Speed Recruiting: Im Nullkommanichts zum Job?

Speed Recruiting als Maßnahme der Personalgewinnung – das klingt schon je nach persönlichem Ansatz nach Dynamik, Schnelligkeit, alles zack-zack. Oder eben nach Oberflächlichkeit und dem fast schon verzweifeltem Versuch, möglichst nah am Puls der Zeit zu sein und jede Mode auch ins Arbeitsleben zu übertragen. Wir haben uns das Ganze einmal genauer angeschaut: Was kann Speed Recruiting und wo sind seine Grenzen?

Speed Recruiting: Im Nullkommanichts zum Job?

Speed Recruiting: Was ist das?

Die Inspiration kam vom Speed Dating: Eine bestimmte Anzahl bindungswilliger Singles treffen sich an einem Ort und haben eine zuvor festgelegte Zeit, um mit ihrem Gegenüber zu kommunizieren. Nach Ablauf dieser Zeit – meist nur wenige Minuten – ertönt ein Signal und die nächste Person erscheint als Gesprächspartner.

Der Ablauf kann so organisiert werden, dass beispielsweise an großen Tischen sich Paare gegenübersitzen und nach dem Signal eine Seite einfach einen Platz weiterrückt. Ganz ähnlich funktioniert das Ganze beim Speed Recruiting, nur da geht es um ein Matching zwischen Bewerber und Personaler.

Das Speed Recruiting passt zu der veränderten Kommunikation. Alles ist schneller – Nachrichten werden fix per Mail oder Whatsapp übermittelt. Es gibt schnellere Schnitte in Filmen und der häufiger kürzeren Aufmerksamkeitsspanne trägt das Speed Recruiting ebenfalls Rechnung.

Der Charme des Speed Recruitings liegt darin, dass Bewerber ohne große Hürden und mit vergleichsweise geringem Aufwand sich einen ersten Eindruck vom Unternehmen verschaffen können. Solche Events sind für Bewerber eine Chance, den Fuß in die Tür bei Unternehmen zu kriegen, bei denen sie mit ihren Bewerbungsunterlagen allein es vielleicht nicht so schnell geschafft hätten.

Gestaltung kann abweichen

Die Vorstellungen davon, wie lange die Dauer und exakte Gestaltung eines Speed Recruitings sein sollen, kann deutlich abweichen. Bei Stell-mich-ein handelt es sich beispielsweise um ein Speed Recruiting Event, bei dem die Bewerber jeweils satte drei Minuten Zeit haben, sich von ihrer Schokoladenseite zu präsentieren.

Apropos Schokolade. Der Süßwarenhersteller Ferrero bezeichnet ein Quiz auf seiner Seite als Speed Recruiting. Dort müssen Interessenten einige Fragen zu Situationen beantworten, wie sie im Arbeitsalltag vorkommen könnten.

Das Ganze dauert vermutlich sogar noch weniger als drei Minuten, hat aber auch nichts mit einem persönlichen Kennenlernen oder gar Fragen und Antworten zu tun. Bewerber können das Ergebnis als Aufhänger nehmen, sich selbst besser einzuschätzen, wie gut sie zum Unternehmen passen.

So variabel die Zeit und die Gestaltung sind, so unterschiedlich ist auch der Name. Statt Speed Recruting ist beispielsweise auf einigen Jobmessen und ähnlichen Karriereevents von Job Speed Dating die Rede.

Und die IHK Nord Westfalen veranstaltet jährlich für Schüler ein IHK-Azubi-Speed-Dating, bei dem jedes Unternehmen einen festen Platz an einem Tisch hat. Während es noch mit einem Bewerber im Gespräch ist, warten die anderen Kandidaten im Wartebereich der Firma, für die sie sich interessieren.

Dort werden sie zur gegebenen Zeit vom Personalverantwortlichen abgeholt. Diese Gespräche dauern sogar zehn Minuten.

Erfordernisse beim Speed Recruiting

Was sind die Vorteile für Kandidaten beim Speed Recruiting? Ganz klar, die Hemmschwelle liegt niedriger, denn was kann in drei bis maximal zehn Minuten schon „Schlimmes“ passieren? Im Gegensatz zum klassischen Vorstellungsgespräch sind hier kaum Stressfragen oder knifflige Aufgaben wie im Assessment Center zu erwarten.

Dennoch muss klar gesagt werden: Im persönlichen Umgang mit anderen trennt sich oft die Spreu vom Weizen. Denn manche Branchen sind immer noch sehr beliebt und die Arbeitsmarktlage kann sich immer auch dahingehend ändern, dass plötzlich wieder mehr Bewerber als freie Stellen existieren.

Gerade in ländlichen Gegenden ist die Auswahl an freien Stellen nicht so groß, die Konkurrenz dafür umso größer. Soll heißen: Wer beim Speed Recruiting potenzielle Arbeitgeber von sich überzeugen will, sollte es nicht auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn es scheinbar nur ein „Vorstellungsgespräch light“ ist.

Damit das Speed Recruiting erfolgreich verläuft, sollten Bewerber folgendermaßen vorgehen:

  • Informationen

    Informieren Sie sich im Vorfeld, welche Unternehmen sich bei Speed Recruiting präsentieren. Teilweise stellen Veranstalter solcher Events Informationen über die Arbeitgeber zur Verfügung. Nähere Details finden sich auf den Homepages der Unternehmen. Diese sollten genügend Stoff für Fragen bieten, die Sie Ihrerseits dem Personaler stellen. Das können beispielsweise solche Fragen sein:

    • Wie gestaltet sich die Einarbeitungsphase?
    • Wie werden die Mitarbeiter im Unternehmen gefördert?
    • Wodurch zeichnet sich die Unternehmenskultur aus?
    • Wie sehen die Zukunftspläne für die nächsten Jahren aus?

  • Vorbereitung

    Aktualisieren Sie Ihren Lebenslauf, üben Sie die relevanten Stationen in Ihrer bisherigen beruflichen Karriere ein. Der hilft Ihnen dabei, sich für Ihre Kurzvorstellung vorzubereiten. Dafür können Sie sich am Elevator Pitch orientieren. Daneben sollten Sie eine Kurzbewerbung mitbringen, die im Anschreiben an das jeweilige Unternehmen persönlich gerichtet ist.

  • Präsentation

    Ihre Selbstpräsentation haben Sie mit dem Elevator Pitch eingeübt. Teil Ihrer Außenwirkung ist auch die richtige Kleidung. Auch wenn es sich beim Speed Recruiting um ein lockeres Event zu handeln scheint: Wer zu salopp erscheint, kann den Eindruck vermitteln, die Sache zu sehr auf die leichte Schulter zu nehmen. Als Faustregel gilt: Ziehen Sie sich der Branche entsprechend so an, wie Sie im Vorstellungsgespräch auftreten würden. Die Finanz- und Bankenbranche ist für gewöhnlich etwas konservativer, hier sind ein dunkler Anzug für Herren und ein entsprechendes Kostüm für Damen üblich. Die Kommunikations- und Kreativbranche ist meist etwas lockerer. Sauber, gepflegt und intakt sollte die Kleidung aber in jedem Fall sein – also keine abgelaufenen Absätze oder dreckigen Sneaker. Jeans und Sacko beziehungsweise Blazer sind hier möglich.

  • Nachbereitung

    Während des Speed Recruitings haben Sie Informationen notiert, eine Visitenkarte oder anderweitig Kontaktdaten erhalten. Diese Unterlagen gilt es nach dem Speed Recruiting zu sortieren, Termine in den Kalender zu übertragen, überflüssiges Material zu entsorgen. Die Gespräche, die Ihr Interesse geweckt haben, sollten Sie als Aufhänger für Ihre Kontaktaufnahme nehmen, wenn Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen zuschicken, beispielsweise: Ich bedanke mich für das informative Gespräch beim Speed Recruiting Event 2019 in Köln. Gerne sende ich ihnen wie besprochen meine Bewerbungsunterlagen nebst Arbeitszeugnis und Arbeitsproben zu.

Chancen für den Arbeitgeber

Schlagworte wie Fachkräftemangel und War for Talents sind bereits seit Jahren in aller Munde. Für den Arbeitnehmer bedeutet dies, dass er teilweise in der angenehmen Situation ist, sich seinen Arbeitsplatz unter mehreren Möglichkeiten aussuchen zu können.

Für Arbeitgeber bedeutet dies, sich mehr um talentierten Nachwuchs, vor allem High Potentials, bemühen zu müssen. Speed Recruiting ist dabei ein Weg der Personalgewinnung.

Und ein recht frischer Ansatz dazu. Denn die klassische Stellenanzeige allein reicht oftmals nicht mehr. Manche Unternehmen greifen schon zum Reverse Recruiting, Motto: Wir lassen uns finden. Dabei schauen interessierte Arbeitssuchende auf die Profile von Arbeitgebern, die offene Stellen zu besetzen haben.

Das setzt allerdings voraus, dass Bewerber gezielt danach suchen. Auf Events wie einem Speed Recruiting hingegen ist der Mitnahmeeffekt größer. Wie bei einer Bewerbermesse können sich Unternehmen hier in einem ungezwungenem Umfeld präsentieren. Und so mancher potenzielle Kandidat erfährt vielleicht erst im Zuge dieser Veranstaltung vom Unternehmen und entschließt sich kurzfristig zur Teilnahme.

Besonderheiten dieser Rekrutierungsform

Nochmals zur Schnelligkeit: Speed Recruiting kann den Bewerbungsprozess beschleunigen.

Ein typischer Ablauf sieht so aus:

  • Stellenausschreibung
  • Zusendung der Bewerbungen
  • Sichtung der Bewerbungen
  • Auswahl der potenziellen Kandidaten
  • Kontaktaufnahme zwecks Vorstellungsgesprächs
  • Entscheidung

Zwischen den einzelnen Stufen – die sogar um ein zweites Vorstellungsgespräch, einen Tag im Assessment Center oder einen Probearbeitstag ergänzt werden können – können je nach Unternehmensgröße diverse Wochen oder sogar Monate liegen.

Manche Unternehmen können es sich schlichtweg nicht leisten, unbesetzte Stellen so lange vakant zu lassen. Vor allem im Handwerk können viele Aufträge nicht angenommen werden, weil es an Personal fehlt. Speed Recruiting ist daher ein Weg, den Bewerbungsprozess zu verschlanken.

Kritiker monieren zurecht, dass weder drei noch zehn Minuten ausreichen, sich ein umfassendes Bild des Bewerbers – oder umgekehrt: des Unternehmens – zu machen. Andererseits füllen Bewerber vorab meist bereits online Fragebögen zur Person aus. So völlig im Dunkeln tappt also niemand.

Arbeitgeber können bei passender Qualifikation und positivem Eindruck vom Speed Recruiting direkt auf Zusendung der Bewerbungsunterlagen verzichten. Stattdessen können sie beispielsweise ein Praktikum in Aussicht stellen oder Probearbeit vereinbaren, sofern letzte Unsicherheiten bestehen.

[Bildnachweis: djrandco by Shutterstock.com]
10. Januar 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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