Abitur per Fernstudium: Infos, Kosten, Tipps

Das Abitur per Fernstudium ist eine kostspielige Angelegenheit – und eine äußerst langwierige noch dazu. Wer sich dazu durchringt, sollte schon gute Gründe auf den Tisch legen. Haben Sie die? Wie teuer ist das Fernabitur, wie lange dauert es und was sollte ich beachten? Karrierebibel hat die wichtigsten Infos für Sie.

Abitur per Fernstudium: Infos, Kosten, Tipps

Abitur per Fernstudium: Ist das was für mich?

Wenn jemand Fußball-Profi, Vollzeit-Youtuber oder Profi-Gamer werden will und deswegen die Schule schmeißt, ist das meist keine gute Idee (manchmal schon). Darum vorweg Omas guter Ratschlag: Kind, mach‘ erstmal dein Abitur!

Im Ernst: Wer das Abitur aus fragwürdigen Gründen nicht macht, wird sich hinterher ärgern – und im Berufsleben gewaltige Nachteile haben. Ist das Abitur dagegen erst einmal im Rucksack – ob nach acht oder neun Jahren – kann auf diesem Fundament sehr gut weitergebaut werden.

Für reuige Schulabbrecher, die ihren Fehler wieder ausbügeln wollen, bleiben hinterher als Alternativen nur noch die Abendschule oder eben der Fernunterricht übrig. Diese Umwege sind lang, mühselig und teuer. Wobei Sie auf dem Abendgymnasium, das sich vorwiegend an Berufstätige richtet, im Vergleich zum Fernunterricht noch deutlich günstiger fahren.

Trotzdem: Das Fernabitur kann eine Option für Sie sein, wenn …

  • Sie auf der Universität ein Fach studieren wollen, für das Sie Abitur benötigen.
  • Sie nach längerer Auszeit – zum Beispiel nach der Betreuung Ihrer Kinder – das Abitur nachholen und beruflich noch einmal durchstarten wollen.
  • Sie sich selbst etwas beweisen wollen.
  • das nächste Abendgymnasium oder die nächste Volkshochschule sehr weit entfernt ist.

Fernabi: Hier können Sie es machen

fernabitur-anbieterDiese privaten Anbieter bereiten per Fernunterricht auf das Abitur vor – kostenpflichtig.

  • Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD)
  • ILS
  • Hamburger Akademie für Fernstudien (HAF)
  • Fernakademie Klett
  • Lernzentrum am Killesberg

Tipp 1: Lassen Sie sich von der Staatlichen Zentrale für Fernunterricht (ZFU) beraten.
Tipp 2: Testen Sie einen Anbieter unverbindlich vier Wochen, bevor Sie sich entscheiden.

Fernabitur: Wie läuft es ab?

Sie melden sich bei einem Anbieter an. Dieser schickt Ihnen regelmäßig Lernhefte nach Hause, die Sie möglichst gewissenhaft durchgehen und ausgefüllt wieder zurücksenden.

Tutoren des Anbieters überprüfen Ihre Aufgaben, benoten sie und geben Ihnen ein Feedback. Im Optimalfall stehen sie Ihnen auch für Rückfragen zur Verfügung, per Mail oder sogar telefonisch.

Der Bildungsträger hilft Ihnen am Ende auch bei der Anmeldung zur Abiturprüfung. Denn, und dieser Punkt ist nicht ganz unwichtig: Bei der Prüfung handelt es sich um eine sogenannte Externenprüfung, eine staatliche Prüfung, an der prinzipiell jeder teilnehmen kann.

Faktisch haben Sie aber nur eine Chance auf Bestehen, wenn Sie sich ausreichend vorbereitet haben und den Lernstoff kennen – und genau diese Funktion übernimmt der private Anbieter. Er darf die Prüfungen selbst – zurecht natürlich – nicht durchführen.

Sie müssen also an einem zuvor fixierten Termin zur Externenprüfung erscheinen – in der nächstgelegenen größeren Stadt zum Beispiel.

Fernabitur: Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?

Sie können Ihr Abitur auch dann bauen, wenn Sie bislang „nur“ den Hauptschulabschluss in der Tasche haben. Dann ist der Zeitaufwand allerdings besonders groß. Die Studiendauer für Hauptschulabsolventen beträgt bei den Anbietern in der Regel 42 Monate, also dreieinhalb Jahre – eine lange Zeit.

Für Realschüler, die vor mehr als fünf Jahren die mittlere Reife erlangt haben, werden gemeinhin 36 Monate veranschlagt. Für Realschüler, deren Abschluss nicht länger als fünf Jahre her ist, 30 Monate.

Das sind allerdings nur Richtwerte. Wer schnell lernt, kann schneller fertig werden, ist allerdings immer auch von äußeren Umständen abhängig – zum Beispiel von den Prüfungsterminen und davon, wann die nächsten Lernhefte zugesandt werden. Wer beruflich eingespannt ist und daher ein langsameres Tempo anschlägt, benötigt naturgemäß mehr Zeit. Vorteil: Die Studiendauer kann meist kostenlos verlängert werden.

Nachteil: Faktisch können Sie durchaus vier oder fünf Jahre lang damit beschäftigt sein, Ihr Abitur nachzuholen. Sind Sie bereit, so viel Zeit zu investieren?

Eine andere Voraussetzung sollte aber in jedem Fall erfüllt sein: Sie benötigen einen Rückzugsraum mit PC, in dem Sie ungestört büffeln können. Wer sich zuhause ein Zimmer mit der Schwester teilt oder einen Flughafen vor dem Fenster hat, hat auf dem Weg zum Abi einen gehörigen Nachteil.

Fernabitur: Wie hoch sind die Kosten?

Abitur per Fernunterricht – ein sündhaft teures Vergnügen. So zahlen Realschulabsolventen, deren Abschluss mehr als fünf Jahre zurückliegt, eine Gesamtgebühr von 5.040 Euro. Diese verteilt sich auf 36 Monatsraten à 140 Euro.

Abi-Anwärter mit Hauptschulabschluss zahlen sogar noch mehr: 5.880 Euro. Monatsrate: ebenfalls 140 Euro, allerdings 42 Monate lang.

Realschüler, deren Abschluss noch keine fünf Jahre zurückliegt, lernen etwas günstiger. Für sie fällt eine Gesamtgebühr von 4.200 Euro an, die sich auf 30 Monatsraten à 140 Euro verteilt.

Diese Raten berechnen nach aktuellem Stand (Mai 2017) sowohl die Fernakademie Klett als auch ILS. Die anderen Anbieter haben wir nicht geprüft. Achtung: Wer vor Ablauf der regulären Studiendauer abschließt, bekommt kein Geld zurück!

Noch ein kurzer Blick in die AGB von ILS: Sie können demnach den Lehrgang nach Vertragsabschluss ohne Angabe von Gründen während des ersten Halbjahres mit einer Frist von sechs Wochen kündigen, frühestens jedoch zum Ablauf des ersten Halbjahres. Danach kann jederzeit mit einer Frist von drei Monaten schriftlich gekündigt werden.

Fernabi im Ausland: Geht das?

Fernabitur im Ausland Sie können das Fernabi auch im Ausland machen – müssen aber mit erhöhten Gebühren rechnen.

Für den Versand der Studienunterlagen ins europäische Ausland berechnet die ILS beispielsweise monatlich 2,90 Euro mehr pro Monat. Bei Versand ins außereuropäische Ausland fallen sogar 9,70 Euro zusätzlich pro Monat an.

Abitur per Fernstudium: Was dafür spricht

  • Unabhängigkeit

    fernabitur: Was dafür sprichtDer Fernunterricht ist ortsunabhängig. Sie müssen weder Tag für Tag zur Schule noch in ein Abendgymnasium gehen. Die damit verbundene Pendelei fällt weg, die Benzinkosten ebenso (im Gegenzug fallen allerdings Studiengebühren an), Ablenkungen oder nervtötende Lehrer. Sie können abwechselnd zuhause oder in der Bibliothek lernen – oder im Landhaus Ihrer Eltern.

  • Flexibilität

    Das Fernabitur bietet maximale Flexibilität. Sie können Ihren Lernort genauso frei wählen wie die Lernzeiten: morgens, mittags, abends, nachts, am Wochenende. Und: Die Studiendauer kann bei Bedarf kostenlos verlängert werden. In der Schule nennt man das wohl: nachsitzen.

  • Berufstätigkeit

    Tagsüber arbeiten, abends lernen. Oder halbtags arbeiten, halbtags lernen. Für das Fernabi müssen Sie Ihren Broterwerb nicht einstellen. Sie können weiterhin Geld verdienen. Und: Der Arbeitgeber muss nicht einmal von Ihrer persönlichen Weiterbildung erfahren. Sie können das Abitur heimlich neben Ihrer Erwerbstätigkeit bauen, wenn Sie wollen – sollten die Zusatzbelastung aber nicht unterschätzen. Möglicherweise leidet Ihr Hauptjob unter dem Extra-Pensum.

Abitur per Fernstudium: Was dagegen spricht

  • Belastung

    Fernabitur: Was dagegen sprichtDie Zusatzbelastung ist enorm. Drei, vier Stunden pro Woche lernen – das wird fürs Abiturzeugnis am Ende nicht reichen. Eher drei, vier Stunden am Tag. Hier sind Ausdauer, Disziplin, Volition gefragt. Und Opferbereitschaft: Auf den einen oder anderen Netflix- oder Party-Abend müssen Sie wohl verzichten. Und zwar nicht nur einmal, sondern über mehrere Jahre. Auch die Familie kann unter Ihrem Vorhaben leiden, gerade bei Eltern ist das oft ein wunder Punkt.

  • Wertverlust

    Wichtiger Punkt: Das (Fern-)Abitur verliert an Wert, weil ein Studium mittlerweile auch ohne Abi-Zeugnis möglich ist. Eine abgeschlossene Berufsausbildung oder mehrjährige Berufserfahrung reichen in vielen Fällen schon für die Uni-Zugangsberechtigung aus – Abitur überflüssig. Der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz listet allein für Baden-Württemberg schon über 1.150 Studiengänge auf, die auf die eine oder andere Weise ohne Abitur studiert werden können. An der Uni Jena waren im Sommersemester 2017 schon 422 Studenten ohne Abitur eingeschrieben – zwei Prozent der Studierendenschaft.

  • Preis

    Was in der Schule umsonst war, kostet jetzt einen vierstelligen Betrag. Das Fernabi ist teuer – und kostet bis zu 6.000 Euro. Die Anbieter verweisen zwar auf vielerlei Fördermöglichkeiten – aber ohne einen tiefen Griff in die Geldbörse wird es nicht gehen.

  • Persönlichkeitsstruktur

    Freiheit kann auch ein Fluch sein: Wer ohne Druck von außen nicht arbeiten kann, wer nur selten eigenen Antrieb entwickelt, der wird es schwer haben, das Projekt Fernabi bis zum Schluss durchzuziehen. Und das übrigens auch hinterher im angepeilten Studium. Darum gut überlegen, ob Sie die 5.000 Euro plus wirklich investieren wollen.

[Bildnachweis: ESB Professional by Shutterstock.com]
20. Mai 2017 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!