Ein Gastbeitrag von Matthias Nöllke

Reden, die mit Manuskript gehalten werden, sind gefürchtet. Zu Recht. Häufig sind sie für die Zuhörer eine Zumutung. Sie sind langatmig, umständlich formuliert und klingen abgelesen. Doch es geht auch anders. Tatsächlich hat eine Rede mit Manuskript große Vorteile, gerade im Berufsleben. Die kommen allerdings nur zum Tragen, wenn Sie entscheidende Dinge richtig machen, auch beim Redemanuskript selbst...

Rede Manuskript Rhetorik ablesen

Redemanuskript: Geschliffene Formulierungen, schlüssige Argumentation

Eine Rede mit Manuskript empfiehlt sich vor allem dann, wenn es auf Ihre Worte ankommt und Sie Ihre Sätze sorgfältig wählen müssen.

Kurz gesagt, bei wichtigen Anlässen. Da können Sie nicht erwarten, dass Ihnen die passenden Formulierungen spontan einfallen. Zumal Sie bei solchen Gelegenheiten unter besonderer Anspannung stehen. Auch das ist übrigens ein Vorzug vom Redemanuskript: Es mindert die Redeangst erheblich.

Doch entscheidend ist, dass Sie sich Ihre Worte zurechtlegen können. Geschliffene Formulierungen entstehen selten aus dem Augenblick heraus, man muss an ihnen feilen. Und wenn Sie etwas komplexere Sachverhalte vermitteln möchten, empfiehlt sich ebenfalls ein Redemanuskript. Sie können Ihre Rede sorgfältiger strukturieren und Ihre Argumente schlüssiger aufbauen.

Die Arbeit an einem Manuskript erfordert aber eine gewisse Distanz. Sie sind gezwungen, sich über die Gliederung Gedanken zu machen und zu überprüfen, ob Sie die richtigen Worte gefunden haben. Sie können Ihren Text immer wieder ändern, ihn straffen und Teile umstellen.

Diese Auseinandersetzung mit dem Text sorgt dafür, dass Sie ihn gründlicher durchdenken. Und das sollte Ihre Rede gehaltvoller machen, als wenn Sie einfach drauflosreden.

Wenn Sie mit Redemanuskript sprechen, dann ist das auch ein Signal: Sie stellen die Sache in den Vordergrund und nicht die eigene Person:

  • Sie inszenieren sich nicht, sondern halten eine klare, gut strukturierte Rede.
  • Sie drängen sich nicht auf, sondern bleiben auf Abstand und lassen Ihren Zuhörern die Freiheit, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Wie Sie sich die Stärken der freien Rede zunutze machen können

Allerdings hat eine Rede mit Manuskript auch ihre Grenzen. Sie können Ihr Publikum niemals so unmittelbar erreichen, wie wenn Sie frei sprechen. Ihre Worte wirken ohne vorformulierten Text lebendiger, natürlicher und emotionaler. Wenn Sie Ihre Zuhörer packen wollen, dann gelingt das weit besser, wenn Sie auf ein Manuskript verzichten.

Das muss Sie jedoch nicht davon abhalten, dennoch eins zu verwenden. Denn Sie können Ihren Vortrag erheblich verbessern, wenn Sie sich der freien Rede in mancher Hinsicht annähern:

  • Sie formulieren Ihr Manuskript so, dass es der gesprochenen Sprache nahekommt. Sie schreiben "Spreche".
  • Sie tragen Ihren Text so vor, dass er nicht abgelesen klingt. Sie bemühen sich immer wieder um Blickkontakt mit Ihren Zuhörern.
  • Einzelne Passagen formulieren Sie nicht aus. Da genügen Ihnen Stichpunkte. Dabei handelt es sich um Abschnitte, die nicht sehr inhaltsschwer sind.

Ein Redemanuskript hilft, das Gesagte zu dokumentieren

Ein Redemanuskript hilft, das Gesagte zu dokumentierenGerade bei wichtigen Themen sollten Sie Ihre Ausführungen dokumentieren. Dann können Sie immer wieder auf Ihre Gedanken und Formulierungen zurückgreifen.

Vielleicht halten Sie über das Thema ja noch einmal eine Rede. Oder Sie schreiben einen Artikel, einen Blog oder ein Buch. Dann hilft es Ihnen enorm, wenn Sie den Text noch einmal durchlesen können.

Vielleicht hat sich manches geändert, vielleicht sehen Sie einige Dinge jetzt anders. Doch gerade dann kommt es Ihnen zugute, wenn Sie sich Ihre damaligen Formulierungen in Erinnerung rufen können. Vielleicht sind es ja gerade die Unterschiede, die besonderes Gewicht haben. Davon abgesehen sind die Chancen gut, dass der neue Text noch besser gelingt – ganz einfach weil Sie auf dem Vorläufer aufbauen können.

So schreiben Sie "Spreche"

Sehr viele Redemanuskripte kranken genau daran: Sie sind nicht für Zuhörer geschrieben, sondern für Leser. Für besonders geduldige Leser.

Die Wortwahl, der Satzbau, die Satzlänge, all das orientiert sich an der geschriebenen Sprache. Schlimmer noch: Viele Redner möchten sich besonders gewählt ausdrücken. Das macht ihre Texte hölzern und unverständlich.

Vortragen lässt sich so etwas auch nur schwer.

Das führt dann dazu, dass die Rede abgelesen klingt und monoton und auch interessierte Zuhörer aussteigen.

Die Sache ändert sich dramatisch, wenn Sie sich vornehmen, "Spreche" zu schreiben. Also wenn Sie sich an der mündlichen Sprache orientieren. Dadurch wird Ihr Text kraftvoller, verständlicher – und er lässt sich auch viel leichter und lebendiger vortragen.

Was aber unterscheidet "Spreche" von der Schriftsprache?

  • Wählen Sie eine kraftvolle, aktive Sprache.

    Faustregel: Kurze Wörter sind besser als lange; Verben besser als Substantive und Beispiele besser als Erklärungen.

  • Achten Sie auf einen übersichtlichen Satzbau.

    Faustregel: Möglichst Hauptsätze, dann und wann einen Nebensatz, keine Einschübe und Schachtelsätze.

  • Verwenden Sie wörtliche Rede und erzählen Sie im Präsens.

    Faustregel: Es gibt keine indirekte Rede. Wer immer etwas gesagt hat, den zitieren Sie direkt. Wenn Sie etwas berichten, gibt es keine Vergangenheit. Sie holen es in die Gegenwart.

  • Haben Sie den Mut zur Wiederholung.

    Faustregel: Wenn etwas wichtig ist, sagen Sie es mehrmals. Durchaus wortwörtlich. Dann prägt es sich besser ein. Einen treffenden Ausdruck ersetzen Sie niemals durch ein Synonym. Sie dürfen ihn so oft verwenden, wie Sie wollen.

  • Beziehen Sie Ihr Publikum ein.

    Faustregel: Suchen Sie die Verbindung zu Ihren Zuhörern. Stellen Sie Fragen. Versetzen Sie sich stellvertretend in die Rolle Ihrer Zuhörer. Kommentieren Sie Ihre Ausführungen aus Sicht der Zuhörer. Welche Gedanken vermuten Sie bei ihnen?

Die Drei-Sekunden-Regel

Die Drei-Sekunden-Regel und ihre FolgenDie gesprochene Sprache ist kein gleichmäßig dahinströmender Fluss. Mal sprechen wir schneller, mal langsamer. Vor allem aber machen wir immer wieder winzige Pausen. Die brauchen unsere Zuhörer, um das Gesagte zu verarbeiten.

Bei einem geschriebenen Text (wie diesem) gibt es diese natürlichen Zäsuren zwar nicht. Dafür kann der Leser selbst entscheiden, wann er eine Verschnaufpause macht. Wird geschriebener Text aber einfach nur runtergelesen, macht es diesen sofort unverständlicher.

Achten Sie daher bei Ihrem Redemanuskript darauf, kleine Zäsuren einzubauen. Portionieren Sie Ihren Text in verdauliche Häppchen von zwei bis drei Sekunden. Je nach Sprechtempo und Silbenzahl sind das vier bis acht Wörter. Dann folgt ein Einschnitt.

Das heißt natürlich nicht, dass hier Ihr Satz schon enden sollte. Sonst würde Ihre Rede schrecklich abgehackt klingen. Aber eine Sinneinheit sollte nicht länger als drei Sekunden dauern, also höchstens acht Wörter umfassen.

Nebensätze auflösen

In der geschriebenen Sprache greifen wir gerne zu Nebensätzen. Es zeichnet sogar einen guten Stil aus, wenn wir Nebensätze bauen, um die Zusammenhänge zu verdeutlichen.

In der gesprochenen Sprache sieht die Sache allerdings anders aus. Hier haben die Hauptsätze Vorfahrt.

Nebensätze dürfen zwar sein. Sie sorgen für Abwechslung und erlauben es, die Inhalte gegeneinander abzustufen. Was nicht ganz so wichtig ist, packen Sie dann und wann in einen Nebensatz. Umso stärker können Sie hervorheben, worum es Ihnen geht. Das gehört immer in den Hauptsatz.

Allgemein aber gilt: Hauptsätze bevorzugt.

Sie machen den Text verständlicher. Und es fällt Ihnen leichter, diesen Text vorzutragen.

Wenn Sie aber Ihr Redemanuskript verfassen, neigen Sie vielleicht ganz automatisch dazu, Nebensätze zu bilden. Wenn Sie den Text überarbeiten, stellen Sie sich daher bei jedem Nebensatz die Frage: Lässt der sich auflösen? Klingt es besser und verständlicher, wenn ich zwei Hauptsätze daraus mache?

Am einfachsten lassen sich Kausalsätze auflösen:

"Weil Ihnen das Thema besonders am Herzen liegt, werde ich näher darauf eingehen."

Daraus wird:

"Das Thema liegt Ihnen besonders am Herzen. Daher werde ich näher darauf eingehen."

Häufig können Sie das "Daher" sogar weglassen. Das gibt Ihren Sätzen noch mehr Wucht.

Ebenso einfach können Sie einen Konzessivsatz auflösen:

"Obwohl Ihnen das Thema besonders am Herzen liegt, kann ich nicht näher darauf eingehen."

Daraus wird:

"Das Thema liegt Ihnen besonders am Herzen. Dennoch kann ich nicht näher darauf eingehen."

Hier sollten Sie allerdings das "Dennoch" nicht weglassen. Aus einem Konditionalsatz können Sie aber auch einen Fragesatz mit nachfolgendem Hauptsatz machen. Aus...

"Wenn Ihnen das Thema besonders am Herzen liegt, werde ich näher darauf eingehen."

Wird dann:

"Ihnen liegt das Thema besonders am Herzen? Dann werde ich näher darauf eingehen."

So erstellen Sie ein Redemanuskript

Wie flüssig Ihnen die Rede von den Lippen kommt, das hängt auch davon ab, wie Sie Ihr Redemanuskript gestalten.

Kleine Änderungen können viel bewirken. Ist die Schrift zu klein oder die Zeile zu lang, sind Sie gezwungen, den Text "vorzulesen"? Bei ausreichend großer Schrift und optimaler Zeilenlänge erfassen Sie auf einen Blick ganze Wortgruppen und können den Text sehr viel souveräner vortragen.

Vertrauen Sie im Zweifel Ihren persönlichen Vorlieben, doch haben sich die folgenden Orientierungsgrößen vielfach bewährt:

  • Als Format wählen Sie DIN-A4, Hochformat. Das ist ohnehin der Standard. Das Manuskript lässt sich leicht ausdrucken. Bei ausreichend großer Schrift ist die Zeilenlänge sehr lesefreundlich.
  • Als Schriftgröße wählen Sie mindestens 16 Punkt. Das ist für die meisten mühelos zu lesen. Und die Zeilenlänge ist ebenfalls angenehm. Vielleicht liegt Ihnen aber auch 18 oder gar 20 Punkt. Probieren Sie es aus.
  • Als optimale Zeilenlänge gelten 40 bis 60 Zeichen. Wichtig ist auch der richtige Zeilenabstand: Eineinhalb Zeilen sollten es schon sein. Zusätzlich sollten Sie Absätze mit einer halben Zeile voneinander trennen.
  • Als Schriftart gelten die sogenannten "Serifenschriften" als besonders lesefreundlich. Das sind die mit den kleinen Häkchen (wie bei der Times New Roman). Serifenlose Schriften wie Arial hingegen ermüden das Auge schneller.
  • Tragen Sie sich Pausen und Betonungen ein. Auch wenn Sie etwas besonders hervorheben möchten, sollte das im Redemanuskript stehen. Darüber hinaus können Sie Ihre ganz persönlichen Vortragszeichen verwenden – ganz nach Geschmack. Außer Ihnen bekommt schließlich niemand das Manuskript zu Gesicht.

So tragen Sie Ihr Manuskript lebendig vor

Wie gut Ihre Rede ankommt, das hängt ganz davon ab, wie sie vorgetragen wird.

Regel Nummer 1 lautet: Sie darf nicht abgelesen klingen.

Das ist leichter gesagt als getan. Leider haben sich manche in der Schule eine "Vorlesestimme" zugelegt, mit der sie jede noch so schöne Rede ruinieren. Andere leiern oder neigen zum freundlichen Singsang. Alle diese Unarten sollten Sie sich unbedingt abtrainieren. Das ist manchmal mühsam, aber es lohnt sich.

Woran Sie sich orientieren sollten, das ist Ihre natürliche Stimme. Da ist der Tonfall variabel und bringt den Inhalt zum Ausdruck. Das Sprechtempo variiert, und die Betonungen setzen wir automatisch richtig. Vor allem klingt unsere natürliche Stimme lebendig und sympathisch.

Zwei weitere Dinge tragen dazu bei, dass Ihre Rede gut ankommt:

  • Machen Sie ausreichend Pausen.
  • Und suchen Sie so oft, wie es Ihnen möglich ist, Blickkontakt mit Ihrem Publikum.

Beide Punkte hängen miteinander zusammen. Viele Redner kleben an ihrem Manuskript und lesen es herunter. Das ist die schlechteste Methode überhaupt. Denn es fehlen die Pausen, die einen Vortrag nicht nur lebendiger werden lassen. Ihr Publikum wird Ihre Rede dank Pausen viel besser verstehen. Ihre Aussagen bekommen mehr Gewicht, und sie prägen sich viel besser ein.

Machen Sie Pausen davor und danach:

  • Davor: Damit setzen Sie die Aussage ab und signalisieren, Achtung, jetzt kommt etwas Wichtiges. Das Publikum hört aufmerksamer zu.
  • Danach: Sie lassen Ihre Aussage wirken. Je länger die Pause ist, umso mehr Gewicht geben Sie der Aussage.

Wenn Sie ausreichend Pausen machen, bleibt Ihnen auch mehr Zeit, um Blickkontakt mit Ihren Zuhörern aufzunehmen. Der ist äußerst wichtig, um eine Verbindung zum Publikum herzustellen.

Mit einem Redemanuskript sind Sie da gegenüber den Referenten, die frei sprechen, von vornherein im Nachteil. Umso wichtiger ist es, dass Sie den, so gut es eben geht, ausgleichen. Und das gelingt Ihnen am besten, wenn Sie an den entscheidenden Stellen Ihrer Rede den Blick von Ihrem Manuskript erheben und Ihr Publikum ansehen.

Also: Den ersten Satz tragen Sie frei vor - den letzten ebenfalls. Dazwischen richten Sie bei Ihren wichtigsten Aussagen den Blick auf Ihre Zuhörer. Und zwar jeweils am Ende, denn da befindet sich in der Regel der inhaltliche Schwerpunkt.

Wenn Sie dann eine Pause machen, können Sie Ihren Blick eine Zeitlang auf dem Publikum ruhen lassen, ehe Sie sich wieder Ihrem Redemanuskript zuwenden. Damit sie die richtige Zeile wiederfinden, tragen sich manche diese entscheidenden Blickkontakte in Ihrem Manuskript ein.

Eigentlich gar nicht so schwer.

Über den Autor:

Matthias Noellke Autor GastbeitragMatthias Nöllke ist Keynote-Speaker, gibt Rhetorikseminare und hat als Autor schon einige Bücher verfasst: Etwa über Machtspiele im Büro, wie man mit Zurückhaltung und Kompetenz im Beruf vorankommt oder warum gute Chefs wie Gärtner sein sollten. Jetzt ist sein neuestes Buch im Verlag C.H. Beck erschienen: "Lebendig reden mit Manuskript".

[Bildnachweis: Matej Kastelic by Shutterstock.com]

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