Dialekt im Job: Wie bitte, Chef?

Wie viel Dialekt verträgt die Karriere? Eine Frage, die nicht eindeutig zu beantworten ist. Mal sind Dialekte regelrechte Beziehungsbooster, mal schaden sie der eigenen Seriosität. Abhängig ist das vom eigenen Status und dem beruflichen Umfeld, aber auch von der sprachlichen Färbung selbst. Während das zünftige Bayerisch mit dem rollenden „R“ und dem stimmhaften „S“ bei manchem Zuhörer die Assoziation von frischer Luft, unberührter Natur und saftig grünen Wiesen weckt, kommen die „Ö“-Laute aus dem Sächsischen oft nicht so gut an. Übertreiben sollte man es mit dem Dialekt im Job generell nicht. Wer von seinen Mitarbeitern immer wieder fragend angeschaut wird und häufiger ein Wie bitte, Chef? hört, macht definitiv etwas falsch…

Dialekt im Job: Wie bitte, Chef?

Dialekt im Beruf kann Türen öffnen

Eines vorab: Dialekt im Beruf wird nicht generell verteufelt, er kann für die Authentizität des Sprechers stehen und ist manchen Bereichen sogar erwünscht. Zum Beispiel bei Berufen mit Kundenkontakt.

Insbesondere in ländlichen Gegenden kann die gemeinsame sprachliche Basis ein Türöffner sein:

  • Sie sorgt auf Anhieb für eine sprachliche Nähe und weckt Vertrauen.
  • Sie stellt Mitarbeiter und Kunden auf die gleiche Ebene und zeigt: Ich bin einer von Euch.
  • Der Mitarbeiter wirkt nicht überheblich oder überkandidelt, im Gegenteil: Er sagt subtil: Ich spreche dieselbe Sprache wie du – buchstäblich.

In einem überregional agierenden Callcenter wiederum bekämen Mitarbeiter sicherlich Probleme, wenn Kunden sie aufgrund ihres Dialekts nicht richtig verstünden. Es hängt also – wie so oft – vom konkreten Fall ab.

Gänzlich ungefilterter Dialekt im Beruf ist jedoch immer eine Gratwanderung. Denn jeder Dialekt polarisiert, mitunter auch in der eigenen Region. Und keiner wird durchweg positiv oder negativ bewertet.

Eine repräsentative Liste der deutschen Top- und Flop-Dialekte lässt sich daher praktisch nicht erstellen. Das Statistikportal Statista hat sich dem dennoch angenommen und fragte nach den beliebtesten Mundarten. Hier zumindest eine Referenz:

Die Top Ten deutscher Dialekte

  1. Bayerisch (35 Prozent)
  2. Norddeutsch, Platt (29 Prozent)
  3. Berlinerisch (22 Prozent)
  4. Schwäbisch (20 Prozent)
  5. Rheinländisch (19 Prozent)
  6. Hessisch (13 Prozent)
  7. Sächsisch (10 Prozent)
  8. Fränkisch (10 Prozent)
  9. Pfälzisch (8 Prozent)
  10. Badisch (8 Prozent)

Diese Statistik ist aber mit Vorsicht zu genießen. Umgekehrt nach den unbeliebtesten Dialekten gefragt, ergaben sich höchst widersprüchliche Ergebnisse. So taucht etwa Bayerisch sowohl im Ranking der beliebtesten als auch unbeliebtesten Dialekte ganz oben auf. Einmal auf Platz eins, einmal auf Platz zwei. Berlinerisch belegt derweil in beiden Erhebungen den dritten Platz. Dialekt ist also offensichtlich Geschmacksache.

Dialekt transportiert historische Assoziationen

Auch Sächsisch gilt als problematisch. Nicht nur wegen seines speziellen Klangbildes, auch weil mit dem Dialekt ein schwarzer Punkt der deutschen Geschichte assoziiert wird: Zu DDR-Zeiten wurde der Eindruck von Ostdeutschland maßgeblich von den Gefolgsleuten rund um Erich Honecker geprägt. Und diese sprachen zumeist Sächsisch.

Derlei Beispiele lassen sich auch für andere Regionen finden: Altbundeskanzler Helmut Kohl etwa wirkte mit seinem breiten Pfälzer Zungenschlag behäbig und altbacken und war allein schon deswegen immer wieder dem Spott und Hohn vieler Satiriker ausgesetzt. Dialekt ist also so eine Sache – gerade im Job.

Im beruflichen Umfeld gilt: Wer redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, läuft Gefahr Sympathien zu verspielen. Aber nicht allein, weil der Sprachklang seines Dialekts in anderen Ohren auf Abwehr stoßen könnte. Er nimmt auch bewusst in Kauf, nicht verstanden zu werden.

Dialekt im Job: Man sollte umschalten können

Hier ist schnell die Grenze zur Unhöflichkeit erreicht. Muss der Gesprächspartner immer wieder nachfragen und versteht auch nach wiederholtem Male nur Bruchstücke, wendet er sich irgendwann genervt ab. Jetzt noch eine gemeinsame Ebene zu finden, dürfte schwierig werden.

Insofern gilt: Platt im Job ist bis auf ganz wenige Ausnahmen ein absolutes No-Go. Eine gewisse regionale Sprachfärbung dagegen gilt tendenziell als unproblematisch. Manche Redner, Unternehmer oder Manager setzen diese sogar bewusst als ihr Markenzeichen ein.

Das bietet sich immer dann an, wenn die jeweilige Position einen regionalen Bezug hat. Ein Fußballtrainer kann auf diese Weise zum Beispiel das Zugehörigkeitsgefühl zu seinem Verein untermauern. Auch Lokalpolitikern wird ein heimischer Sprachklang nicht negativ ausgelegt.

Oberstes Prinzip ist hierbei jedoch die Verständlichkeit. Eine regionale Sprachfärbung ist in aller Regel unproblematisch, so lange sie so nah am Hochdeutsch ist, dass sie von allen verstanden wird.

Dialekt im Job: Je intellektueller, desto hochdeutscher

Und: Je intellektueller und ernsthafter die Themen und die jeweilige Position sind, desto mehr erwarten Zuhörer ein klares Hochdeutsch. Wer dann nicht umschalten kann, wird nicht ernst genommen und belächelt.

Zu einem sprachlichen Albtraum wird das insbesondere für Persönlichkeiten, die sich auf internationalem Parkett bewegen. Immerhin setzt sich ein massiver Dialekteinschlag auch in anderen Sprachen unüberhörbar durch. Ähnlich wie bei Günther Oettinger – Vorzeige-Schwabe, Ex-Ministerpräsident und seit 2014 EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft in Brüssel. Dessen öffentliche Versuche Englisch zu sprechen mit massivem schwäbischen Akzent sorgten einst für viel Aufruhr in den Medien.

Spätestens bei nationalen oder internationalen Meetings ist also eine gepflegte Aussprache und ein relativ akzentfreies Englisch die Voraussetzung, um sich ernsthaft Gehör zu verschaffen.

Ein zu starker Dialekt lenkt den Zuhörer ab

Denn die Ablenkung des Zuhörers durch einen starken Akzent ist nicht zu unterschätzen. Immerhin ist dieser einen Moment lang überrascht, bis er sich an den ungewohnten Sprechstil gewöhnt hat. Wertvolle Zeit, in der wichtige Botschaften nicht an den Mann gebracht werden können. Chance vertan.

Wer also von Haus aus dialektbehaftet ist und einen Schritt nach dem anderen auf der Karriereleiter nimmt, sollte spätestens ab dem mittleren Management darüber nachdenken, seine Aussprache zu trainieren und die Regeln korrekten Hochdeutschs zu verinnerlichen. Denn auch das ist ein Markenzeichen vieler Dialekte: Regelfreies Deutsch.

Hierfür gibt es spezielle Kurse für Manager. Doch es bringt wohlgemerkt nichts, Bayern, Schwaben und Sachsen in einem Kurs zusammenzuwerfen. Denn jeder muss anders an seiner Sprache feilen. Das rollende „R“ tangiert Schwaben zum Beispiel keine Spur, während es in Bayern durchaus ein Thema ist. Deshalb gibt es für jede Mundart inzwischen eigene Hochdeutsch-Kurse, auch online.

Das wäre übrigens auch von Brüssel aus machbar, Herr Oettinger.

Fluency-Effect: Wer mit Akzent spricht, ist weniger glaubwürdig

Wer mit einem fremden Akzent spricht, dem glaubt das Publikum deutlich weniger als einem Muttersprachler. Schuld daran ist der sogenannte Fluency-Effect. Er beschreibt unsere stereotype Neigung, Wörter, die flüssig und richtig artikuliert werden, automatisch für wahrer zu halten als akzentuiertes Gestammel.

Die beiden Psychologen der Universität von Chicago, Shiri Lev-Ari und Boaz Keysar, baten bei einem Experiment (PDF) dazu neun Redner einem Publikum 45 triviale Fakten zu präsentieren, darunter so sinnhafte Aussagen wie „Eine Giraffe kann länger ohne Wasser auskommen als ein Kamel“.

  • Drei der Vortragenden waren sogenannte native speaker, also amerikanische Muttersprachler.
  • Drei hatten einen leichten Akzent (polnisch, türkisch, deutsch).
  • Die restlichen drei einen starken Akzent (koreanisch, türkisch, italienisch).

Dem Publikum wurde indes zuvor glaubhaft versichert, die präsentierten Daten würden auf einer verifizierten Studie basieren und die Redner seien nur die Botschafter – nicht die Studienautoren.

Was passierte? Genau: Auf einer Skala von 0 (Ich glaube dem kein Wort!) bis 14 (Das ist definitiv wahr!) schnitten die akzentfreien Muttersprachler mit statistisch signifikantem Abstand am besten ab. Die vermeintlich ausländischen Redner dagegen büßten an Glaubwürdigkeit ein. Konkret: Muttersprachler kamen auf ein Glaubwürdigkeitsmittel von 7,59; jene mit leichtem Akzent auf 6,95; mit starkem Akzent auf einen Wert von 6,84. Der Unterschied hört sich wenig an, ist aber wissenschaftlich ein relevanter. Drum Alda, s’nächste Mal wenn du Rede hälls, sprisch Doitsch, Mann!

[Bildnachweis: Roman Samborskyi by Shutterstock.com]
5. Juli 2015 Autor: Sonja Dietz

Sonja Dietz arbeitet als freiberufliche Journalistin und Social-Media-Redakteurin. Die studierte Germanistin verfügt über eine vertiefte Expertise im Bereich HR-Management. Ihr besonderes Interesse gilt dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt.

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