Freie Rede: Aufbau und Tipps für Keynotes

Ob im Privaten oder im Job: Besondere Anlässe erfordern eine Rede, einen Vortrag. Die freie Rede ist die Königsdisziplin unter den Vorträgen, bedeutet sie schließlich, dass der Vortragende sich mit der Materie auseinandergesetzt hat, sie scheinbar im Schlaf beherrscht. Die Kunst besteht darin, etwas so vorzutragen, als ob man sich mit dem Publikum unterhalten würde – ganz ungezwungen, ohne vom Blatt abzulesen und dennoch flüssig. Gerade das gelingt vielen nicht: Zu groß die Panik, etwas zu vergessen, die Hemmung, vor vielen (teils auch fremden) Menschen etwas sagen zu müssen. Bevor das passiert, klammern sich etliche dann doch wieder an Manuskripte und Karteikarten oder vermeiden es ganz. Wie Sie eine freie Rede halten können, was Sie dabei beachten sollten, erfahren Sie hier…

Freie Rede: Aufbau und Tipps für Keynotes

Freie Rede Definition: Was ist das?

Eine Rede ist eine zuvor erarbeitete, mündliche Mitteilung an eine Zuhörerschaft. Für gewöhnlich beruht sie weiten Teilen auf Einseitigkeit, das heißt, es wird ein Monolog gehalten, der durch Fragen (teilweise erst am Ende) unterbrochen werden kann – bei feierlichen Ansprachen sind solche Diskussionsbeiträge eher nicht üblich.

In einigen Situationen kann es angebracht sein, dass statt einer freien Rede eine ausformulierte Rede gehalten wird – etwa wenn diese später in schriftlicher Form veröffentlicht werden soll. Auch bei internationalen Verhandlungen kann es aus juristischen Gründen wichtig sein, dass Wort für Wort festgehalten wird.

Im Allgemeinen wird eine Zuhörerschaft eine freie Rede deutlich angenehmer finden und sie im Gegensatz zu einem vorgelesenen Manuskript bevorzugen. Das gilt auch, wenn dem Redner an der einen oder anderen Stelle ein „äh“ entweicht (mehr dazu siehe Interview am Ende). Nicht umsonst gibt es immer wieder Vorgaben für Politiker, beispielsweise für die Aktuelle Stunde im Parlament, wo eine freie Rede vorgeschrieben ist.

Wie bei einer Vorlesung oder einer politischen Rede wird die freie Rede in Standardsprache gehalten, auch wenn sie ohne Manuskript vorgetragen wird. Erfahrene Redner brauchen höchstens Notizen in Form von Karteikärtchen als Denkstütze. Das wirkt im Vergleich zur abgelesenen Rede wesentlich lebendiger, zumal das Ablesen die Gefahr birgt, dass der Vortragende zu schnell liest und die Zuhörer das Gesagte nicht aufnehmen können.

Häufig werden Begriffe wie Rede, Vortrag und Keynote synonym verwendet. Der Unterschied ergibt sich häufig aus Ort und Anlass: Während Vorträge (ebenso wie Referate) und Keynotes einen stärkeren Bezug zu Fachthemen haben und sich an ein Fachpublikum richten, ist unter einer Rede im Prinzip jede öffentliche Äußerung zu verstehen, zu der sich jemand im Vorfeld Gedanken gemacht hat.

Im Unterschied zu einem (Fach-)Vortrag und einer Keynote muss der Vortragende kein Spezialist oder geschulter Redner sein. Jeder kennt das vermutlich aus Feiern im Familienkreis: Jemand fühlt sich verpflichtet, zu einer besonderen Feier etwas zu sagen, ist aber nicht wirklich geübt darin und fühlt sich sichtlich unwohl.

Bei einer Keynote (englisch für „Grundgedanke“, „Grundsatz“) hingegen geht es darum, dass ein professioneller Redner das Publikum auf ein bestimmtes Thema oder zentrale Botschaften einer Veranstaltung einstimmt. Keynotes und freie Reden sollten nicht über 20 Minuten kommen.

Vorträge dienen meist der Wissensvermittlung, werden beispielsweise von Dozenten an Hochschulen gehalten. Sie können daher deutlich länger ausfallen.

Eine gute Rede gleicht einem Pingpong-Spiel

Man kann über alles reden – nur nicht über 20 Minuten. Das amüsante Bonmot ist zwar ein wenig zugespitzt, bringt aber auf den Punkt, was viele Langzeit-Oratoren und Powerpoint-Präsentäter ignorieren: Eine gute freie Rede (neuerdings auch Keynote genannt) ist ein Exzerpt, kein Gelaber.

Statt einem Spannungsbogen zu folgen, bleiben die Vorträge langweilig, inspirieren kaum und erinnern allenfalls an Frontalunterricht. Dabei gibt es ein paar simple Grundregeln für jede Keynote – die sieben goldenen Gesetze für eine richtig gute Rede.

Keynote-Cartoon-Comic-Rede

Die folgende These wirkt vielleicht auf den ersten Blick ein wenig widersprüchlich: Aber selbst eine freie Rede ist keine kommunikative Einbahnstraße, Motto: einer redet, viele hören zu.

Ein guter Keynote-Speaker wird immer auch versuchen, sein Publikum mit einzubeziehen, Stimmungen und Schwingungen mit aufzunehmen, darauf einzugehen, vielleicht sogar ein wenig zu plaudern und die Menschen im doppelten Wortsinn zu unterhalten.

Eine ebenso inspirierende wie überzeugende Rede gleicht daher eher einem Pingpong-Spiel – und sie erfüllt die drei ehernen Gesetze der freien Rede:

  • Fasse dich kurz!
  • Langweile nie dein Publikum!
  • Was nicht in einfachen Worten gesagt werden kann, ist nicht genug durchdacht!

Natürlich gibt es noch weitere wichtige Rede-Regeln, die jeder Vortragende kennen und auch beherzigen sollte. Mindestens sieben sind es…

Aufbau einer freien Rede: Die 7 Grundregeln

freie Rede AufbauSeit der Antike haben sich verschiedene Konzepte und Vorstellungen davon entwickelt, wie der ideale Aufbau einer Rede aussehen kann. In einer schnelllebigen Zeit wie der heutigen ist die Aufmerksamkeitsspanne immer geringer. Ein klassischer Aufbau einer freien Rede mit Einleitung, Hauptteil, Schluss ist zwar nicht verkehrt.

Wenn Sie allerdings erst umständlich Ihr Publikum begrüßen, einen Rückblick auf Vergangenes, eine Betrachtung der Gegenwart, dann einen Ausblick auf Zukünftiges bringen, um dann irgendwann zu Ihren Kernbotschaften zu kommen, lässt das Ihre Zuhörer womöglich einschlafen.

Daher folgende sieben Grundregeln für den Aufbau Ihrer freien Rede:

  1. Beginnen Sie mit einem Knall.

    Zum Beispiel einer Anekdote, einer Pause. Die meisten Zuhörer merken sich nur Auftakt und Schlusspointe eines Vortrags. Deshalb sollten beide sitzen. Wem partout nichts einfällt, sagt den Zuhörern wenigstens, warum das Kommende ihr Leben beeinflussen wird.

  2. Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche.

    Eine gelungene Präsentation orientiert sich am Zuhörer, ist deshalb kurz, folgt einem logischen Aufbau und regt zum Mitdenken an. Als Faustformel kann man sich merken: Nicht mehr als zehn Folien pro 20 Minuten, die Schriftgröße nicht kleiner als 30 Punkt, und überfrachten Sie die Folien nicht. Daher auch nicht mehr als vier Worte pro Zeile, nicht mehr als sechs Zeilen pro Seite.

  3. Hauptsachen in Hauptsätze.

    Formulieren Sie möglichst keine Relativ- und schon gar keine Schachtelsätze. Überzeugend wirken allein Hauptsätze mit nicht mehr als zehn Wörtern. Wie dieser. Wiederholungen sind erlaubt, sie erhöhen sogar den Merkeffekt beim Zuhörer.

  4. Betonen Sie Verben.

    Die meisten Redner legen das Gewicht auf Substantive. Falsch! Verben, insbesondere aktive, regen das Gehirn wesentlich stärker an und machen den Vortrag spannend. Mit Fachvokabeln und Fremdwörtern erreicht man das Gegenteil. Dasselbe gilt für überflüssige Animationen oder überfrachtete Grafiken.

  5. Erst sagen, dann schreiben.

    Niemals sollten Sie Folien oder Flipchartblätter nur ablesen. Erstens beleidigt das die Intelligenz der Zuhörer (die können selber lesen); zweitens hört sowieso keiner zu, sondern liest erst einmal. Besser: Die Punkte zuerst verbal erarbeiten, dann notieren oder einblenden.

  6. Halten Sie Blickkontakt.

    Laut psychologischen Studien gilt: Wer überzeugen will, muss mindestens 90 Prozent seiner Redezeit Kontakt zum Publikum halten. Der Trick für Schüchterne: knapp über die Menge hinwegsehen. Den Unterschied merkt kein Mensch – Sie müssen nur regelmäßig mit den Augen über alle Kopfe fliegen.

  7. Der Schluss bleibt haften.

    Deshalb braucht das Ende immer etwas Inspirierendes, einen Ausblick, etwas Spektakuläres. Aber bitte keine Zusammenfassung! Selbst eine provokante Frage ist besser als seine Rede ausplätschern zu lassen. Und danken Sie am Schluss auch nie für die Aufmerksamkeit – Ihre Rede war brillant, da ist es selbstverständlich, dass die Aufmerksamkeit ungeteilt war. Durch den Pseudo-Dank machen Sie sich nur klein – als ob Sie und das Gelaber die Aufmerksamkeit bitte nötig hatten.

Die 5 Prinzipien der Kommunikation

Apropos: Es gibt ebenso ein paar Grundregeln, die der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick schon vor einiger Zeit entwickelte und die jeder im Hinterkopf haben sollte, der mit anderen Menschen kommuniziert – ob von der Bühne aus oder von Schreibtisch zu Schreibtisch:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren. Selbst wer schweigt, redet: Entweder mit dem Körper oder durch den Abbruch der Kommunikation, was ebenfalls eine Aussage ist. Damit ist allerdings auch klar: Es ist weniger entscheidend, was A sagt, sondern vielmehr was bei B ankommt.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Der Beziehungsaspekt bestimmt den Inhaltsaspekt. Man kann noch so viel sagen, mit allem wird deutlich, welche Beziehung wir zum anderen haben. Und so wird auch der Inhalt des Gesprochenen interpretiert.
  3. Wenn zwei Personen zusammen sprechen oder handeln, bedingt immer das Verhalten der einen Person das Verhalten der anderen. Dabei erleben beide oft das Verhalten der anderen jeweils als Ursache des eigenen Verhaltens. Ein Klassiker bei Beziehungsproblemen. So entsteht leicht eine Abwärtsspirale, aus der beide nicht mehr herausfinden: Sie nörgelt, er zieht sich zurück, darüber nörgelt sie, er zieht sich weiter zurück. Er glaubt, dass er sich zurückzieht, weil sie nörgelt. Sie glaubt, dass sie nörgelt, weil er sich zurückzieht. Ein einziger Kommunikations-GAU aus dem man nur durch Wechseln in die Metaebene entkommt.
  4. Kommunikation findet durch Sprache und Körpersprache statt. Sprache geht den Umweg über Symbole, Körpersprache drückt direkt aus, worum es geht. Sprache kann komplizierte Verbindungen herstellen und Überbegriffe finden, ist aber weiter von der menschlichen Gefühlswelt entfernt als Körpersprache. Deswegen ist der Körper immer auch ein Verräter. Merke: Die Zunge kann lügen – der Körper nicht.
  5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär – je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Ungleichheit beruht. Das Spannende an dieser Regel ist, dass man sie auch bewusst einsetzen kann, um Sympathien zu wecken oder den anderen für sich zu öffnen:

    Spiegeln Sie sein Verhalten, seine Körpersprache. Legt er sein rechtes Bein über das linke, machen Sie das kurz darauf ebenfalls. Bauen Sie dieselben Schlüsselwörter in Ihre Sätze ein (natürlich ohne den anderen nachzuäffen!). Das schafft ein unsichtbares Band. Mit der Zeit können Sie versuchen, ob das Band stark genug ist, dass auch er Ihnen folgt. Dass das Ganze funktioniert, lässt sich übrigens hervorragend an Frischverliebten beobachten: Auch die synchronisieren regelmäßig ihr Kommunikationsrepertoire.

Über Reden: Wer viel sagt, wird schlauer

Über Reden: Wer viel sagt, wird schlauer„Solange man selbst redet, erfährt man nichts“, befand einst Marie von Ebner-Eschenbach und hatte damit sicher Recht. Manchmal ist Reden nur Silber und Zuhörenkönnen Gold. Was sie aber vielleicht nicht wusste:

Wer viel redet – vor allem mit anderen –, der aktiviert seine grauen Zellen und wird schlauer.

Zu diesem Ergebnis kommen Studien des US-Psychologen Oscar Ybarra von der Universität Michigan:

  • In der ersten Untersuchung werteten Ybarra und seine Kollegen die Lebensgewohnheiten und die Anzahl der sozialen Kontakte von 3610 Amerikanern aus. Anschließend machten sie mit ihren Probanden einen kleinen Intelligenztest. Ergebnis: Wer sich häufiger mit anderen Menschen traf und unterhielt, zeigte deutlich bessere kognitive Leistungen – und das unabhängig vom Alter.
  • Der zweite Versuch war etwas kleiner (76 College-Studenten), dafür aber dramatischer. Die Wissenschaftler bildeten drei Gruppen: Die erste diskutierte zehn Minuten lang angeregt über ein Thema, die zweite löste in derselben Zeit ein Kreuzworträtsel und andere Übungen, die dritte schließlich glotzte eine Fernsehsendung. Anschließend mussten alle drei Gruppen einen Intelligenztest absolvieren. Resultat: Das TV-Programm machte die Probanden blöde, diskutieren dagegen schlau. Immerhin: Die Rätsellöser standen den Diskutanten in Sachen Intelligenz kaum nach.

Vorsicht mit der Mimik der Zuhörer

Bei Ihrer Keynote sollten Sie die nonverbale Kommunikation – sprichwörtlich – nie aus dem Auge verlieren. Sie ist oft wesentlich wirkungsvoller als die übliche Rhetorik: ein Kopfnicken, ein Lächeln, Stirnrunzeln, das Hochziehen einer Augenbraue – allein mit diesen Mimik-Varianten lassen sich Zuhörer bemerkenswert beeinflussen und mitreißen.

Die Rede wirkt sofort lebendiger.

Allerdings steckt in diesem nonverbalen Dialog auch eine Gefahr. Achten Sie zu sehr auf die Reaktionen im Publikum, kann das Ihrer eigenen Keynote empfindlich schaden.

Camiel Beukeboom von der Universität Amsterdam hat einmal untersucht, wie genau sich die Mimik von Zuhörern auf die Sprache und die Inhalte eines Erzählers auswirken.

Dazu bat er 57 Probanden sich zunächst einen 8-Minuten-Film über einen Kioskbesitzer anzusehen und den Streifen hinterher so ausführlich wie möglich zwei anderen Teilnehmern nachzuerzählen. Die beiden waren jedoch eingeweihte Assistenten, deren Aufgabe allein darin bestand, körpersprachlich positive Rückmeldungen zu geben (Lächeln, Kopfnicken, offener Blick), beziehungsweise negative (grimmiger Blick, Arme verschränken, Lippen zusammenpressen).

Das Ergebnis war eindeutig:

  • Während die Probanden mit einem positiven Zuhörer mehr Abstraktionen und Interpretationen verwendeten sowie Filmaspekte beschrieben, die man eigentlich gar nicht sehen konnte (was der Darsteller denkt, wie er sich gefühlt hat),
  • reduzierten die Teilnehmer mit einem reservierten Zuhörer ihre Beschreibungen auf sichtbare Details und objektive Fakten.

Das mag vielleicht nicht allzu sehr überraschen. Es zeigt aber, wie selbst winzige nonverbale Signale auf Erzählinhalte wirken – und das ist nicht nur für Keynotes interessant, sondern zum Beispiel auch in Meetings, beim Brainstorming oder wenn Sie das nächste Mal einen Kollegen um ein paar Informationen bitten.

Interview mit Isabel García über Redefallen

Interview Icon Isabel García ist Diplomsprecherin und Rhetoriktrainerin mit Schwerpunkt freie Rede. Sie selbst arbeitete über zehn Jahre als Radiomoderatorin bei R.SH, dem NDR und moderiert immer noch im Fernsehen bei noa4. Zu ihren Kunden gehören unter anderen Peek & Cloppenburg, Siemens, Commerzbank und der Hessische Rundfunk. Vor kurzem ist ihr erstes Rhetorik-Hörbuch erschienen: „Ich rede – Kommunikationsfallen und wie man sie umgeht“. Grund genug für uns, um mit ihr ein Interview über Redefallen zu führen:

Frau Garcia, in Ihrem Hörbuch thematisieren sie klassische Rhetorikfallen – etwa, dass manche mit ihrer Stimme am Ende eines Satzes immer oben bleiben, so kein Ende finden und sich um Kopf und Kragen reden. Was ist so schlimm daran?

Es ist nicht schlimm, aber ungünstig. Wenn wir eine Aussage – durch die Betonung – wie eine Frage formulieren, dann wirkt die Aussage nicht überzeugend. Es ist so als stelle man sich selbst infrage. Ich habe immer wieder Teilnehmer bei mir, die sagen: Ich habe in dem Meeting etwas gesagt, aber niemand hat es gehört und niemand ist darauf eingegangen. Als dann zehn Minuten später ein Kollege genau dasselbe gesagt hat, meinten alle: Wow, geniale Idee! Meist liegt es daran, dass derjenige seinen Vorschlag wie eine Frage betont hat. Das wird in einer großen Diskussionsrunde so gut wie nie ernst genommen.

Für viele Interviews gilt dieses Mit-der-Stimme-oben-bleiben jedoch als Kniff, um das Gespräch zu steuern. Der Interviewer fällt einem nicht ins Wort, weil er vermutet, dass noch mehr kommt. Und im Fernsehen oder Radio lassen sich solche Statements schlechter auf eine einzige Aussage zusammenschneiden.

Die Praxis zeigt, dass Aussagen inzwischen trotzdem geschnitten werden und dann völlig blöd klingen, wenn die Stimme oben bleibt. Es ist ein Irrglaube, dass man nicht unterbrochen werden kann, wenn man mit der Stimme oben bleibt. Wenn ich nicht unterbrochen werden will, dann rede ich besonders langsam, bilde kurze Sätze, mache rhetorische Pausen. Das klingt im ersten Moment absurd, weil wir es anders gewohnt sind. Aber schauen Sie sich mal die Praxis an: Wenn jemand schnell redet, ständig oben bleibt, nicht auf den Punkt kommt, dann macht uns das nervös. Deswegen unterbrechen wir den Gesprächspartner viel schneller, als wenn wir jemanden vor uns haben, dem wir gerne zuhören.

In Ihrem Buch betonen Sie ebenfalls die Bedeutung der richtigen Betonung. Wie geht es denn richtig?

Kurz gesagt: Richtig ist, wenn Sie immer das betonen, was wichtig ist. Ein Beispiel: Bei dem Satz Bring doch bitte mal den Müll runter! ist sicherlich Müll das wichtigste Wort. Wenn ich aber am Ende der Aussage mit der Stimme oben bleibe, dann betone ich aber runter. Das ist bei einem einzigen Satz nicht so wichtig. Halte ich allerdings einen Vortrag und betone bei jedem Satz das letzte Wort, dann betone ich nicht nur falsch – ich klinge auch monoton und die Zuhörer schlafen mir ein. Deshalb mein Rat: Sprechen Sie in kurzen Sätzen! Kurze Sätze kann man leichter betonen.

Kommunikationswissenschaftler haben festgestellt: Ein Äh mitten im Satz ist nicht schlimm, es wirkt sogar überlegt. Nur am Anfang einer Rede wirke es unbeholfen. Schön ist es aber nie. Was kann man dagegen tun?

Ich finde, dass ein Äh durchaus charmant sein kann – wenn es ab und an vorkommt! Wenn jemand allerdings in jedem Satz ein- oder zweimal ein Äh einbaut, dann habe ich nicht mehr den Eindruck, er würde überlegen. Das wirkt dann nur noch unsicher und unbeholfen. Auch hier hilft, stärker auf den Punkt zu sprechen, sprich: Stimme runter. Wenn ich eine Aussage gemacht habe und aus Versehen mit der Stimme oben geblieben bin, muss ich weiter reden, weil der Satz noch nicht zu Ende ist. Wer allerdings noch nicht weiß, was er sagen will, verschafft sich meist Zeit, indem er Äh sagt. Leider zerstört er dadurch die Chance zur Pause. Dabei sind Pausen sehr wichtig beim Reden! Einmal, damit die Zuhörer folgen können, dann um als Redner überlegen zu können und natürlich rhetorisch – um Aussagen wirkungsvoll zu unterstreichen. Mit dem Äh aber sorgt man dafür, dass die Zuhörer ständig im Zuhörmodus bleiben und nicht mehr darüber nachdenken können, was gesagt wurde. Man bringt sie regelrecht um den Aha-Effekt. Wer also auch hier stärker auf den Punkt spricht und bewusst Pausen macht, wird automatisch weniger Ähs sagen.

Apropos Pausen: Wie lange dauert die optimale, rhetorische Pause?

Das ist eine schwere Frage. Manche machen kurze Pausen und das ist perfekt. Manche machen sehr lange Pausen und das passt ebenso gut. Allerdings gibt es auch zu kurze Pausen und zu lange Pausen. Was ist also die richtige Länge? Ich achte immer auf meine Zuhörer: Wenn ich das Gefühl habe, dass sie mir folgen können, dann muss ich keine langen Pausen machen, damit sie noch einmal alles überdenken können. Will ich allerdings eine besonders wichtige Aussage unterstreichen oder möchte ich, dass meine Zuhörer Fragen stellen können, dann mache ich die Pause länger. Ich denke, da gibt es keine Faustregel. Es kommt letztlich auf den Inhalt und auf die Zuhörer an.

Stichwort: Atmung. Dem einen verschlägt es die Sprache vor Aufregung, andere kommen mitten im Satz ins Stocken oder hyperventilieren. Welche Tricks gibt es dagegen?

Sie müssen einfach nur ausatmen, mit Betonung auf AUS-atmen. Wenn wir nervös sind, dann atmen wir meistens viel zu viel ein, aber weniger aus. Denn für das Ausatmen müssen wir entspannen. Irgendwann ist die Lunge dann voll, nichts passt mehr rein und dann verschlägt es einem die Stimme oder man steht kurz vor dem Hyperventilieren. Die Brust fühlt sich wie Beton an, und wir haben das Gefühl zu ersticken. Zwingen Sie sich also auszuatmen! Und zwar so lange wie möglich. Atmen Sie so lange aus, bis Sie das Gefühl haben, dass nichts mehr in der Lunge ist, dann atmen Sie nur kurz ein und wieder ganz lange aus. Das wiederholen Sie drei oder vier Mal, und das Lampenfieber hält sich in Grenzen.

Welche Wirkung hat denn die richtige Atmung?

Das ist ein riesiges Thema. Viele gehen in eine Atemtherapie, damit sie weniger Stress haben oder damit sie besser schlafen können. Manche lernen richtiges Atmen, um mehr Präsenz aufzubauen oder mehr Volumen in die Stimme zu bekommen. Manche möchten einfach ein Blackout oder das Lampenfieber vermeiden. Und wieder andere lernen richtig zu atmen, um nicht mehr heiser zu werden. Atmen ist das A und O beim Sprechen! Wenn Sie gerne überzeugender auftreten möchten, dann sollten Sie zuerst das Atmen lernen.

Ich persönlich neige dazu, sehr schnell zu sprechen. Punkt, Komma, Pausen – all das kommt vor, nur eben sehr fix hintereinander. Für Zuhörer – sei es im Hörfunk oder im Podcast – ist das meist zu schnell. Welche Kniffe würden Sie mir empfehlen, um mein Sprechtempo zu drosseln?

Ihre Stimme folgt nur Ihrer Körperspannung. Wenn Sie vor anderen reden oder einen Text aufnehmen, dann haben Sie natürlich mehr Spannung im Körper, als wenn Sie entspannt auf dem Sofa liegen. Wenn Sie also langsamer sprechen möchten, dann sollten Sie ihren Körper langsam bewegen. Ich sage meinen Teilnehmern immer, dass sie ganz langsam und konzentriert eine Acht malen sollen, während sie telefonieren. Das geht bei Ihnen – bei einer Aufnahme oder einer Präsentation – eher nicht. Also sollten Sie Ihre Hände einfach langsam bewegen, so als ob Sie gerade sehr müde sind: alle Bewegungen in Zeitlupe. Wenn Sie sich langsam bewegen, wird sich Ihre Stimme automatisch anpassen. Denken Sie schließlich noch daran, dass Sie kurze Sätze auf Punkt sprechen, und das Tempo wird sich um einiges reduzieren.

Schon Klang und Volumen der Stimme haben enormen Einfluss darauf, ob ein Redner sympathisch ist oder nicht. Was genau ist daran entscheidend?

Auch hier ist die Körperspannung entscheidend. Ich muss meinen ganzen Körper spüren, um mehr Volumen aus der Stimme heraus zu bekommen. Wenn die Stimme aus dem Bauch kommen soll, dann muss ich den Bauch auch spüren. Viele atmen zu hoch und spüren daher hauptsächlich den Brustkorb. Wenn Sie dann auch noch den Bauch einziehen, kommt die Stimme bestimmt nicht mehr aus dem Bauch und klingt total dünn. Und so wirkt dann auch der Inhalt. Entspannung ist das einzige Gegenmittel. Spüren Sie Ihren ganzen Körper bis zu den Fußsohlen. Atmen Sie tief in den Bauch und entspannen Sie dafür Ihren Bauch. Das ist der erste Schritt, um mehr Volumen und einen angenehmen Klang in die Stimme zu bekommen. Je entspannter Sie sind und je tiefer Sie atmen, desto voluminöser und gehaltvoller klingt Ihre Stimme. Und so wirkt dann auch das, was Sie sagen.

Wie lässt sich eine bessere Stimme und somit Überzeugungskraft trainieren?

Ich würde empfehlen, erst einmal die Atmung und die Körperspannung zu trainieren. Das ist die Basis. Danach kann man sich immer noch über den Aufbau einer Rede Gedanken machen. Aber die Überzeugungskraft hängt schon sehr vom richtigen Atmen ab.

Was sind Ihre persönlichen Favoriten, um im Radio oder Fernsehen besonders sympathisch und überzeugend rüberzukommen?

Natürlichkeit! Wenn ich jemanden als authentisch empfinde, dann sind mir auch kleine Macken egal. Was ich anstrengend finde, sind perfekte Redner. Menschen, die zwar von der Theorie her alles richtig machen, aber unnatürlich wirken. Daher gibt es dafür keine Schema-F-Lösung. Lassen Sie sich also von niemandem einreden, dass es nur einen richtigen Weg gibt. Den gibt es weder bei der Körpersprache, noch bei der Haltung, noch bei den Pausen. Den gibt es beim Reden überhaupt nicht! Das Spannende am Sprechen ist, dass es eine Arbeit ist mit sich selbst. Sie lernen sich selber besser kennen, unterstützen mit ein wenig Handwerkzeug Ihre eigenen Stärken und kommen dadurch überzeugender rüber. Und zwar auf eine ganz natürliche Art und Weise.

Frau García, Danke für das Gespräch.

Was andere Leser noch gelesen haben

[Bildnachweis: Matej Kastelic, Cartoonresource by Shutterstock.com]
15. April 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



Mehr von der Redaktion und aus dem Netz


Weiter zur Startseite