Schneller auf den Punkt: Wichtige Anti-Laber-Regeln

Man kann über alles reden, nur nicht über 45 Minuten. Das wusste schon Kurt Tucholsky. Leider halten sich nur wenige Redner daran. Mit den altbekannten Folgen: Die Zuhörer verlieren das Interesse und langweilen sich. Schade um die schöne Präsentation oder den lange vorbereiteten Vortrag. Dabei können Sie sogar das trockenste Thema kurzweilig aufbereiten – die Betonung liegt dabei auf „kurz“ und so kommen Sie schneller auf den Punkt

Schneller auf den Punkt: Wichtige Anti-Laber-Regeln

Schneller auf den Punkt: Warum wir formulieren wie wir formulieren

Die Wissenschaft liefert eindeutige Ergebnisse, die jedoch in der Wirtschaft noch nicht vollständig angekommen sind: Wer schneller auf den Punkt kommt, wird als kompetenter und authentischer wahrgenommen. Warum halten sich dann so wenige Menschen in Präsentationen und geschäftlichen Schreiben daran?

Ein Grund könnte sein, dass Viele denken, sich an dem Vokabular der übrigen Gruppe orientieren zu müssen, um dazu zu gehören. Statt „Maßstab“ sagt man dann „Benchmark“ weil man meint, es klinge besser und der Rest verstehe schon, was damit gemeint ist.In den meisten Fällen kann Letzteres sogar zutreffen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Sie durchaus auch „Maßstab“ sagen können, wenn Sie „Maßstab“ meinen. Denn unser Beispiel ist nur der Anfang.

Denken Sie einmal an die unzähligen Schreiben, die Sie von offiziellen Stellen erhalten haben. Haben Sie alle auf Anhieb verstanden? Falls nicht, ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Absender anders formuliert hat, als er sollte und nicht schneller, sondern eher langsamer (im schlimmsten Fall gar nicht) auf den Punkt gekommen ist.

Gerade in geschäftlichen Zusammenhängen ist ein derartiges Verhalten aber tödlich. Schließlich möchten Sie Ihren Adressaten so schnell wie möglich erreichen und überzeugen. Ob es sich dabei um ein Anschreiben für eine Bewerbung, einen Akquise-Brief oder eine Grußkarte handelt, ist zunächst zweitrangig.

Wenn Sie nicht schon während der ersten Zeilen Ihren Leser packen, wird es im weiteren Verlauf schwierig – und was für geschriebene Sprache gilt, gilt umso mehr für die gesprochene.

Wer treffender formuliert, ist schneller fertig

Bestimmt haben Sie auch schon mindestens ein Mal einer Präsentation (oder in Schule und Studium einem Referat) gelauscht, dem Sie bereits nach einigen Minuten nicht mehr folgen konnten. Einer der Gründe war vermutlich der Redestil des Vortragenden. Gerade bei Vorträgen gibt es kaum etwas Schlimmeres, als die gewollt geschwollene Formulierung.

Statt sich damit als besonders eloquent hervorzutun, wird der Redner als das Gegenteil davon wahrgenommen. Nämlich als jemand, der eben kaum einen Zuhörer von seinem Sitz reißen kann. Inhaltsloses Blabla führt eben nur selten zum Ziel. Die gute Nachricht: Sie müssen gar nicht so reden. Mit ein paar einfachen Kniffen können Sie sowohl Ihre geschäftliche Korrespondenz, als auch Ihre Präsentation in Zukunft auf Vordermann bringen.

Schneller auf den Punkt: So klappt’s

Rhetorik-Ratgeber, -Kurse und -Seminare gibt es im Überfluss, daher ersparen wir Ihnen – wir möchten schließlich schneller auf den Punkt kommen – ein langes Referat. Stattdessen gibt es einige Tipps, mit denen Sie ganz unkompliziert Ihre Kommunikation verbessern können:

  • Benutzen Sie W-Fragen

    Um einen Vortrag, Geschäftsbrief oder einen anderen Monolog zu strukturieren, können Sie sich an den sogenannten W-Fragen orientieren. Das geht beispielsweise so:

    • Wer macht etwas?
    • Was passiert/ist geschehen?
    • Wann geschieht es?
    • Wo ist es passiert?
    • Warum ist es so gekommen?
    • Wie hat es sich zugetragen?
    • Wozu (zu welchem Zweck) passiert es?

    Die W-Fragen können Sie übrigens auch als Hörer dazu nutzen, die wichtigsten Informationen aus einem Text (gesprochen und geschrieben) herauszufiltern.

  • Eine Aussage pro Satz

    Überfrachten Sie Ihre Sätze nicht mit Zahlen, Daten und Fakten. Viel besser: Konzentrieren Sie sich auf eine wichtige Aussage pro Hauptsatz. Als Faustregel gilt: Ungefähr 20 Wörter pro Satz müssen genügen, damit der Hörer ohne Probleme folgen kann.

  • Unwichtiges streichen

    Dazu gehören in erster Linie die beliebten Phrasen und Worthülsen wie:

    Zu Beginn des Vortrages möchte ich noch kurz darauf eingehen, wie…

    oder etwas Vergleichbares. Diese Sätze bringen keinen Mehrwert. Sie können Sie daher ersatzlos streichen. Das entlastet den Zuhörer, der damit eher gewillt ist, Ihrem Vortrag bis zum Ende zu lauschen.

    Meist fahren Sie ganz gut damit, auch in Vorträgen so zu reden, wie Sie mit Ihrem Kollegen in der Kaffeeküche plaudern würden. Dort fangen Sie schließlich auch nicht damit an, jeden Satz gesondert einzuleiten, sondern sagen einfach, was Sie sagen möchten.

  • Wechseln Sie die Perspektive

    Versetzen Sie sich in die Perspektive Ihres Zuhörers. Was weiß er und was noch nicht? Welche Informationen benötigt er wirklich, um den Sachverhalt zu verstehen?

    Wenn Sie aus der Hörer-Perspektive formulieren, ist Ihnen die Aufmerksamkeit Ihres Gegenübers gewiss. Ganz davon abgesehen, dass er es als Zeichen Ihrer Wertschätzung ansehen wird, wenn Sie sich große Mühe geben, den Sachverhalt zu erklären. Das bringt Ihnen noch weitere Pluspunkte ein.

    Sender Empfänger Modell Kommunikation Watzlawick Missverständnis

Die Anti-Laber-Regeln: Interview mit Thilo Baum

Anti-Laber-Regeln schneller auf den PunktThilo Baum studierte Publizistik und Theaterwissenschaft in Berlin, absolvierte ein Volontariat beim Berliner Kurier und machte sich 2004 als Seminarentwickler und -veranstalter selbstständig. Im Eichborn-Verlag erschien sein Buch: „Komm zum Punkt: Das Rhetorik-Buch mit der Anti-Laber-Formel“. Im Interview verrät er, wie man schneller auf den Punkt kommt:

Herr Baum, Ihr Buch hat über 240 Seiten. Finden Sie das nicht ein bisschen viel Holz für einen Ratgeber, der uns lehren will, zum Punkt zu kommen?

Die Frage liegt nahe. Aber was hilft es, wenn ich nur sage: Sag halt, was Sache ist? Die Frage ist doch: Wie gelangt man zu der Fähigkeit, Klartext zu reden? Viele Menschen wissen gar nicht, wie sie zum Kern ihres Denkens vordringen und ihn zum Ausdruck bringen. Das merken Sie, wenn Sie Ihre E-Mails und Newsletter lesen und die üblichen Ansprachen hören. Darum beschreibe ich in dem Buch den Weg zur Prägnanz. Zum Punkt zu kommen ist dann das Ergebnis. Viele gute, einfache Dinge sind Resultate von solchen Prozessen.

Ich nehme Sie trotzdem beim Wort: In maximal zwei Sätzen – was ist Ihre Kernbotschaft, Ihr wichtigster Rat?

Raus mit der Sprache. Einfach sagen, was Sache ist, und das aus der Perspektive der anderen.

Und was finden versierte Sprachliebhaber in Ihrem Buch, was sie vorher noch nicht bei Wolf Schneider & Co. gelesen haben?

Die spannende Schnittmenge zwischen journalistischem Know-how und Rhetorik. Wie lässt sich die Kunst der perfekten Formulierung unter einen Hut bringen mit der Aufgabe, ein Ziel zu erreichen? Im Kern ist meine Frage nicht: Wie sage ich alles richtig? Sondern: Wie sage ich das Richtige? Und schon ist Sprache wesentlich emotionaler als bei den herkömmlichen Sprachkritikern und erlaubt viel mehr Redundanzen und Kompromisse – und das, ohne zu labern. Ich frage: Aufgrund welcher Denkmuster geraten manche Menschen immer wieder aneinander, obwohl sie im journalistischen Sinne die Dinge sprachlich treffend zum Ausdruck bringen? Wie lassen sich negative Subtexte wie suggestive Unterstellungen und Beleidigungen vermeiden? Wie produziert man stattdessen positive Subtexte, die ich Charme nenne? Welche Zugeständnisse sollte ich zugunsten einer Verständigung an die reine Lehre der journalistischen Regeln machen?

Sie raten unter anderem, lieber ein falsches Wort zu nutzen, solange es nur zugespitzt ist. Das wird die Dudenjünger und Sprachpuristen nicht erfreuen…

…Es geht mir um Klarheit statt um Korrektheit. Das Problem heute ist nicht, dass die Menschen Fehler machen. Sondern dass sie wirres, unkonkretes und kompliziertes Zeug reden. Ich finde es zum Beispiel völlig unerheblich, wenn Uschi in „Uschi’s Frisiersalon“ den Deppen-Apostrophen verwendet. Viel schlimmer finde ich es, wenn sich ein Germanistik-Prof nicht so ausdrücken kann, dass Uschi ihn versteht. Bei „Uschi’s Frisiersalon“ wissen immerhin alle, was gemeint ist. Der Focus fragt diese Woche: „Kann Steinmeier Kanzler?“ Das gefällt den Duden-Jüngern nicht, weil es falsch ist. Aber es ist treffend. Es geht also um zwei Bewertungssysteme: Unterscheide ich zwischen „richtig“ und „falsch“ – oder unterscheide ich zwischen „gut“ und „schlecht“? „Uschi’s Frisiersalon“ ist falsch, aber jeder versteht’s. Ebenso wie die Focus-Zeile. An der handelsüblichen Formulierung „Verkaufsschulungen durchführen“ streicht zwar kein Deutschlehrer was an, aber Uschi muss erst mal nachdenken und das Ganze intellektuell auf „Verkäufer schulen“ herunterbrechen, indem sie aus dem Substantiv die Tätigkeit herausholt. Und diese Zuspitzung sollten in meinen Augen die Deutsch-Experten für Uschi erledigen. Denn die Experten sollten wissen, dass Verben für Tätigkeiten da sind.

Wo wir schon dabei sind: Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie ebenso zu denglischen Begriffen raten, falls diese jeder versteht?

Natürlich. Sicher ist „CD-Player“ besser als „Kompaktplattenspieler“, und „Computer“ ist ebenso gut wie „Rechner“. Ich halte den Kampf gegen Denglisch für fremdenfeindlich und überheblich. Warum soll der Ausdruck „E-Mails checken“ verboten, aber „Procedere abstimmen“ in Ordnung sein? Doch nur, weil einige Philologen im Englischen und seiner Vermischung mit dem Deutschen etwas Niederes sehen und im Lateinischen und im Griechischen etwas Gehobenes. Klar sage ich „Wollpullover“ und „recyceln“. Warum nicht? Es ist doch schön, wenn die Völker der Welt auch sprachlich zusammenrücken. Ich finde Denglisch nur affig, wenn es aufgesetzt ist wie beispielsweise bei dem Wort „strategy“ statt „Strategie“. So ein Denglisch ist ebenso bescheuert, wie wenn man als alter Preuße Französisch spricht, um vornehm zu tun. Sobald allerdings ein französisches Wort wie „Rendezvous“ treffender ist als die deutsche Alternative „Verabredung“, akzeptiere ich das „Rendezvous“ ebenso wie das „Date“.

Im Buch thematisieren Sie zudem den richtigen Umgang mit Psychozockern. Was bitte ist ein Psychozocker?

Psychozocker sind Menschen, die mit Mitteln der Sprache Spielchen spielen. Menschen, die andere Dinge sagen, als sie meinen. Ein Psychozocker sagt zum Beispiel: „Ach, ist das viel Arbeit!“ Jetzt dürfen Sie raten, mit welchem der Schulz-von-Thunschen Ohren Sie zuhören sollen: Pack mal mit an? Oder: Mir geht es so schlecht? Oder gar: Du fauler Hund? Ich halte es für unhöflich und link, die anderen raten zu lassen, was man meint. Mit Klartext lassen sich viele Missverständnisse vermeiden, die in Subtexten schlummern.

Eine Ihrer Thesen ist: Rhetorikseminare, die versuchen Schüchternen über Gestik oder Rhetorik mehr Selbstsicherheit einzubimsen, sind Murks. Was ist dann richtig?

Richtig ist: Rhetorik ist die Kunst zu sprechen. Was aber hat die klar umgrenzte Disziplin, Wörter treffend einzusetzen, mit Selbstbewusstsein zu tun? Das sind in meinen Augen zwei verschiedene Dinge. Manche Rhetorikseminare reden den Menschen ein, durch Körpersprache zu Selbstbewusstsein oder Authentizität zu gelangen. Das mag auf eine oberflächliche Weise als Inszenierung bis zu einem gewissen Grad gut gehen. Doch viele Seminaropfer kommen dann an ihren Arbeitsplatz zurück, spielen drei Tage ihr einstudiertes Zeug und lassen es dann erschöpft bleiben, weil es anstrengt und weil die Kollegen fragen: „Willst du mich für dumm verkaufen?“ Oder stellen Sie sich einen Unternehmenssprecher vor, der die Formulierung „in gegenseitigem Einvernehmen“ kommunizieren soll. Die Aussage ist gelogen, das wissen alle. Braucht er einen Rhetorikkurs, um diese Lüge zu verbreiten, weil er sich als Lügner unsicher fühlt und nicht authentisch wirkt? Nein! Die Rhetorik im Wortsinne hilft ihm im Grunde nur, die Lüge sprachlich auf den Punkt zu bringen. Wenn er sich damit schlecht fühlt, sollte er zum Psychologen gehen, nicht zum Rhetoriker. Ich bin überzeugt: Wer etwas zu sagen hat, woran er glaubt, kann seine Wirkung aus dem Inhalt gewinnen. Wer Klartext spricht, braucht kein Theater, um Glaubwürdigkeit oder Selbstsicherheit zu inszenieren.

Wie also sieht dann der optimale Vortrag aus?

Der optimale Vortrag hat eine klare Aussage und kommt zum Punkt. Er macht Spaß und vermittelt konkreten Nutzwert. Der Redner oder die Rednerin spricht nicht nur von sich, sondern stellt das Thema aus Perspektive des Publikums dar. Einleitungen wie in der Schule Marke Im Folgenden hören Sie einen Vortrag sind pfui. Geschichten sind gut, aber nicht Geschichten um ihrer selbst willen ohne Aufhänger und Bedeutung für die Story. Statt sich das Hirn über den berühmten ersten Satz zu zermartern, sollte man einfach sofort klar zur Sache kommen. Wichtiger ist sowieso der letzte Satz. Wir haben zig Möglichkeiten, Patzer am Anfang zu korrigieren. Darum ein Paukenschlag am Ende: Der optimale Vortrag endet mit einem kurzen Hauptsatz. Denn der letzte Eindruck bleibt.

Danke für das Gespräch.

Was andere Leser noch gelesen haben

[Bildnachweis: sirtravelalot by Shutterstock.com]
5. April 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



Mehr von der Redaktion und aus dem Netz


Weiter zur Startseite