Kommentar: Muss das Anschreiben wirklich sein?

Die Meldung sorgte für ziemlichen Wirbel: Die Deutsche Bahn erlaubt jetzt die Bewerbung ohne Bewerbungsschreiben. Lebenslauf und Zeugnisse reichen für angehende Azubis aus. Die Begründung: Für Schüler und Absolventen sei das Formulieren eines Anschreibens einfach zu schwierig. Und überhaupt: Ist das Anschreiben noch zeitgemäß – oder nicht längst ein Relikt von anno dunnemals? Viel zu kompliziert, zu abschreckend und so nützlich wie eine Wärmflasche aus Schokolade??? Ist es nicht! Das Bewerbungsanschreiben ist zwar nicht besonders beliebt, manchmal sogar unfreiwillig komisch – aber gerade Berufsanfängern bietet es enorme Chancen…

Kommentar: Muss das Anschreiben wirklich sein?

Kein Anschreiben bei der Bahn? Ein cleverer Zug

Der mediale Wirbel, den die Bahn gerade verursacht, kommt dem Unternehmen durchaus gelegen. In den kommenden zehn Jahren verlässt rund die Hälfte der Belegschaft das Unternehmen – aus Altersgründen. Man könnte also auch salopp sagen: Der Bahn gehen bald die Fachkräfte aus. Entsprechend sucht der Konzern händeringend nach neuen Mitarbeitern. Rund 19.000 sollen allein dieses Jahr eingestellt werden, davon 3600 Auszubildende.

Um die zu bekommen, gibt es aber nur eine Chance: Hürden senken. Und das Bewerbungsanschreiben ist scheinbar so eine.

Wer im Jahr 2019 bei der Bahn als Azubi anfangen will, muss deshalb auf der Bewerbungsseite der Bahn ab Herbst nur noch Lebenslauf und Zeugnisse hochladen. Zudem sollen noch weitere Berufsgruppen identifiziert werden, bei denen auf das Anschreiben verzichtet werden kann.

Hört sich doch super an, oder?

So ein Zugeständnis an die Bewerber kommt einem Geschenk gleich – und macht die Bahn natürlich auch irgendwie modern und sympathisch (was ja auch beabsichtigt ist). So manche Kandidaten dürften sich jetzt fragen: Karriere bei der Bahn – warum nicht?

Der Staatskonzern ist allerdings längst nicht das erste Unternehmen, das das Anschreiben abschafft. Schon vor rund zwei Jahren, im Juli 2016, verkündete Telefónica Deutschland auf das Bewerbungsschreiben verzichten zu wollen: „So sparen Bewerber ihre Zeit, denn sie müssen sie nicht mehr mit dem Entwurf eines Anschreibens verschwenden“, hieß es in der Pressemitteilung.

Bei Daimler TSS, der IT-Tochter des gleichnamigen Autobauers, wurde das Anschreiben ebenfalls abgeschafft. Bewerber können sich hier stattdessen mithilfe eines Videos vorstellen – in „15 Sekunden“. Oder auch länger, wenn sie wollen.

Ein Trend? Manche halten die Abschaffung des Anschreibens daher schon für das „next big thing“ im Recruiting. „Das klassische Anschreiben verliert an Bedeutung“, titeln etwa zweifelhafte Studien, wie zum Beispiel die von Robert Half unter 700 Arbeitgebern in Deutschland und der Schweiz. Deren Erkenntnis:

Viele Personaler empfinden das Anschreiben als überflüssig. Die Hälfte kritisiert dabei die fehlende Aussagekraft. Aneinander gereihte Phrasen erzählen nichts über den Bewerber selbst und sind nichts als eine subjektive Wahrnehmung.

Ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich aus Umfragen falsche Schlüsse ziehen lassen! Weil Phrasen nichts über Bewerber aussagen (was durchaus zutreffend ist), verliere das Anschreiben an Bedeutung… Ja, DIESE phrasenhaften Anschreiben verlieren an Bedeutung. Aber erstens schon immer – eben weil sie ohne Aussagekraft sind und daher schon immer überflüssig. Und zweitens alle anderen Anschreiben nicht.

Würde sich in den Bewerbungsschreiben echter Mehrwert finden, würden Personaler diese mit Sicherheit auch lesen und den Text sogar sehr nützlich finden. Oder kurz: Die Bedeutung des Anschreibens würde steigen.

Man sollte sich also nicht täuschen lassen: Weder zeigen solche Umfragen tatsächlich eine sinkende Bedeutung von Bewerbungsanschreiben, noch sind sie überflüssig. Dahinter steckt vielmehr oft nur ein verzweifelter Kampf gegen den Fachkräftemangel. Teils auch nur geschicktes Employer Branding.

Das Anschreiben wird es auch weiterhin geben – denn es ist sinnvoll.

Hassliebe Anschreiben: Ist das gut oder kann das weg?

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit bewerbe ich mich bei Ihnen für einen Ausbildungsplatz als …

Wenn es schon so losgeht, zählen Personaler eigentlich nur noch die Tage bis zu ihrer Rente. Ungeliebt, unehrlich, unnütz, unnötig – lauten oft die Adjektive, die dem Anschreiben zugedacht werden. Angesichts der obigen Zeilen nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Laut Umfragen sitzen, feilen, formulieren Bewerber im Schnitt 74 Minuten an dieser Seite. Knapp jedem zweiten Bewerber (42 Prozent) graut sogar vor dem Anschreiben, und fast jeder vierte Bewerber hat schon eine Stelle ausgeschlagen, weil ihm das Formulieren des Anschreibens zu kompliziert war.

Es gibt Studien (wie etwa vom Portal meinestadt.de), wonach das Verfassen eines Anschreibens für Bewerber ungefähr so amüsant ist wie eine Wurzelbehandlung. Ein Auswahl-Dinosaurier sei das. Und ein Schreckgespenst dazu. Es mache nur Arbeit – und was drin steht, sei zudem meist noch gemogelt, geschönt und gepimpt.

Wer sich bewirbt, will sich schließlich von seiner besten Seite zeigen. Zwangsläufig steckt im Motivationsschreiben selten so etwas wie „Ich bin jung und brauche das Geld, den Job, die Erfahrungen“, sondern eher Euphemismen vom Typ „Ich bin hochmotiviert, belastbar, teamfähig und suche neue Herausforderungen“.

Zugegeben: Da wo nur noch Floskeln genutzt und Phrasen gedroschen werden, bis nur noch Wortspreu übrig bleibt, versprüht der Bewerbungsbrief allenfalls den matten Glanz einer alten Zinkkanne.

ABER: Wer wegen zahlloser Irrschriften gleich das Anschreiben abschaffen will, kann auch fordern, Facebook wegen zahlreicher Deppen- und Hass-Kommentare zu schließen. Nicht das Anschreiben als Instrument ist ja das Problem, sondern der oder die Verfasser(in).

Das Instrument selbst ist nach wie vor sinnvoll. Sehr sogar.

Dazu muss man kurz etwas ausholen…

Eine Bewerbung besteht im Wesentlichen aus drei Teilen:

  • Anschreiben
  • Lebenslauf
  • Zeugnisse und andere Anlagen

Dabei bildet der Lebenslauf das Herzstück. Er wird in der Regel zuerst gelesen und zeigt dem Personalentscheider möglichst übersichtlich und auf einen Blick, ob der Kandidat alle erforderlichen (Muss- und Kann-)Qualifikationen mitbringt.

Während der Lebenslauf das Profil des Bewerbers schärft, spiegelt das Bewerbungsschreiben vor allem dessen Motivation und Persönlichkeit. Es ist – wie manche Ratgeber fälschlicherweise schreiben – keine „Arbeitsprobe“ (höchstens indirekt), sondern ein Unterscheidungskriterium – und eine große Chance.

Stellen Sie sich einfach ein paar abschlussnahe Schüler oder Uni-Absolventen vor. Wie sehen deren Lebensläufe und Zeugnisse aus? Genau: nahezu identisch!

Hat die Schule besucht, Abitur gemacht, Ausbildung absolviert oder studiert und hat sogar Noten dafür bekommen… Dazu gesellen sich noch ein paar Praktika, vielleicht sogar was im Ausland, Fremdsprachenkenntnisse – meistens Englisch. Wie soll ein Personaler da den besten Kandidaten finden? Einfach alle einladen, ist ein enormer Aufwand und in der Regel auch zu teuer.

Und die Leute per Nasenfaktor und Attraktivität auf dem Bewerbungsfoto auswählen? Das wird zwar gemacht (eben dann, wenn andere Kriterien fehlen), aber eigentlich will das ja keiner.

An der Stelle kommt das Anschreiben ins Spiel: Es bietet die Chance, mehr zu sein als ein noch recht dünner (und austauschbarer) Lebenslauf. Oder einer mit zu vielen und womöglich fragwürdigen Brüchen darin.

Im Anschreiben können Kandidaten nicht nur einen Bezug zwischen Vita und Job herstellen, Soft Skills betonen, Lernwille und echtes Interesse bekunden – hier blitzt (idealerweise) etwas auf, was häufig den entscheidenden Unterschied macht: Individualität, Leidenschaft, Charakter.

Wer braucht das Anschreiben wirklich?

Nur allzu gerne wird bei der Debatte, ob das Anschreiben überhaupt noch zeitgemäß sei oder nicht einfach nur weg kann, reflexartig auf die hohen Anforderungen, die (angeblich viel zu) zahlreichen Tipps, Tricks und Regeln für das Anschreiben und den daraus resultierenden Unmut der Bewerber verwiesen.

Es stimmt ja auch: Ein Anschreiben zu formulieren, zu strukturieren und jedes Mal für einen Arbeitgeber zu individualisieren, macht Arbeit. Viel Arbeit sogar. Es kostet Zeit, Kreativität und Hirnschmalz. Wer hier nur stumpf Vorlagen kopiert oder lieblose Sätze runterrotzt, bekommt eher keine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Entsprechend erwartbar, zustimmend und dankbar reagieren viele Bewerber, wenn irgendwo mal wieder das Ende des lästigen Anschreibens ausgerufen wird. Der Reflex allein ist aber noch kein Beleg dafür, dass das Anschreiben überflüssig wäre.

Der Gedanke ist auch zu kurzsichtig. Das Resultat wären wieder nahezu identische Lebensläufe und ein Recruiting auf Basis von Schulnoten oder Bild-Attraktivität. Denn weder Persönlichkeit noch Prosa haben im CV Platz. Hier zählen ausschließlich Fakten.

Natürlich – das muss man einräumen – sinken Wert und Notwendigkeit eines Anschreibens, je weiter die Karriere voranschreitet. Eine Führungskraft mit 20 Jahren Berufserfahrung wird kaum wegen der dokumentierten Eloquenz im Bewerbungsschreiben ausgewählt, sondern wegen ihres aussagekräftigen Lebenslaufs, der Referenzen und bisherigen Erfolge.

Aber selbst hierbei könnte ein professionelles Anschreiben natürlich noch die Stationen im Lebenslauf erweitern und auf wichtige Soft Skills eingehen, die die neue Position zwingend verlangt.

Die größte Wirkung aber entfaltet das Bewerbungsanschreiben bei Berufsanfängern oder Quereinsteigern.

Hier liefert es ein veritables Unterscheidungsmerkmal und kann (wenn es gut gemacht ist) einen Bewerber positiv von der Masse abheben und den entscheidenden Ausschlag geben, wer eine Runde weiterkommt und wer nicht. Und das ist ja – aus Sicht der Kandidaten – der entscheidende Sinn und Zweck. Sonst müsste man sich gar nicht erst bewerben.

Keine Frage, am Ende ist so ein Anschreiben nur Gebrauchsprosa mit Verfallsdatum. Es geht um den Job, um einen Fuß in der Tür. Das ist die Hauptsache. Verglichen mit dem Lebenslauf spielt das Anschreiben nur eine untergeordnete Rolle. Und keine Stelle wird besser dadurch, dass man darin große Literatur zu Papier bringt. Das verlangt aber auch niemand.

Darauf zu verzichten, ist vielleicht komod, spart Zeit und senkt Bewerbungshürden. Den Auswahlprozess leichter macht es aber nicht – es verschiebt das Problem nur ins Vorstellungsgespräch, wo wiederum jene öfter punkten, die sich im Gespräch besser verkaufen können.

Aus Bewerbersicht hieße der Verzicht zudem, eine nützliche Profilierungschance zu verschenken, die – eben dank zahlreicher Tipps und Ratgeber (siehe Kasten unten) – auch keine Raketenwissenschaft ist. Das Anschreiben wegzulassen, mag bequem sein. Es ist aber blöd.

[Bildnachweis: Elena Abrazhevich by Shutterstock.com]

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27. Juni 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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