Studiendauer: Was sagt die Regelstudienzeit aus?

Bachelor in sechs, Master in vier Semestern – so sehen die Regelstudienzeiten in vielen Fächern und Fachbereichen aus. Nur: Manchmal scheint diese Regel eher zur Ausnahme zu werden, weil die Studiendauer vieler Studenten höher liegt. Zahlreiche Studenten machen ihren Abschluss erst nach sieben, acht, zehn oder sogar noch mehr Semestern und werden dafür oft als Faulenzer oder Bummler verspottet. Oft werden dann Klischees von Langzeitstudenten hervorgekramt, die gar nicht wirklich studieren, sondern sich ein gemütliches Leben machen und vielleicht einen Tag der Woche in der Uni verbringen. Doch Spott ist in vielen Fällen unangebracht, denn eine lange Studiendauer muss nichts mit Faulheit zu tun haben. Manchmal ist es den Umständen geschuldet, manchmal sogar eine bewusste Entscheidung und Strategie…

Studiendauer: Was sagt die Regelstudienzeit aus?

Studiendauer: Wie wichtig ist sie?

Sie haben ihre Regelstudienzeit überschritten und die Studiendauer wird immer länger. Haben Sie damit die Chancen auf einen guten Job und einen möglichst schnellen Berufseinstieg bereits verspielt? Dauert der Abschluss länger, werden viele Studenten von Zweifeln und Sorgen geplagt.

Die Angst dreht sich dabei oft um die Botschaft, die möglicherweise bei Personalern ankommt: Wer länger braucht, war offensichtlich schlechter oder fauler als andere, die es in der vorgegebenen Studiendauer geschafft haben. Aber ist die Studiendauer wirklich ein so entscheidender Faktor?

Ganz so dramatisch ist es in der Praxis dann doch nicht. Zwar schauen Unternehmen auf die Studiendauer, doch wird die Entscheidung normalerweise nicht allein davon abhängig gemacht. Die möglichst genaue Eignung für die Stelle, die Motivation eines Bewerbers und auch die Qualität des Abschlusses – also die Note – spielen eine größere Rolle als die Studiendauer.

Allerdings kann diese durchaus herangezogen werden, wenn zwei Kandidaten ansonsten fast identische Bewerbungen präsentieren. Vollkommen unwichtig ist die Dauer Ihres Studiums also nicht.

Wann wird die Studiendauer zum Problem?

Eine häufige Frage zur Studiendauer lautet: Ab wann wird eine Überschreitung der Regelstudienzeit zum Problem? Leider lässt sich darauf zunächst nur schwer eine konkrete Antwort geben. Es lässt sich nicht sagen, dass die Studiendauer ab neun Semestern für ein Grundstudium oder allgemein ab drei Semestern über der Regelstudienzeit zum Problem wird.

Entscheidend ist, wie Sie Ihre Studiendauer nutzen und wie Sie diese bei Bewerbungen gegenüber Wunscharbeitgebern erklären. Soll heißen: Wenn Sie gute Gründe haben, die Ihre längere Studiendauer sinnvoll erläutern, sind zusätzliche Semester keine Schwierigkeit.

Haben Sie beispielsweise mehrere Semester im Ausland studiert oder Ihr Studium pausiert, um bei einem Konzern im Ausland interkulturelle Kompetenzen zu werben, die für Ihren späteren Job wichtig sind, wird die Studiendauer kein ausschlaggebender Faktor sein.

Sollten Sie jedoch vollkommen grundlos länger gebraucht haben, kann es durchaus sein, dass Personaler nachfragen und mitunter skeptisch reagieren.

Lange Studienzeiten: Lohnen sie sich immer?

Auch wenn die Grafik von Statista für Deutschland eine kontinuierlich sinkende Durchschnitts-Studiendauer abbildet, fühlen sich Studenten heute deutlich stärker unter Druck als noch vor wenigen Jahren. Kritiker machen dafür vor allem die Bologna-Reform und die Umstellung auf Bachelor und Master verantwortlich – und befürworten eine lange Studiendauer.

Das häufig genutzte Argument: Die sechs respektive vier Semester Regelstudienzeit reichten für ein fundiertes Studium, das auf das Berufsleben vorbereitet, nicht aus. Lange Studienzeiten böten jedoch die notwendige Zeit, um Auslandssemester, Nebenjobs und andere Aktivitäten zu integrieren und so unverzichtbare Erfahrung zu sammeln.

de.statista.com

Die Argumente klingen überzeugend, sind jedoch nicht allgemein gültig. Duale Studiengänge sind zwar anspruchsvoll, bieten jedoch auch in der Regelstudienzeit ausreichend praktische Erfahrung, um danach ins Berufsleben einzusteigen. Und so mancher Studiengang an Fachhochschulen oder Universitäten kann – bei einem ausreichenden Wahl- und Ergänzungsangebot – ebenfalls ausreichend gut auf den Berufseinstieg vorbereiten.

Lange Studiendauern – es geht wohlgemerkt nicht um Langzeitstudenten, die ziel- und planlos vor sich hin studieren und mehr oder weniger Prüfungen ignorieren – sind unter fünf Kern-Voraussetzungen sinnvoll:

  1. Studenten brauchen die zusätzliche Zeit, da sie ihr Studium durch Nebenjobs finanzieren müssen. In diesem Fall sollten Studierende darauf achten, idealerweise Nebenjobs zu wählen, die relevante Berufserfahrung bieten.
  2. Studenten wollen ihr theoretisch erworbenes Wissen durch Praktika und Praxisprojekte ergänzen und anwenden. Optimal wird eine lange Studiendauer in diesem Fall genutzt, wenn die Praktika auch der Berufserprobung und der Wahl des passenden Einstiegsberufes dienen.
  3. Studenten vertiefen ihre Pflichtfächer durch Wahlkurse, Orchideenfächer und Kooperationsprojekte mit Unternehmen. Sie knüpfen dadurch Kontakte mit potenziellen Arbeitgebern, erweitern ihr Profil und haben mehr Zeit, um sich auch persönlich zu entwickeln.
  4. Studenten engagieren sich in Hochschulgremien und/oder sind ehrenamtlich/politisch aktiv. Werden hier die passenden Aufgaben und Gremien gewählt, kann die so erworbene Kompetenz auch im Berufsleben und bei der Vorbereitung des Berufseinstiegs nützlich sein.
  5. Studenten wollen Auslandserfahrung sammeln und sich in Auslandssemestern engagieren. Solche Erfahrung kann vor allem in international ausgerichteten Branchen und Berufen einen enormen Bewerbungsvorteil darstellen.

Theoretisch ist also klar, wie eine lange Studienzeit optimal genutzt und der Berufseinstieg vorbereitet werden kann. Praktisch stehen Studenten bei diesem Thema jedoch vor einigen Fragen und Problemen, die zu Beginn meist unterschätzt werden.

Welche Gründe kann es für eine lange Studiendauer geben?

Wenn es eine Regelstudienzeit gibt, warum wird diese dann so oft überschritten? Darauf gibt es gleich mehrere Antworten, denn die möglichen Gründe und Ursachen für eine lange Studiendauer sind unterschiedlich:

  • Prüfungen wurden nicht bestanden

    Kaum jemand besteht im Studium jede Prüfung auf Anhieb. Das ist nicht weiter schlimm, schließlich kann diese noch einmal wiederholt werden. Allerdings ist dies nicht immer im selben Semester möglich, wodurch es zu Verzögerungen kommen kann.

  • Module finden zeitgleich statt

    Manchmal kommt es ärgerlicherweise so aus, dass zwei Module, die beide belegt werden müssten, gleichzeitig stattfinden. Dies kann vor allem dann passieren, wenn sich die Semester verschieben – wie beispielsweise im obigen Fall, wenn eine Klausur nicht bestanden wurde und nachgeholt werden muss.

  • Die Hochschule oder der Studiengang werden gewechselt

    Nicht jeder Student beendet sein Studium an der Universität, an der dieses begonnen wurde. Andere wechseln an einer Hochschule den Studiengang. Beides kann dazu führen, dass andere Prüfungen und Module absolviert werden müssen, während bereits erbrachte Leistungen vielleicht nicht angerechnet werden.

Eine längere Studiendauer kann aber auch entstehen, weil diese genau so geplant wurde. So erhalten Sie bereits frühzeitig eine Vorstellung davon, wie viele Semester Sie an der Universität verbringen werden. Dabei sollten Sie sich von den Regelstudienzeiten lösen, sondern individuell Ihre Situation betrachten und schauen, wie Sie das Maximum aus Ihrem Studium herausholen können.

Lange Studiendauer: Ermitteln Sie Ihre optimale Studiendauer

Bis zu einem gewissen Grad ist die optimale Studiendauer auch eine Frage der Intuition. Nicht alle sinnvollen Kurse und Gelegenheiten lassen sich im Vorfeld erkennen oder planen, daher sollten sich Studenten nicht zu sehr auf eine konkrete Studiendauer festlegen. Das ist jedoch kein Freifahrtschein für eine laissez faire Haltung. Ein wenig Planung hilft Studenten dabei, Prioritäten zu setzen und im Rahmen einer längeren Studienzeit die individuell relevanten Ergänzungen zu integrieren.

Für die Grobplanung der Studiendauer können Studenten einige Fragen als Guidelines nutzen:

  • In welche berufliche Richtung will ich nach dem Studium gehen?
  • Welche Qualifikationen und Erfahrungen fehlen mir mit dem Regelstudium für meinen Wunschberuf?
  • Wie und wann kann ich relevante/notwendige Erfahrungen und Themen ergänzen?
  • In welchem Umfang kann ich während des Studiums bei Unternehmen arbeiten?
  • Welche Ergänzungen empfehlen mir erfahrene Fachkräfte meines Zielberufs, was empfehlen mit Referenten aus der Praxis?
  • Welche Auslandssemester kann ich sinnvoll nutzen und integrieren?

Durch die Beantwortung dieser Fragen können Sie als Student zumindest ein Gefühl dafür entwickeln, wie lange Ihr Studium ungefähr dauern kann. Haben Sie durch die Zusammenstellung Ihrer Wunschthemen und Zusatzaktivitäten Ihr optimales Studium – soweit das eben planbar ist – zusammengestellt, folgt eine manchmal etwas ernüchternde Frage: Was davon können Sie realistisch finanzieren?

Die Frage nach den finanziellen Möglichkeiten wird in vielen Artikeln und Ratgebern vernachlässigt, macht sie doch so manche – theoretisch und fachlich sinnvolle – Planung zunichte. Doch die besten Pläne sind wertlos, wenn Ihnen mitten im Studium das Geld ausgeht und Sie Ihren Lebensunterhalt nicht mehr sichern können.

Lange Studiendauer: Sinnvoll, jedoch nicht einfach

Eine lange Studiendauer kann – mit der individuell passenden Planung – sinnvoll und, je nach Branche, sogar notwendig sein. Studenten ist das oft bewusst, doch das bedeutet nicht, dass die Umsetzung einer langen Studiendauer einfach wäre. Der finanzielle Aspekt stellt manche Studenten zwar vor Probleme, ist in manchen Fällen jedoch nicht das Hauptproblem.

Denn neben der Finanzierung stellen vor allem die Erwartungen, Anforderungen und Wünsche von Familie, Freunden und sozialem Umfeld eine große Hürde dar. Viele Nicht-Studenten nehmen eine Überschreitung der Regelstudienzeit immer noch als Zeichen von Faulheit, Arbeitsunwilligkeit, Planlosigkeit oder Unentschlossenheit wahr. Dieses Missverständnis kann zu unangenehmen Nachfragen, Vorwürfen und sogar Anfeindungen führen, die Studenten das Leben schwer machen können.

Als Student haben Sie in diesem Fall zwei Möglichkeiten:

  1. Sie können versuchen, Ihrer Familie und Ihren Freunden die Gründe für Ihre längere Studiendauer zu erklären, Ihren Plan erläutern und hoffen, dass Sie dadurch für Verständnis sorgen und Unterstützung erfahren.
  2. Sie können die Erwartungen Ihres Umfelds ignorieren, Ihren Plan verfeinern und konsequent umsetzen und Ihre Kritiker durch Ergebnisse und Handlungen überzeugen.

In beiden Fällen ist es wichtig, dass Sie sich – selbst wenn Sie um Verständnis werben – nicht von der Meinung und den Erwartungen anderer abhängig machen. Selbst die Motivation, es denen jetzt mal zu zeigen ist trügerisch und reicht nicht als langfristiger Antrieb aus. Das gilt vor allem, weil Ihre Erfolge den Menschen, die Sie beeindrucken wollen, in der Regel völlig egal sind oder sein werden.

Eine lange oder zumindest längere Studiendauer ist sinnvoll, wenn Sie die Zeit gezielt und geplant nutzen. Mit Kritik, Unverständnis und sogar Widerstand sollten Sie rechnen und diese einplanen. Die zusätzliche Erfahrung und Kompetenz können Ihnen den Berufseinstieg deutlich erleichtern und vereinfachen. Ob Ihnen das den – finanziellen und persönlichen – Preis wert ist, können nur Sie entscheiden.

[Bildnachweis: dotshock by Shutterstock.com]
13. April 2015 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.


Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!