Heimarbeit: Diese Arbeitgeber fördern sie
Zauberwort Flexibilität: Als Arbeitnehmer will man sie, kriegt sie aber nicht immer. Eine Studie des DIW belegt, dass deutsche Arbeitgeber ihren Mitarbeitern nur ungern Zeit im Home Office einräumen. Und die Zahl der Heimarbeiter geht sogar zurück. Die Studie zeigt auch: Arbeitgeber machen mit dem Instrument Home Office keineswegs nur Familien glücklich ...

Heimarbeit: Nicht mit uns!

Nicht jeder ist ein Home Office-Typ. Vielen fehlen im eigenen Kämmerlein Ambiente und Austausch. Aber der überwiegende Teil findet: Schön wäre es, diese Möglichkeit wenigstens zu haben, ab und an in Anspruch nehmen zu können.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt nun: Deutschland hat in dieser Hinsicht großen Nachholbedarf. Während nur zwölf Prozent der abhängig Beschäftigten - wenigstens gelegentlich - von zuhause arbeiten, wäre dies bei 40 Prozent immerhin möglich. Und der Anteil der Heimarbeiter geht seit einigen Jahren sogar zurück.

Um das Jahr 2008 herum lag der Anteil der angestellten Home Office-Worker schon einmal bei fast 20 Prozent, fiel bis 2011 und stagniert seitdem bei zwölf Prozent. Der Anteil der Selbstständigen, die zuhause arbeiten, ging seit 2011 sogar erheblich zurück - von über 50 Prozent auf nur noch knapp über 40 Prozent. Deutschland liegt damit nicht nur hinter dem EU-Durchschnitt, seine Kurve zeigt auch in die entgegengesetzte Richtung. Im Rest der EU steigt der Anteil der Home Office-Worker seit einigen Jahren leicht, aber kontinuierlich an. Rund 20 Prozent aller Angestellten in der EU arbeiten schon zeitweise zuhause.

Heimarbeit im europäischen Vergleich

Von 31 untersuchten EU-Ländern inklusive der Schweiz, Island und Norwegen liegt Deutschland auf Platz 18. Hier noch einige Beobachtungen aus dem Rest Europas ...

  1. Island: Das einzige Land Europas mit einer Heimarbeiter-Quote von über 30 Prozent - und damit deutlicher Spitzenreiter vor Schweden. Die meisten Isländer arbeiten allerdings nicht regelmäßig, sondern nur manchmal in den eigenen vier Wänden.
  2. Niederlande: In den Niederlanden haben Arbeitnehmer seit Mitte 2015 einen Rechtsanspruch auf Heimarbeit. Der Arbeitgeber muss seitdem nachweisen, dass sie aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist. Ein Vorbild für Deutschland? Noch liegt die Quote der Heimarbeiter im Nachbarland ungefähr auf deutschem Niveau.
  3. Skandinavien: In Schweden, Dänemark und Finnland arbeiten 20 bis 25 Prozent aller Arbeitnehmer zeitweise zuhause. Von den skandinavischen Ländern fällt nur Norwegen etwas ab, liegt in etwa auf einem Level mit Deutschland. Mit dem Unterschied, dass der Anteil der Norweger, die „gewöhnlich“ zuhause arbeiten und nicht nur „manchmal“, deutlich höher ist als bei uns.
  4. Großbritannien: Die Briten liegen im EU-Vergleich auf Platz fünf. Rund 20 Prozent machen auf der Insel vom Home Office Gebrauch - aber fast alle nur ab und zu.
  5. Osteuropa: Dass die wirtschaftlich eher schwachen osteuropäischen Länder keine sonderlich flexiblen Arbeitszeitmodelle haben, erstaunt nicht. Für Rumänen, Letten, Litauer, Tschechen, Slowaken und Ungarn gibt es kaum Möglichkeiten zur Heimarbeit. Etwas besser sieht es in Polen und Lettland aus, hier liegt die Quote sogar leicht über der deutschen. Positive Ausnahme: Slowenien mit rund 15 Prozent Home Office-Arbeitern.
  6. Südeuropa: Auch die gebeutelten Volkswirtschaften des Südens haben vermutlich andere Sorgen als flexible Zeitmodelle. Während allerdings Portugal in dieser Beziehung mit über zehn Prozent noch recht gut dasteht, fallen vor allem Spanien, Griechenland, Kroatien und Zypern ab. Besonders schlecht ist die Quote in Italien. Auf dem Stiefel ist die Anzahl der Heimarbeiter minimal, bei rund zwei Prozent, niedriger ist die Quote von allen EU-Ländern nur noch in Rumänien.

Für Deutschland ist dabei der entscheidende Punkt: Viele Arbeitnehmer könnten nicht nur vermehrt von zuhause arbeiten, sie wollen es auch. "Von denjenigen, die bisher noch nicht zu Hause arbeiten, aber es von den Arbeitsbedingungen her könnten, würden zwei Drittel von zu Hause arbeiten, wenn der Chef ein entsprechendes Angebot machen würde. Das ist umgerechnet jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland. Nur ein Drittel will lieber im Betrieb sein. Bloß ist es oftmals so, dass die Arbeitgeber nicht daran denken, den Beschäftigten Heimarbeit zu gewähren. Besonders ausgeprägt ist dieses Missverhältnis zwischen Wunsch und Gewährung von Heimarbeit bei Banken und Versicherungen sowie bei der öffentlichen Verwaltung. Hier sind offensichtlich noch in besonderem Maße personalpolitische Dinosaurier aktiv", sagt dazu Karl Brenke, Wissenschaftlicher Referent im Vorstand des DIW.

Insbesondere administrative Tätigkeiten könnten oftmals gut und gerne nach Hause verlegt werden - oder auch kreative Aufgaben in Agenturen. Aber, so Brenke, "in vielen Betrieben ist es auch so, dass vorrangig die Anwesenheit zählt."

Natürlich ist auch nicht jeder Job mit dem Heimbüro kompatibel. Ein Gärtner, Klempner oder Landwirt muss vor Ort ackern, genauso wie ein Verkäufer im Einzelhandel, Kellner oder Köche in der Gastronomie, Pfleger oder Physiotherapeuten im Gesundheitsbereich. Grundsätzlich gilt: Je höher die Qualifikation, desto eher ist Heimarbeit möglich. Drei Viertel der Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss voraussetzen, könnten im Home Office erledigt werden, schätzt das DIW. Bei einfachen Tätigkeiten, für die nicht mal ein Schulabschluss nötig ist, trifft das dagegen nur auf ein Sechstel zu.

Heimarbeit: (Un)Möglich

  1. Kleine Unternehmen

    In Kleinstbetrieben ist die Motivation der Arbeitnehmer geringer, sich ins Home Office zurückzuziehen. In großen und mittleren Unternehmen ist sie größer und wird auch häufiger in Anspruch genommen. Über den Grund spekuliert das DIW: Möglicherweise hänge dies mit größerer Verbundenheit oder der familiären Atmosphäre in den kleinen Betrieben zusammen, vielleicht aber auch mit größerer sozialer Kontrolle.

  2. Finanzdienstleistungen

    In der Finanzbranche ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität am größten. Ein überwiegender Teil der Beschäftigten würde gerne mehr von zuhause arbeiten, darf es aber oftmals nicht.

  3. Beamte

    71 Prozent der Beamten im höheren Dienst arbeiten im häuslichen Arbeitszimmer - Bestwert. Logische Erklärung: Sie bestehen zum großen Teil aus Lehrern, die Korrekturarbeit und Vorbereitung generell zuhause machen (müssen). Bei Beamten im einfachen und mittleren Dienst sieht die Praxis schon wieder völlig anders aus. Von ihnen sitzen nur 13 Prozent im Home Office, obwohl es für weitaus mehr nach eigener Einschätzung durchaus machbar - und auch wünschenswert - wäre.

  4. Vollzeitstelle

    14 Prozent der Vollzeit-Beschäftigten sind Heimarbeiter, zehn Prozent der Teilzeitarbeiter und nur sieben Prozent der geringfügig Beschäftigten. Je prekärer die Beschäftigung, desto weniger flexibel scheint sie auch ausgestaltet zu sein. Das ist kein Naturgesetz. Von den Teilzeitkräften etwa geben 29 Prozent an, sie könnten durchaus mehr von zuhause arbeiten, tun (dürfen) es aber nicht. Wünschen würde sich das mit 61 Prozent wiederum eine klare Mehrheit.

  5. Familie

    Zeitliche und räumliche Flexibilität ist kein reines Familienthema. Ob Single, Paar, mit oder ohne Kind - diese Parameter haben auf die Anzahl der Heimarbeiter keinen so großen Einfluss, wie man vielleicht vermuten könnte. 11 Prozent der Arbeitnehmer mit Kindern im Haushalt arbeiten zuhause, 14 Prozent derer ohne Kinder.

Heimbüro: Hier ist es verbreitet

Wirtschaftsbereich Arbeitsplatz erlaubt keine Arbeit zuhause Arbeitsplatz erlaubt sie und es wird zuhause gearbeitet Arbeitsplatz erlaubt sie, aber es wird bisher nicht zuhause gearbeitet
Land-, Forstwirtschaft 71 Prozent 14 Prozent 15 Prozent
Produzierendes Gewerbe ohne Bau 58 Prozent  9 Prozent 33 Prozent
Baugewerbe 72 Prozent  4 Prozent 24 Prozent
Handel 76 Prozent  3 Prozent 20 Prozent
Verkehr, Nachrichtenübermitt. 65 Prozent  8 Prozent 27 Prozent
Finanzdienstleistungen 29 Prozent 11 Prozent 60 Prozent
Unternehmensdienste, Grundstückswesen 31 Prozent 21 Prozent 48 Prozent
Öffentliche Verwaltung 40 Prozent  8 Prozent 51 Prozent
Konsumnahe Dienste, sonstige Dienstl. 62 Prozent 17 Prozent 21 Prozent

[Quelle: DIW Wochenbericht 5/2016, Bildnachweis: baranq by Shutterstock.com]