Schneller auf den Punkt: Wichtige Anti-Laber-Regeln

Thilo Baum studierte Publizistik und Theaterwissenschaft in Berlin, absolvierte ein Volontariat beim Berliner Kurier und machte sich 2004 als Seminarentwickler und -veranstalter selbstständig. Im Eichborn-Verlag erschien sein Buch: „Komm zum Punkt: Das Rhetorik-Buch mit der Anti-Laber-Formel“. Im Interview verrät er, wie man schneller auf den Punkt kommt…

Schneller auf den Punkt: Wichtige Anti-Laber-Regeln

Die Anti-Laber-Regeln

Herr Baum, Ihr Buch hat über 240 Seiten. Finden Sie das nicht ein bisschen viel Holz für einen Ratgeber, der uns lehren will, zum Punkt zu kommen?

Die Frage liegt nahe. Aber was hilft es, wenn ich nur sage: Sag halt, was Sache ist? Die Frage ist doch: Wie gelangt man zu der Fähigkeit, Klartext zu reden? Viele Menschen wissen gar nicht, wie sie zum Kern ihres Denkens vordringen und ihn zum Ausdruck bringen. Das merken Sie, wenn Sie Ihre E-Mails und Newsletter lesen und die üblichen Ansprachen hören. Darum beschreibe ich in dem Buch den Weg zur Prägnanz. Zum Punkt zu kommen ist dann das Ergebnis. Viele gute, einfache Dinge sind Resultate von solchen Prozessen.

Ich nehme Sie trotzdem beim Wort: In maximal zwei Sätzen – was ist Ihre Kernbotschaft, Ihr wichtigster Rat?

Raus mit der Sprache. Einfach sagen, was Sache ist, und das aus der Perspektive der anderen.

Und was finden versierte Sprachliebhaber in Ihrem Buch, was sie vorher noch nicht bei Wolf Schneider & Co. gelesen haben?

Die spannende Schnittmenge zwischen journalistischem Know-how und Rhetorik. Wie lässt sich die Kunst der perfekten Formulierung unter einen Hut bringen mit der Aufgabe, ein Ziel zu erreichen? Im Kern ist meine Frage nicht: Wie sage ich alles richtig? Sondern: Wie sage ich das Richtige? Und schon ist Sprache wesentlich emotionaler als bei den herkömmlichen Sprachkritikern und erlaubt viel mehr Redundanzen und Kompromisse – und das, ohne zu labern. Ich frage: Aufgrund welcher Denkmuster geraten manche Menschen immer wieder aneinander, obwohl sie im journalistischen Sinne die Dinge sprachlich treffend zum Ausdruck bringen? Wie lassen sich negative Subtexte wie suggestive Unterstellungen und Beleidigungen vermeiden? Wie produziert man stattdessen positive Subtexte, die ich Charme nenne? Welche Zugeständnisse sollte ich zugunsten einer Verständigung an die reine Lehre der journalistischen Regeln machen?

Sie raten unter anderem, lieber ein falsches Wort zu nutzen, solange es nur zugespitzt ist. Das wird die Dudenjünger und Sprachpuristen nicht erfreuen…

…Es geht mir um Klarheit statt um Korrektheit. Das Problem heute ist nicht, dass die Menschen Fehler machen. Sondern dass sie wirres, unkonkretes und kompliziertes Zeug reden. Ich finde es zum Beispiel völlig unerheblich, wenn Uschi in „Uschi’s Frisiersalon“ den Deppen-Apostrophen verwendet. Viel schlimmer finde ich es, wenn sich ein Germanistik-Prof nicht so ausdrücken kann, dass Uschi ihn versteht. Bei „Uschi’s Frisiersalon“ wissen immerhin alle, was gemeint ist. Der Focus fragt diese Woche: „Kann Steinmeier Kanzler?“ Das gefällt den Duden-Jüngern nicht, weil es falsch ist. Aber es ist treffend. Es geht also um zwei Bewertungssysteme: Unterscheide ich zwischen „richtig“ und „falsch“ – oder unterscheide ich zwischen „gut“ und „schlecht“? „Uschi’s Frisiersalon“ ist falsch, aber jeder versteht’s. Ebenso wie die Focus-Zeile. An der handelsüblichen Formulierung „Verkaufsschulungen durchführen“ streicht zwar kein Deutschlehrer was an, aber Uschi muss erst mal nachdenken und das Ganze intellektuell auf „Verkäufer schulen“ herunterbrechen, indem sie aus dem Substantiv die Tätigkeit herausholt. Und diese Zuspitzung sollten in meinen Augen die Deutsch-Experten für Uschi erledigen. Denn die Experten sollten wissen, dass Verben für Tätigkeiten da sind.

Wo wir schon dabei sind: Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie ebenso zu denglischen Begriffen raten, falls diese jeder versteht?

Natürlich. Sicher ist „CD-Player“ besser als „Kompaktplattenspieler“, und „Computer“ ist ebenso gut wie „Rechner“. Ich halte den Kampf gegen Denglisch für fremdenfeindlich und überheblich. Warum soll der Ausdruck „E-Mails checken“ verboten, aber „Procedere abstimmen“ in Ordnung sein? Doch nur, weil einige Philologen im Englischen und seiner Vermischung mit dem Deutschen etwas Niederes sehen und im Lateinischen und im Griechischen etwas Gehobenes. Klar sage ich „Wollpullover“ und „recyceln“. Warum nicht? Es ist doch schön, wenn die Völker der Welt auch sprachlich zusammenrücken. Ich finde Denglisch nur affig, wenn es aufgesetzt ist wie beispielsweise bei dem Wort „strategy“ statt „Strategie“. So ein Denglisch ist ebenso bescheuert, wie wenn man als alter Preuße Französisch spricht, um vornehm zu tun. Sobald allerdings ein französisches Wort wie „Rendezvous“ treffender ist als die deutsche Alternative „Verabredung“, akzeptiere ich das „Rendezvous“ ebenso wie das „Date“.

Im Buch thematisieren Sie zudem den richtigen Umgang mit Psychozockern. Was bitte ist ein Psychozocker?

Psychozocker sind Menschen, die mit Mitteln der Sprache Spielchen spielen. Menschen, die andere Dinge sagen, als sie meinen. Ein Psychozocker sagt zum Beispiel: „Ach, ist das viel Arbeit!“ Jetzt dürfen Sie raten, mit welchem der Schulz-von-Thunschen Ohren Sie zuhören sollen: Pack mal mit an? Oder: Mir geht es so schlecht? Oder gar: Du fauler Hund? Ich halte es für unhöflich und link, die anderen raten zu lassen, was man meint. Mit Klartext lassen sich viele Missverständnisse vermeiden, die in Subtexten schlummern.

Eine Ihrer Thesen ist: Rhetorikseminare, die versuchen Schüchternen über Gestik oder Rhetorik mehr Selbstsicherheit einzubimsen, sind Murks. Was ist dann richtig?

Richtig ist: Rhetorik ist die Kunst zu sprechen. Was aber hat die klar umgrenzte Disziplin, Wörter treffend einzusetzen, mit Selbstbewusstsein zu tun? Das sind in meinen Augen zwei verschiedene Dinge. Manche Rhetorikseminare reden den Menschen ein, durch Körpersprache zu Selbstbewusstsein oder Authentizität zu gelangen. Das mag auf eine oberflächliche Weise als Inszenierung bis zu einem gewissen Grad gut gehen. Doch viele Seminaropfer kommen dann an ihren Arbeitsplatz zurück, spielen drei Tage ihr einstudiertes Zeug und lassen es dann erschöpft bleiben, weil es anstrengt und weil die Kollegen fragen: „Willst du mich für dumm verkaufen?“ Oder stellen Sie sich einen Unternehmenssprecher vor, der die Formulierung „in gegenseitigem Einvernehmen“ kommunizieren soll. Die Aussage ist gelogen, das wissen alle. Braucht er einen Rhetorikkurs, um diese Lüge zu verbreiten, weil er sich als Lügner unsicher fühlt und nicht authentisch wirkt? Nein! Die Rhetorik im Wortsinne hilft ihm im Grunde nur, die Lüge sprachlich auf den Punkt zu bringen. Wenn er sich damit schlecht fühlt, sollte er zum Psychologen gehen, nicht zum Rhetoriker. Ich bin überzeugt: Wer etwas zu sagen hat, woran er glaubt, kann seine Wirkung aus dem Inhalt gewinnen. Wer Klartext spricht, braucht kein Theater, um Glaubwürdigkeit oder Selbstsicherheit zu inszenieren.

Wie also sieht dann der optimale Vortrag aus?

Der optimale Vortrag hat eine klare Aussage und kommt zum Punkt. Er macht Spaß und vermittelt konkreten Nutzwert. Der Redner oder die Rednerin spricht nicht nur von sich, sondern stellt das Thema aus Perspektive des Publikums dar. Einleitungen wie in der Schule Marke Im Folgenden hören Sie einen Vortrag sind pfui. Geschichten sind gut, aber nicht Geschichten um ihrer selbst willen ohne Aufhänger und Bedeutung für die Story. Statt sich das Hirn über den berühmten ersten Satz zu zermartern, sollte man einfach sofort klar zur Sache kommen. Wichtiger ist sowieso der letzte Satz. Wir haben zig Möglichkeiten, Patzer am Anfang zu korrigieren. Darum ein Paukenschlag am Ende: Der optimale Vortrag endet mit einem kurzen Hauptsatz. Denn der letzte Eindruck bleibt.

Danke für das Gespräch.

[Bildnachweis: Dean Drobot by Shutterstock.com]
21. April 2009 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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