Man kann vieles richtig machen – und trotzdem scheitern. Der Termin mit dem Chef steht seit drei Wochen, die Gehaltsverhandlung ist optimal vorbereitet, im Gespräch werden vergangene Leistungen sowie der Mehrwert für das Unternehmen betont. Alles läuft perfekt, trotzdem fragt der Boss nur kurz, ob man einen an der Marmel hat und würgt weitere Verhandlungsversuche ab. Danach Meeting. Die Idee ist brillant ausgearbeitet und perfekt inszeniert – keiner reagiert. Also werden der guten Idee noch flugs ein paar mittelmäßige hinterher geworfen. Hauptsache, die anderen erkennen das eigene Genie. Das erweist sich jedoch als Fehler. Statt Genie assoziieren die Kollegen nur Schwatzbacke. Aus lauter Frust wird der Feierabend vorverlegt. Zu Hause ertappt man den Partner mit dem Liebhaber in flagranti…

Timing ist alles. Zur rechten Zeit am rechten Ort sein, die Zeichen der Zeit erkennen, die Gunst der Stunde nutzen, den rechten Augenblick abpassen, wissen, was die Stunde geschlagen hat – die Tugenden muss überall beherrschen, wer im Leben, in der Liebe und im Job bestehen will. Orchestermusiker ohne rechtes Timing klingen wie der Einsteigerkurs für musikalische Früherziehung.

Börsenspekulanten ohne Gespür für den richtigen Moment, verkaufen entweder zu spät oder steigen zu spät aus. Auf jeden Fall machen sie Verlust. „Nichts auf der Welt ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, sagte einst Victor Hugo. Und man möchte dem hinzufügen: nichts lässt sie grandioser misslingen als schlechtes Zeitmaß. Es gibt Dinge, die keinen Aufschub dulden – andere verlangen geradezu danach.

Natürlich hat richtiges Timing manchmal mit Zufall zu tun. Sie verpassen Ihren Flieger und kommen in der Wartelounge mit einem Mann ins Gespräch, der gerade auf der Suche nach einem neuen Geschäftsführer ist – jemand, wie Ihnen. Das ist Glück. Aber selten.

Timing ist eine Frage des Gespürs

Viel öfter ist erfolgreiches Timing eine Frage von Gespür. Was viele erfolgreiche Menschen eint: Sie entwickeln schon frühzeitig sensible Antennen dafür, wann es besser ist, die Klappe zu halten oder selbige aufzumachen. Sie machen zum Beispiel Pause und schonen ihre Kräfte, bis sich alle müde gestritten haben und offenbaren dann erst einen Vorschlag, der von allen am wenigsten Veränderung erfordert. Breiter Applaus ist ihnen sicher. Ebenso wissen sie, dass es nicht gut ist, Konzepte zu präsentieren, wenn der Chef einen gerade auf dem Kieker hat, weil sie dann gnadenlos abgeschmettert werden. Dass man mit dem Boss nicht über mehr Gehalt spricht, wenn der gerade schlechte Laune hat, gehört für sie zum kleinen Einmaleins.

Zum Timing zählt jedoch nicht nur Pünktlichkeit. Auch auf das rechte Tempo kommt es an. Rechtzeitig fertig werden, können viele. Es schadet aber, wenn jemand anderes parallel ein schillernderes Projekt abschließt. Das mindert immer Aufmerksamkeit. Schlauer wäre deshalb, schneller zu sein und die Abschlussrede zuerst zu halten. Oder etwas später, um dem anderen die Schau zu stehlen.

Da sein oder nicht da sein – das macht den Unterschied

Gut ist ebenfalls da zu sein, wenn es andere nicht sind. Zum Beispiel abends, wenn der Chef denkt, er geht als letzter und man ihn auf dem Weg zur Tiefgarage mit einem zufälligen Erfolgsbericht über ein interessantes Projekt überraschen kann. Nach einem solchen Höhepunkt empfiehlt es sich allerdings, kurzfristig wieder von der Bildfläche zu verschwinden. Das verhindert, als Tausendsassa mit weiterer Arbeit zugeschüttet zu werden und verringert die Angriffsfläche für Neider. Hauptsache, auch die Gunst der nächsten Stunde wird genutzt.

1962 stellte sich eine kleine Band mehreren Plattenfirmen vor. Sie erhielt lauter Absagen. Das Unternehmen Decca Records bescheinigte ihnen gar, Gitarrengruppen seien aus der Mode. Schlechtes Timing. Für den Moment. Die Truppe gab dennoch nicht auf und fand schließlich eine Plattenfirma. Sie nannte sich Beatles und hatte ganz ordentlichen Erfolg.