Querdenker: Vorteile, 7 Tipps + 3 Methoden

Querdenker haben es leider oftmals schwer. Sie gelten als Unruhestifter, Außenseiter, Abweichler. Wer nicht auf den selben gedanklichen Pfaden schreitet, wie alle anderen, stößt auf Unverständnis oder Ablehnung. Schade, denn Querdenker sind außergewöhnliche und besonders wichtige Denkertypen – und notwendig für Fortschritt. Sie bringen frischen Wind, sorgen für Neuerungen und Veränderungen auf Wegen, die andere nicht sehen. Was Querdenker ausmacht, welche Vorteile sie mitbringen und Tipps, mit denen Sie selbst zum Querdenker werden…

Querdenker: Vorteile, 7 Tipps + 3 Methoden

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Was macht einen Querdenker aus?

Die Bezeichnung Querdenker wird abwertend oder fast schon beleidigend verwendet. „Das ist so ein typischer Querdenker…“ Allerdings hat Querdenken an sich überhaupt nichts Negatives und ist auch nicht wertend. Vielmehr sind Querdenker Menschen, die einen anderen Denkansatz verfolgen, der von klassischen, konventionellen Wegen abweicht. Sie gehen nicht den bekannten, geraden Weg, sondern denken um die Ecke und gehen unkonventionell vor.

Querdenker betreten gedankliche Pfade, die völliges Neuland sind und sehen dabei Probleme oder Fragestellungen aus einer gänzlich neuen Perspektive. Da andere diese Ansätze nicht immer nachvollziehen können, werden sie von außen herabgewürdigt. Was nicht dem mehrheitlichen Denken entspricht, wird kritisiert oder als Unfug abgetan. Wenn Sie gerne querdenken, müssen Sie sich auf einigen Gegenwind einstellen. Sonst verpufft das außergewöhnliche Gedankengut und weicht der Konformität.

Die Macht der Querdenker

In einem Experiment ließ der Psychologie Solomon Asch Probanden die Länge von drei Stäben bestimmen. Eine einfache Sache: Der längste Stab war mit bloßem Auge zu identifizieren. Die Gruppe war allerdings manipuliert: Bis auf einen Teilnehmer waren alle eingeweiht und benannten geschlossen das falsche, kurze Stöckchen. Die meisten echten Probanden folgten daraufhin dem Mehrheitsbeschluss und Gruppenzwang, obwohl sie wussten, dass er falsch war. Soweit nicht überraschend.

Ohnmächtig sind Minderheiten deshalb aber nicht. Bei einer Fortsetzung des Experiments waren nur zwei Teilnehmer eingeweiht. Diese schlossen sich zusammen und argumentierten vehement für den kürzeren Stab. So konnte das Duo tatsächlich andere überzeugen. Die Erkenntnis dahinter: Wenige Querdenker können ihre Unterzahl kompensieren. Entscheidend für die Macht der Minderheiten war, dass sie durchweg wie mit einer Stimme sprach und diese Stimme besonders kräftig war. Oder anders formuliert: Die Mehrheit muss den Eindruck haben, dass sich der Querdenker seiner Sache äußerst sicher ist. Dann ist sie durchaus bereit, sich selbst zu hinterfragen.

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Vorteile: Querdenken lohnt sich

Die Ideen eines Querdenkers einfach vom Tisch zu wischen, ist ohnehin ein großer Fehler. Viel mehr gilt: Jedes Team braucht einen außergewöhnlichen Denker – gerade weil dieser die Dinge anders als der Durchschnitt sieht. Es gibt mehrere Vorteile und gute Gründe, die für Querdenker sprechen:

  • Querdenker liefern völlig neue Ansätze
    Wenn alle gleich denken, kommen sie alle auf die gleichen Lösungen. Es fehlt an wirklich kreativen und innovativen Ideen. Die Fähigkeit zum Querdenken liefert Perspektiven und Möglichkeiten, die all den Gleichdenkern nie in den Sinn kommen würden. Somit liefern Sie wertvolle Alternativen und Optionen, mit denen Entwicklungen vorangetrieben werden.
  • Querdenker hinterfragen alles
    Da Querdenker vieles anders betrachten, reflektieren und hinterfragen Sie bestehende Strukturen, andere Ideen oder Vorgehensweisen. Damit sind sie der Kontrast zur ansonsten einheitlichen Zustimmung. Vielleicht nicht immer angenehm, aber ungemein wichtig, da eine Gruppe voller Ja-Sager und Gleichgesinnter vieles durchwinkt, obwohl es kritisch hinterfragt werden sollte.
  • Querdenker inspirieren ihr Umfeld
    Ein weiterer positiver Effekt: Querdenker können eine Vorbildfunktion haben, wenn richtig mit ihrem Input umgegangen wird. Zeigt ein Chef am Arbeitsplatz, dass er die Einwände und Vorschläge eines Querdenkers ernst nimmt, trauen sich auch andere Kollegen, mutige und ungewöhnliche Ideen vorzubringen. So kann ein Umfeld mit einer größeren Freiheit im Denken geschaffen werden.

Eine Parabel über das Querdenken

Eine Frau geht in eine New Yorker Bank. Sie sagt, sie möchte morgen für eine Woche nach Europa reisen und brauche dafür dringend einen Kredit von 5000 Dollar. „Nun“, sagt der Bankmanager, „das machen wir gerne, aber welche Sicherheiten bieten Sie uns dafür?“ Darauf zeigt die Blondine auf einen nagelneuen Rolls-Royce, der draußen auf der Straße steht und dessen Papiere und Schlüssel sie dabei hat. „Das geht natürlich in Ordnung“, sagt der Bankmanager. Der Wert des Rolls-Royce übersteigt schließlich den Kreditrahmen bei weitem. Ein Bankangestellter nimmt die Wagenschlüssel an sich und parkt den Rolls-Royce in der Tiefgarage der Bank. Danach bekommt die Frau das Geld und verreist.

Nach einer Woche kehrt sie gutgelaunt und sichtlich erholt zurück. Sie überreicht dem Bankmanager zuerst die 5000 Dollar in bar und schließlich noch die Zinsen von rund 15 Dollar.

„Wissen Sie“, sagt der Manager, „es freut uns wirklich, dass dieses Geschäft so wunderbar über die Bühne gegangen ist. Aber was uns die vergangene Woche wirklich sehr beschäftigt hat: Wozu brauchten Sie 5000 Dollar? Wir haben uns nämlich ein bisschen über Sie erkundigt und dabei herausgefunden, dass Sie eine Multimillionärin sind und sich das Geld überhaupt nicht leihen müssten.“

„Das ist richtig“, sagt die Frau. „Aber wissen Sie, auch ich habe etwas recherchiert. Und es gibt in ganz New York keinen anderen Ort, an dem man sein Auto für 15 Dollar eine Woche lang sicher parken kann.“

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Typen: Konvergente versus divergente Denker

Es gibt die unterschiedlichsten Denkertypen:

Der letzte Typus – der Status-Quo-Denker – ist vielleicht erklärungsbedürftig. Diese Typen sind unter dem Namen vielleicht weniger bekannt, eher als Schubladendenker. Und sie bilden eine erstaunlich große Gruppe. Oft sind das sehr gründliche und gewissenhafte Kollegen. Gute Beobachter. Meinungsstarke Analytiker. Erfahrene Logikliebhaber. Das macht sie sehr einflussreich, aber auch gefährlich. Denn Status-Quo-Denker pflegen ebenso gründlich wie gewissenhaft ihre eigenen Vorurteile, Klischees und Denkschubladen>, in die sie andere zwängen oder diese solange bequatschen, bis sie dort hineinpassen.

Neben den verschiedenen Denkertypen lässt sich die Art und Weise, wie Menschen denken, aber auch in andere Kategorien unterteilen: Eine Unterscheidung sind dabei die sogenannten konvergenten Denker im Gegensatz zu den divergenten Denkern.

Konvergente Denker

Das sind die meisten Menschen. Typisch für diesen Denkertypen ist, dass sie für ihre Entscheidungen nur eine begrenzte Anzahl an Optionen sehen. Oft sind es sogar nur zwei: Entweder – oder. Entweder wir machen es so – oder wir machen es gar nicht. Entweder ich bekomme den Job – oder ich bin ein Loser. Entweder Sieg – oder Niederlage. Es sind Ja-oder-Nein-Denker, die alles andere gerne kategorisch ausschließen.

Divergente Denker

Nicht, dass divergent Denkende immer mehr Optionen hätten, aber sie suchen stets danach und meist finden sie diese dann auch. Für sie gibt es immer Alternativen. Das kann sogar bedeuten, dass für sie die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die Krumme ist. Sie sind offen für Alternativen, ungeahnte Lösungen und Kompromisse.

Schon in der Definition zeigt sich, dass es nicht allzu schmeichelhaft klingt, ein konvergent Denkender zu sein. Eher klingt es nach beschränkter Engstirne mit Hang zur Schwarz-Weiß-Malerei. Querdenker und divergente Denker schaffen es hingegen, über scheinbar begrenzte Alternativen hinauszuschauen. Plötzlich ergeben sich dabei völlig neue Möglichkeiten. Wo andere eingeengt sind, können Querdenker frei wählen.

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Tipps: So werden Sie zum Querdenker

Manche Menschen sind geborene Querdenker, sie denken immer um die Ecke, ihre Ideen passen nicht in die typischen Schubladen und mit ihren Herangehensweisen schwimmen sie stets gegen den Strom. Andere tun sich damit enorm schwer. Wenn Sie zur zweiten Gruppe zählen, haben wir einige Tipps, die Ihnen Sie zum Querdenker machen können:

  • Umgeben Sie sich mit anderen Menschen
    „Zeig mir wer deine Freunde sind, und ich sag dir wer du bist.“ In dem Bonmot steckt viel Wahres, denn die Menschen, mit denen wir uns umgeben, beeinflussen unser Verhalten und unsere Denkweisen. Indem Sie den Kontakt zu Personen suchen, die anders sind als Sie selbst, fordern Sie sich selbst heraus und entdecken neue Perspektiven. Gerade im Job sind die Möglichkeiten hier sehr groß, da im Team die unterschiedlichsten Charaktere, Arbeitsweisen und Ansichten zusammenkommen.
  • Erweitern Sie Ihre Horizont
    Beim Querdenken bilden Sie Zusammenhänge zwischen vielen Bereichen. Dafür ist es hilfreich, wenn Sie über Ihren Tellerrand hinaus blicken und den eigenen Horizont erweitern. Ein größeres Wissen zu unterschiedlichen Themen macht außergewöhnliche Lösungsansätze möglich. So fügen Sie einzelne Punkte zu kreativen Verbindungen und besonderen Ideen zusammen.
  • Lassen Sie Reibungen zu
    Querdenker haben Spaß an Widersprüchen. Sie sehen diese nicht als Angriff auf ihr Weltbild, sondern als intellektuelle Herausforderung. Mit dieser Mentalität bleiben Sie immer offen für Neues. Knicken Sie bei einer sachlichen Diskussion nicht gleich ein und stimmen allem zu. Gehen Sie manchmal bewusst in die Gegenposition, um unterschiedliche Ideen zu testen und Argumente für beide Seiten zu finden.
  • Stellen Sie sich gegen Konventionen
    Wieso soll immer alles nach Schema-F ablaufen? Querdenker sind Meister des klugen Regelbruchs. Sie stellen Altbewährtes auf den Prüfstand und schrecken nicht davor zurück, neue Methoden auszuprobieren. Wenn jemand sagt „Das haben wir schon immer so gemacht…“, sollten Sie das als Anlass nehmen und als Querdenker antworten „Und genau deshalb sollten wir überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist.“
  • Nutzen Sie Frust als Ansporn
    Unzufriedenheit kann zur Triebfeder von Veränderungen werden. Dazu reicht es allerdings nicht, einfach nur zu nörgeln. Der Frust sollte dazu genutzt werden, aktiv an Lösungen zu arbeiten. Sie sind frustriert mit einer Situation, einer Entscheidung oder einer Lösung und es scheint keine Alternative zu geben? Dann denken Sie quer und finden Sie eine bisher unbekannte Option.
  • Entwickeln Sie einen Blick fürs Detail
    Chancen und Lösungen befinden sich manchmal direkt vor der eigenen Nase. Es kommt darauf an, diese zu erkennen und weiterzuentwickeln. Beachten Sie auch Details, nehmen Sie scheinbare Kleinigkeiten nicht einfach hin, sondern beziehen Sie diese in Ihre Überlegungen mit ein.
  • Bewahren Sie sich die Distanz
    Betriebsblindheit verhindert, dass Chancen und Potenzial erkannt werden. Nur wer sich eine gewisse Distanz beibehalten kann, schafft es, eine andere Perspektive einzunehmen. Versuchen Sie, Situationen mit ein wenig Abstand zu betrachten, als würden Sie ein außenstehender Beobachter sein. Diese Technik kann das Querdenken gerade am Anfang erleichtern.

Zusätzlich zu diesen Tipps können auch verschiedene Methoden beim Querdenken helfen. Drei Beispiele sind:

Kopfstand-Methode

Bei der Kopfstand-Methode drehen Sie eine vorhandene Fragestellung um und erzwingen andere Gedankengänge. Statt zu fragen: „Wie steigern wir den Umsatz?“, beginnen Sie mit der Frage „Wie machen wir auf jeden Fall Verlust?“ Sammeln Sie dann möglichst viele Ideen und Einfälle – die zum Schluss wieder ins Gegenteil umgekehrt werden. So kommen Sie über Umwegen auf Lösungsvorschläge, die sonst verborgen geblieben wären.

Provokationsmethode

Verwandt damit ist die Provokationsmethode von Edward de Bono. Hier werden zur Ideenfindung bestimmte feststehende Erkenntnisse umgekehrt, übertrieben oder auch aufgehoben. Sie könnten beispielsweise davon ausgehen, dass für die Umsetzung ein unbegrenztes Budget zur Verfügung steht – und von dieser Annahme aus weiterdenken.

Advocatus Diaboli

Die Idee ist einfach: Sie sind immer dagegen. Sie liefern Gegenargumente, hinterfragen jeden Vorschlag, äußern konstruktive Kritik und regen eine Diskussion an. So entstehen zahlreiche neue Vorschläge und Argumente, statt die erstbeste Option zu wählen.

Voraussetzungen für das Querdenken

Neben diesen Tipps und Methoden gibt es einige Grundvoraussetzungen, die Querdenker brauchen. Die folgenden Eigenschaften sind besonders wichtig, weshalb Sie daran arbeiten sollten, wenn Sie häufiger querdenken wollen:

  • Mut
    Es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, unbequem zu sein und der allgemeinen Meinung zu widersprechen. Diesen werden Sie nur aufbringen können, wenn Sie selbst von Ihren Ideen überzeugt sind und an die Umsetzung glauben.
  • Sturheit
    Widerstand ist für Querdenker eine Gewissheit, doch sollten Sie sich nicht von Gegenstimmen nicht abbringen lassen. Beharren Sie auf Ihren Ansätzen, auch wenn Sie Gegenwind bekommen, andere Ihre Meinung nicht teilen und es den Eindruck macht, als würden Ihre besten Ideen im Sande verlaufen. Es ist ein hartes und langes Stück Arbeit, andere von neuartigen Vorschlägen zu überzeugen.
  • Dickes Fell
    Leider müssen Querdenker auch damit zurecht kommen, dass sie für realitätsferne Spinner gehalten werden. „Wer braucht das schon?“ Oder: „Das klappt doch eh nicht!“ Und manchmal auch: „Was für ein riesiger Schwachsinn!“ All das sind Reaktionen, die Querdenker öfter hören. Dabei sollten Sie nicht vergessen, dass Sie selbst entscheiden können, welche Meinung wirklich zählt und welche Ihnen egal ist.
  • Glaubwürdigkeit
    Querdenker brauchen eine gewisse Glaubwürdigkeit. Wer immer nur am Rand einer Gruppe steht und stets auf seine Meinung pocht, wird weder ernst genommen noch respektiert. Anders aber, wer vorher sowohl seine Teamfähigkeit als auch soziale Verlässlichkeit unter Beweis gestellt hat.

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[Bildnachweis: Nattapol Sritongcom by Shutterstock.com]
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28. Oktober 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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