Kommentar: Muss das Anschreiben wirklich sein?

Die Meldung sorgte für Wirbel: Die Deutsche Bahn erlaubt die Bewerbung ohne Bewerbungsschreiben. Lebenslauf und Zeugnisse reichen für angehende Azubis aus. Begründung: Für Schüler und Absolventen sei das Formulieren eines Anschreibens zu schwierig. Und überhaupt: Ist das Anschreiben noch zeitgemäß – oder nicht längst ein Relikt von anno dunnemals? Viel zu kompliziert, zu abschreckend und so nützlich wie eine Wärmflasche aus Schokolade??? Ist es nicht! Das Bewerbungsanschreiben ist zwar nicht beliebt, manchmal sogar unfreiwillig komisch – aber gerade Berufsanfängern bietet es enorme Chancen…

Kommentar: Muss das Anschreiben wirklich sein?

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Kein Anschreiben bei der Bahn: Ein cleverer Zug?

Der mediale Wirbel, den die Bahn verursacht, kommt dem Unternehmen durchaus gelegen. In den kommenden zehn Jahren verlässt rund die Hälfte der Belegschaft das Unternehmen – aus Altersgründen. Man könnte also salopp sagen: Der Bahn gehen die Fachkräfte aus. Entsprechend sucht der Konzern händeringend nach neuen Mitarbeitern. Rund 19.000 sollen allein dieses Jahr eingestellt werden, davon 3600 Auszubildende.

Um die zu bekommen, gibt es aber nur eine Chance: Hürden senken. Und das Bewerbungsanschreiben ist so eine. Wer bei der Bahn als Azubi anfangen will, muss deshalb auf der Bewerbungsseite der Bahn nur noch Lebenslauf und Zeugnisse hochladen. Zudem sollen weitere Berufsgruppen identifiziert werden, bei denen auf das Anschreiben verzichtet werden kann.

Hört sich doch super an, oder?

So ein Zugeständnis an die Bewerber kommt einem Geschenk gleich – und macht die Bahn natürlich irgendwie moderner und sympathischer (was ja auch beabsichtigt ist). So manche Kandidaten dürften sich jetzt fragen: „Karriere bei der Bahn – warum nicht?“

Der Staatskonzern ist nicht das erste Unternehmen, das das Anschreiben abschafft. Schon vor rund zwei Jahren verkündete Telefónica Deutschland auf das Bewerbungsschreiben zu verzichten: „So sparen Bewerber ihre Zeit, denn sie müssen sie nicht mehr mit dem Entwurf eines Anschreibens verschwenden“, hieß es in der Pressemitteilung. Bei Daimler TSS, der IT-Tochter des gleichnamigen Autobauers, wurde das Anschreiben ebenfalls abgeschafft. Bewerber können sich hier stattdessen mithilfe eines Videos vorstellen – in 15 Sekunden oder länger.

Falsche Studien, falsche Schlüsse

Ein Trend? Manche halten die Abschaffung des Anschreibens schon für das „next big thing“ im Recruiting. „Das klassische Anschreiben verliert an Bedeutung“, titeln etwa zweifelhafte Studien, wie zum Beispiel die von Robert Half unter 700 Arbeitgebern in Deutschland und der Schweiz. Deren Erkenntnis:

Viele Personaler empfinden das Anschreiben als überflüssig. Die Hälfte kritisiert dabei die fehlende Aussagekraft. Aneinander gereihte Phrasen erzählen nichts über den Bewerber selbst und sind nichts als eine subjektive Wahrnehmung.

Ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich aus Umfragen falsche Schlüsse ziehen lassen! Weil Phrasen nichts über Bewerber aussagen (was durchaus zutreffend ist), verliere das Anschreiben an Bedeutung… Ja, DIESE „phrasenhaften“ Anschreiben verlieren an Bedeutung. Aber erstens schon immer – eben weil sie ohne Aussagekraft sind und daher schon immer überflüssig. Und zweitens alle anderen Anschreiben nicht!

Würde sich in den Bewerbungsschreiben echter Mehrwert finden, würden Personaler diese mit Sicherheit auch lesen und den Text sogar nützlich finden. Oder kurz: Die Bedeutung des Anschreibens würde steigen.

Lassen Sie sich nicht täuschen: Weder zeigen solche Umfragen eine sinkende Bedeutung von Bewerbungsanschreiben, noch sind diese überflüssig. Dahinter steckt vielmehr nur ein verzweifelter Kampf gegen den Fachkräftemangel. Teils auch nur geschicktes Employer Branding. Das Anschreiben wird es auch weiterhin geben – denn es ist sinnvoll.

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Hassliebe Anschreiben: Ist das gut oder kann das weg?

Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit bewerbe ich mich bei Ihnen für einen Ausbildungsplatz als …

Wenn es schon so losgeht, zählen Personaler eigentlich nur noch die Tage bis zu ihrer Rente. „Ungeliebt, unehrlich, unnütz, unnötig“ – lauten oft die Adjektive, die dem Anschreiben zugedacht werden. Angesichts der obigen Zeilen nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Laut Umfragen sitzen, feilen, formulieren Bewerber im Schnitt 74 Minuten an dieser Seite. Knapp jedem zweiten Bewerber (42 Prozent) graut sogar vor dem Anschreiben, und fast jeder vierte Bewerber hat schon eine Stelle ausgeschlagen, weil ihm das Formulieren des Anschreibens zu kompliziert war. Es gibt Studien (wie etwa vom Portal meinestadt.de), wonach das Verfassen eines Anschreibens für Bewerber ungefähr so amüsant ist wie eine Wurzelbehandlung. Ein Auswahl-Dinosaurier sei das. Und ein Schreckgespenst. Es mache nur Arbeit – und was drin steht, sei zudem meist noch gemogelt, geschönt und gepimpt.

Phrasen dreschen, bis nur noch Wortspreu übrig bleibt

Wer sich bewirbt, will sich schließlich von seiner besten Seite zeigen. Zwangsläufig steckt im Motivationsschreiben selten so etwas wie „Ich bin jung und brauche das Geld, den Job, die Erfahrungen“, sondern eher Euphemismen vom Typ „Ich bin hochmotiviert, belastbar, teamfähig und suche neue Herausforderungen“.

Zugegeben: Da wo nur noch Floskeln genutzt und Phrasen gedroschen werden, bis nur noch Wortspreu übrig bleibt, versprüht der Bewerbungsbrief allenfalls den matten Glanz einer alten Zinkkanne. ABER: Wer wegen zahlloser Irrschriften gleich das Anschreiben abschaffen will, kann auch fordern, Facebook wegen zahlreicher Deppen- und Hass-Kommentare zu schließen. Nicht das Anschreiben als Instrument ist das Problem, sondern der oder die Verfasser(in).

Das Instrument ist nach wie vor sinnvoll. Sehr sogar.

Dazu muss ich kurz ausholen… Eine Bewerbung besteht im Wesentlichen aus drei Teilen:

  1. Anschreiben
  2. Lebenslauf
  3. Zeugnisse und Anlagen

Dabei bildet der Lebenslauf das Herzstück. Er wird in der Regel zuerst gelesen und zeigt dem Personalentscheider möglichst übersichtlich und auf einen Blick, ob der Kandidat alle erforderlichen Muss- und Kann-Qualifikationen mitbringt.

Während der Lebenslauf das Profil des Bewerbers schärft, spiegelt das Bewerbungsschreiben vor allem dessen Motivation und Persönlichkeit. Es ist – wie manche Bewerbungsratgeber schreiben – nicht nur erste Arbeitsprobe, sondern vor allem ein Unterscheidungskriterium. Und eine große Chance.

Das Anschreiben ist eine Chance

Stellen Sie sich ein paar abschlussnahe Schüler oder Uni-Absolventen vor. Wie sehen deren Lebensläufe und Zeugnisse aus? Genau: nahezu identisch! „Hat die Schule besucht, Abitur gemacht, Ausbildung absolviert oder studiert und hat sogar Noten dafür bekommen…“ Dazu gesellen sich noch ein paar Praktika, vielleicht sogar was im Ausland, Fremdsprachenkenntnisse – meistens Englisch. Wie soll ein Personaler da den besten Kandidaten finden? Einfach alle einladen, ist ein enormer Aufwand und in der Regel auch zu teuer.

Und die Leute per Nasenfaktor und Attraktivität auf dem Bewerbungsfoto auswählen? Das wird zwar gemacht (eben dann, wenn andere Kriterien fehlen), aber eigentlich will das keiner.

An der Stelle kommt das Anschreiben ins Spiel: Es bietet die Chance, mehr zu sein als ein noch recht dünner (und austauschbarer) Lebenslauf. Oder einer mit zu vielen und womöglich fragwürdigen Brüchen darin.

Im Anschreiben können Kandidaten nicht nur einen Bezug zwischen Vita und Job herstellen, Soft Skills betonen, Lernwille und echtes Interesse bekunden – hier blitzt (idealerweise) etwas auf, was häufig den entscheidenden Unterschied macht: Individualität, Leidenschaft, Charakter.

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Wer braucht das Anschreiben wirklich?

Nur allzu gerne wird bei der Debatte, ob das Anschreiben überhaupt noch zeitgemäß sei, reflexartig auf die hohen Anforderungen, die (angeblich viel zu) zahlreichen Tipps, Tricks und Regeln für das Anschreiben und den daraus resultierenden Unmut der Bewerber verwiesen. Es stimmt ja auch: Ein Anschreiben zu formulieren, zu strukturieren und jedes Mal für einen Arbeitgeber zu individualisieren, macht Arbeit. Viel Arbeit sogar. Es kostet Zeit, Kreativität und Hirnschmalz. Wer hier nur stumpf Vorlagen kopiert oder lieblose Sätze runterrotzt, bekommt keine Einladung zum Vorstellungsgespräch.

Entsprechend erwartbar, zustimmend und dankbar reagieren viele Bewerber, wenn irgendwo mal wieder das Ende des lästigen Anschreibens ausgerufen wird. Der Reflex allein ist aber noch kein Beleg dafür, dass das Anschreiben überflüssig wäre. Der Gedanke ist auch zu kurzsichtig. Das Resultat wären nahezu identische Lebensläufe und ein Recruiting auf Basis von Schulnoten oder Bild-Attraktivität. Denn weder Persönlichkeit noch Prosa haben im CV Platz. Hier zählen ausschließlich Fakten.

Am meisten profitieren Ein- und Quereinsteiger

Natürlich – das muss man einräumen – sinken Wert und Notwendigkeit eines Anschreibens, je weiter die Karriere voranschreitet. Eine Führungskraft mit 20 Jahren Berufserfahrung wird kaum wegen der dokumentierten Eloquenz im Bewerbungsschreiben ausgewählt, sondern wegen ihres aussagekräftigen Lebenslaufs, der Referenzen und bisherigen Erfolge.

Aber selbst hierbei könnte ein professionelles Anschreiben natürlich noch die Stationen im Lebenslauf erweitern und auf wichtige Soft Skills eingehen, die die neue Position zwingend verlangt.

Die größte Wirkung aber entfaltet das Bewerbungsanschreiben bei Berufsanfängern oder Quereinsteigern. Hier liefert es ein veritables Unterscheidungsmerkmal und kann (wenn es gut gemacht ist) einen Bewerber positiv von der Masse abheben und den entscheidenden Ausschlag geben, wer eine Runde weiterkommt und wer nicht. Und das ist ja – aus Sicht der Kandidaten – der entscheidende Sinn und Zweck. Sonst müsste man sich gar nicht erst bewerben.

Keine Frage, am Ende ist so ein Anschreiben nur Gebrauchsprosa mit Verfallsdatum. Es geht um den Job, um einen Fuß in der Tür. Das ist die Hauptsache. Verglichen mit dem Lebenslauf spielt das Anschreiben nur eine untergeordnete Rolle. Und keine Stelle wird besser dadurch, dass man darin große Literatur zu Papier bringt. Das verlangt aber auch niemand.

Darauf zu verzichten, ist vielleicht komod, spart Zeit und senkt Bewerbungshürden. Den Auswahlprozess leichter macht es aber nicht – es verschiebt das Problem nur ins Vorstellungsgespräch, wo wiederum jene öfter punkten, die sich im Gespräch besser verkaufen können.

Aus Bewerbersicht hieße der Verzicht zudem, eine nützliche Profilierungschance zu verschenken, die – eben dank zahlreicher Tipps und Ratgeber (siehe Kasten unten) – auch keine Raketenwissenschaft ist. Das Anschreiben wegzulassen, mag bequem sein. Es ist aber blöd.

[Bildnachweis: Elena Abrazhevich by Shutterstock.com]

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