ihrer Ehepartner und Eltern zunächst angerechnet werden, aber gemäß § 11 Abs. 3 BAföG gibt es folgende Ausnahmen:

  • Sie besuchen ein Abendgymnasium oder Kolleg.
  • Sie haben bei Beginn des Ausbildungsabschnitts das 30. Lebensjahr vollendet.
  • Sie waren bei Beginn des Ausbildungsabschnitts nach Vollendung des 18. Lebensjahres fünf Jahre erwerbstätig.
  • Sie waren bei Beginn des Ausbildungsabschnitts nach Abschluss einer vorhergehenden, zumindest dreijährigen berufsqualifizierenden Ausbildung drei Jahre tätig. Wenn die Ausbildung kürzer war, waren Sie entsprechend länger erwerbstätig.
  • Sie erwerben Ihr Abitur (allgemeine Hochschulreife) auf dem zweiten Bildungsweg.
  • Sie sind bei Beginn des Ausbildungsabschnitts über 30 Jahre alt und erfüllen die Ausnahmetatbestände nach § 10 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 bis 4 BAföG.
  • Sie haben keinerlei Kontakt zu Ihren Eltern, der Aufenthaltsort lässt sich auch trotz Anstrengungen von Behörden nicht ermitteln oder die Eltern sind nicht in der Lage, den Unterhalt im Inland zu leisten.
  • Sie sind Vollwaise.

Entscheidend für die angesprochene Erwerbstätigkeit im Umfang von drei beziehungsweise fünf Jahren ist, dass der Auszubildende in der Lage gewesen ist, sich mithilfe des Gehalts für seinen eigenen Unterhalt zu sorgen.

Das Bafög-Amt betrachtet als eine „den Lebensunterhalt sichernde Erwerbstätigkeit“ einen monatlichen Bruttolohn von mindestens 892,80 Euro. Dabei ist nebensächlich, ob es sich hierbei um eine Vollzeit- oder Teilzeitstelle handelte.

Mit in die Zeit er Erwerbstätigkeit hinein zählen auch folgende Zeiten:

  • Wehrdienst
  • Zivildienst
  • Bundesfreiwilligendienst und gleichgestellte Dienste (wie Entwicklungsdienst und andere Dienste im Ausland)
  • Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Krankheit
  • Mutterschutz
  • Erwerbsunfähigkeit
  • Arbeitslosigkeit (sofern Sie sich derweil nicht in einer förderungsfähigen Ausbildung befunden haben)
  • Rehabilitationsmaßnahmen
  • Weiterbildung

Was gilt für Sonderfälle?

Was aber, wenn keinerlei Unterhaltspflicht Ihrer Eltern mehr besteht, Sie gleichzeitig aber auch nicht die Auflagen für elternunabhängiges Bafög erfüllen? Es kommt gar nicht so selten vor, dass Antragstellende haarscharf an den aufgelisteten Voraussetzungen vorbeischrammen.

Beispielsweise waren Sie nicht wie oben aufgeführt drei Jahre nach Ihrer dualen Ausbildung tätig, sondern vielleicht nur zweieinhalb. Alles für die Katz? Nein. Auch in diesem Fall sollten Sie einen Antrag auf Bafög stellen.

Und zwar beantragen Sie sogenannte Vorausleistungen mit dem Formblatt 8. Diese Vorausleistungen können Sie beispielsweise auch erhalten, wenn Ihre Eltern eigentlich unterhaltspflichtig wären, die finanzielle Unterstützung oder irgendeine Form der Kooperation aber verweigern. In diesem Fall erhalten Sie elternunabhängiges Bafög, gleichzeitig wird das Bafög-Amt versuchen, Ihre Eltern in die Pflicht zu nehmen.

Ein weiterer Sonderfall ist, wenn Ihre Eltern zwar unterhaltspflichtig wären, aber nicht auffindbar sind. Oder noch schlimmer: Sie können glaubhaft machen, dass Ihr Aufenthaltsort den Eltern gegenüber unbekannt und der Kontakt verhindert werden muss, weil Ihnen anderenfalls eine „Gefahr für Leib und Leben oder Zwangsverheiratung“ drohen.

In diesen Fällen oder wenn Sie beispielsweise bereits Vollwaise sind, nützt es Ihnen nichts, dass Ihre Eltern theoretisch unterhaltspflichtig sind. Sie können dann Vorausleistungen erhalten.

Wie beantragen Sie elternunabhängiges Bafög?

Elternunabhängiges Bafög müssen Sie nicht extra beantragen. Vielmehr prüft das Bafög-Amt in einem normalen Antragsprozess, welche Bedingungen auf Ihre Situation zutreffen. Ihre bisherigen Ausbildungen, Ihr Alter, Ihre finanzielle Lage (und die eines gegebenenfalls existierenden Ehepartners/Lebenspartners und Ihrer Eltern) wird im Rahmen der Antragstellung geprüft.

Dazu füllen Sie den normalen Bafög-Antrag (Formblatt 1) aus. Wie bei staatlichen Geldern zu Zuschüssen üblich, müssen Sie dafür entsprechende Nachweise in Form von Einkommensbescheinigungen und Zeugnissen erbringen (Formblatt 3).

Zurückzahlung: Lohnt sich das elternunabhängige Bafög?

So anstrengend und nervig es auch sein mag: Es lohnt sich wirklich, den Formalkram auf sich zu nehmen, denn Sie erhalten Geld geschenkt. Zwar nicht das komplette Geld, aber einen nicht unbeträchtlichen Teil. Elternunabhängiges Bafög besteht aus einem Darlehensteil und einem Zuschuss.

Der Zuschuss ist das Geschenk an Sie – auf jeden Fall 50 Prozent des Gesamtbetrages dürfen Sie behalten. Beim Darlehensteil handelt es sich immerhin um ein unverzinstes Darlehen. Außerdem müssen Sie erst fünf Jahre nach der Förderung zurückzahlen und dann auch maximal 10.010 Euro – egal, ob Ihr tatsächliches Darlehen höher war.

Alle Antragsteller, die ab September 2019 erstmals gefördert werden, fallen unter den neuen „77-Raten-Erlass“ – heißt: Nach 77 Raten, die mindestens 42 Euro, aber höchstens 130 Euro betragen müssen, werden Ihnen alle Schulden erlassen.

[Bildnachweis: by Shutterstock.com]
7. Oktober 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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