Anonyme Bewerbung: Pro & Contra

Es ist ein unangenehmes Thema, das aber gerade deshalb angesprochen werden muss: Das falsche Gesicht oder der falsche Name können manchmal schon ausreichen, um bei einer Bewerbung abgelehnt zu werden. Die Herkunft, das Geschlecht, das Alter können den Bewerbungsprozess beeinflussen. Zu Unrecht wird dann hochqualifizierten Bewerbern ein Job verwehrt. Nicht immer passiert dies durch böswillige Absicht, oft geschehen diese Beeinflussungen unbewusst – durch tiefsitzende Vorurteile. Zugeben will diese keiner. Das anonymisierte Bewerbungsverfahren soll vor Diskriminierung schützen und Chancengleichheit fördern. Die Bundesregierung will mit gutem Beispiel voran gehen, doch die Unternehmen bleiben skeptisch. Wie sinnvoll sind anonyme Bewerbungen?

Anonyme Bewerbung: Pro & Contra

Vorurteile im Bewerbungsprozess

Eine junge Frau wird vielleicht schwanger, ein 50-Jähriger bringt keine neuen Impulse, ein Arbeitnehmer mit Behinderung ist möglicherweise weniger leistungsfähig – alles Vorurteile, die auf dem Arbeitsmarkt herumschwirren und Betroffenen die Jobsuche erheblich erschweren. Häufig scheitern sie bereits in der ersten Bewerbungsrunde, obwohl die Qualifikationen stimmen.

Selbst wenn man sich vornimmt, nicht zu diskriminieren, kann man es faktisch trotzdem tun, denn die meisten Vorurteile sind unterbewusst verankert. Sie können die Entscheidungen beeinflussen, auch wenn man es nicht will. Man schaut auf das Foto oder auf die Familienverhältnisse und promt sind die eigenen Wertvorstellungen Teil des Entscheidungsprozesses. Welche Vorurteile man hat, ist einem dabei oft gar nicht richtig bewusst.

Dabei sind es nicht immer die bekannten Vorurteile, denn die Klischees sind vielfältig – und sie treten selektiv auf. Wer einen Bewerber mit Migrationshintergrund fair beurteilt, hat vielleicht eine unbewusste Abneigung gegen reiche Erben oder Bewerbern, denen scheinbar alles zugeflogen ist. Auch so können Vorurteile aussehen. Fakt ist, dass jeder Mensch Vorurteile hat. Sie sind eine zutiefst menschliche Eigenschaft und fest im Gehirn verankert.

Wie funktionieren die Vorurteile?

Vorurteile sind so etwas wie Schablonen im Denken eines Menschen und bilden sich bereits im Kindesalter. Kinder lernen die Welt zu verstehen und ordnen ihre Umgebung in gut und böse, schwarz und weiß ein.

Für die Entstehung einer solchen Schablone nutzt das Gehirn zwar Informationen aus dem Umfeld, jedoch spielen Häufigkeit und Intensität des Erlebens eine wichtigere Rolle als der Wahrheitsgehalt einer Information. Als beispielsweise nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 immer wieder von Terroristen im Zusammenhang mit dem Islam gesprochen wurde, entstand so eine Schablone im Denken vieler Menschen. Diese Schablone wird dann bei einer anderen Gelegenheit wieder aktiviert, beispielsweise beim Sicherheitscheck am Flughafen. Ganz automatisch öffnet das Gehirn die angelegte Denkschublade.

Innerhalb weniger Augenblicke ordnet der Mensch auf diese Weise seine Umgebung in Kategorien. Diese Fähigkeit des Gehirns ist überlebenswichtig, sie ermöglicht eine schnelle Informationsverarbeitung, denn je schneller ein Mensch sein Umfeld einordnen kann, desto schneller kann er auch auf Gefahren reagieren. Dies geschieht beispielsweise auch, wenn Sie nachts alleine unterwegs sind und einer anderen Person in einer dunklen Straße begegnen. Blitzschnell sammelt Ihr Gehirn dann alle Informationen zu dieser Situation und kommt vielleicht zu dem Schluss, dass es sich um eine Gefahr handelt. Automatisch werden Sie Ihren Schritt beschleunigen.

Entscheidend für die Einschätzung der Gefahr, war nicht die tatsächliche Situation, sondern die Bilder und Informationen, die Sie im Gehirn abgespeichert haben. Diese Informationen können beispielsweise häufige Nachrichten von nächtlichen Überfällen sein. Daraus leiten Sie die Gefahr ab, obwohl es sich tatsächlich auch nur um einen Zeitungsboten, der bereits in den frühen Morgenstunden arbeitet, handeln kann.

Haben sich Vorurteile gebildet, ist es schwer, sich wieder von diesen zu lösen, denn Vorurteile beeinflussen die Informationsverarbeitung. Informationen, die diese bestätigen, werden eher als wahr eingeschätzt als solche, die Ihnen widersprechen.

Vorurteile ganz loszuwerden ist unmöglich. Aber jemand, der weiß, dass sie seine Wahrnehmung verzerren, kann verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen und seine Entscheidungen hinterfragen.

Anonyme Bewerbung: Mehr Chancengleichheit im Bewerbungsprozess

Um zu verhindern, dass Personalchefs sich von ihren unterbewussten Vorurteilen beeinflussen lassen, wurde ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren entwickelt. Darin soll es allein um die Leistung und die Eignung eines Bewerbers gehen.

In einem standardisierten Verfahren verzichten Bewerben auf die Angabe von Name, Geburtsdatum, Familienstand, Geschlecht, Herkunft und allen anderen personenbezogenen Informationen. Der erste Eindruck soll anonym sein. Sie füllen ein Formular aus, in dem sie ihre Abschlüsse, Qualifikationen sowie ihre aktuelle Berufserfahrung angeben.

Danach erfolgt die Einladung zum Vorstellungsgespräch. Erst mit dieser Einladung werden die konkreten Informationen zur Person nachgeliefert.

Was ist das Ziel dieses Bewerbungsverfahrens?

Diese Form der Bewerbung soll vor Diskriminierung schützen. Durch den Wegfall aller personenbezogenen Daten wird Vorurteilen der Kampf angesagt und die Chancengleichheit bei der Rekrutierung von Arbeitnehmern gefördert. Damit soll eine faire Bewerbungskultur in Deutschland etabliert werden.

Gibt es bereits Erfahrungen mit dem anonymen Bewerbungsverfahren?

2011 initiierte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ein Pilotprojekt. Neun Arbeitgeber, die für ein Jahr ausschließlich anonymisierte Bewerbungsverfahren anwenden wollten, darunter neben großen Namen wie Deutsche Telekom, Deutsche Post und Procter & Gamble auch Mydays und die Stadtverwaltung Celle, beteiligten sich an dem Projekt.

Im Laufe des Projekts wurden über 8.500 Bewerbungen anonymisiert ausgewertet und 246 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze besetzt. Mydays behält auch weiterhin das Verfahren für einige Stellen bei, während die Deutsche Telekom und die Deutsche Post nach dem Jahr Abstand davon genommen haben.

Das Ergebnis war, dass insbesondere die Chancen von Frauen und Migranten sich durch das Verfahren erheblich verbessert hatten. Kritik gab es vor allem daran, dass es keine Vergleichsgruppe gegeben hätte und dem ganzen Abschlussbericht konkrete Daten und Zahlen fehlen.

Anonyme Bewerbung: Was sagen Arbeitgeber und Bewerber?

Die Mehrheit der Arbeitgeber ist skeptisch, was den Erfolg des anonymen Bewerbungsverfahrens angeht. Ein Kandidat ohne Eigenschaften ist schwierig einzuschätzen. Es ist ein bisschen so, als würde man die Katze im Sack kaufen, denn viele Personalchefs verlassen sich bei der Auswahl auf ihre Menschenkenntnis und würden den Bewerber gerne so gut, wie möglich kennenlernen.

Im ersten Moment ist das neue Bewerbungsverfahren für viele Bewerber gewöhnungsbedürftig, jedoch bietet es solchen Bewerbern, die in normalen Bewerbungsverfahren bis dato keinen Erfolg hatten, eine Chance.

Pro & Contra der anonymen Bewerbung

Pro

Daumenhoch_t

  • Chancengleichheit

    Auch Bewerber, die mit Vorurteilen kämpfen, haben die Chance durch ihre Qualifikationen zu überzeugen.

  • Effizienzsteigerung

    Durch das standardisierte Verfahren, erhalten die Personalchefs die Informationen zu den Bewerbern in komprimierter Form. Die Sichtung aller Kandidaten wird vereinfacht.

  • Vergleichbarkeit

    Schlüsselinformationen sind besser ersichtlich und können leichter miteinander verglichen werden.

  • Vielfalt

    Dadurch, dass keine personenbezogenen Daten bekannt sind, können neue Bewerbergruppen erschlossen werden.

Contra

Daumenrunter_t

  • Berufsanfänger

    Für Bewerber mit wenig Erfahrung ist das Verfahren ungeeignet, da sie noch nicht über genügend Qualifikationen und Stationen im Lebenslauf verfügen, um sich hervorzuheben.

  • Aufschub

    Kritiker behaupten, dass sich an der Diskriminierung nichts ändere, da diese nur in die zweite Runde, in der die personenbezogenen Daten bekannt sind, verschoben würde. Bloß weil jemand zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, bedeutet das nicht, dass er auch den Job erhält.

  • Bürokratie

    Der bürokratische Aufwand ein passendes Formular zu erstellen und eine detaillierte Stellenausschreibung zu entwickeln ist größer, als in einem normalen Bewerbungsverfahren.

  • Individualität

    Der individuelle Berufsweg und die persönlichen Umstände finden keine Beachtung. Kritiker sind der Meinung, dass es nicht unbedingt aussagekräftig sei, allein die Leistungen zu bewerten.

  • Spezifische Stellen

    Das Verfahren eignet sich nicht, um jede Stelle zu besetzen. Bei der Besetzung von Führungspositionen und Kreativstellen ist die Anonymität des Kandidaten eher hinderlich.

Im Bewerbungsprozess kommt es nicht auf ein vorurteilsfreies, sondern vorurteilsbewusstes Verfahren an. Jedes Unternehmen muss ein Bewerbungsverfahren verfolgen, das zu ihnen und zur ausgeschriebenen Stelle passt.

[Bildnachweis: NeydtStock by Shutterstock.com]

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7. März 2016 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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