Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe - oft ist es auch ein guter Anlass zur Versöhnung. Zum Vergeben und Verzeihen. Das fällt allerdings vielen nicht gerade leicht. Zumal richtiges Um-Verzeihung-Bitten gekonnt sein will. Schon die Formulierung macht klar: Es ist eine Bitte, kein Befehl. Wer um Verzeihung bittet, appelliert an die Milde und Güte desjenigen, den er verletzt oder verärgert hat. Das schließt allerdings mit ein, dass der- oder diejenige die Wahl hat, zu verzeihen oder eben auch nicht. Die gute Nachricht: Man kann verzeihen lernen...

Verzeihen koennen vergeben lernen Sprueche

Vergeben - verzeihen: Unterschied und Definition

verzeihen können Sprüche UnterschiedHäufig werden die Verben verzeihen und vergeben synonym verwendet, genau genommen gibt es allerdings einen kleinen Unterschied. Dazu lohnt es sich, die Begriffe wortwörtlich zu nehmen, denn es handelt sich um Zusammensetzungen, beide Verben haben das Präfix ver- vorangestellt, das für negative oder schwierige Veränderungen stehen kann.

  • Verzeihen: Setzt sich aus ver + zeihen zusammen. Zeihen ist ein altes deutsches Verb, das "bezichtigen" oder "beschuldigen" bedeutet. Indem man jemanden eines Vergehens zeiht, klagt man ihn also an. Mit ver- kommt nun eine Veränderung hinzu, das heißt, die Beschuldigung oder Anklage wird zurückgenommen.
  • Vergeben: Darin steckt das Verb geben, das in völlig anderen Zusammenhängen auftaucht und überreichen bedeuten kann, beispielsweise "einen Preis vergeben". Hier geht es darum, dass jemandem, der einen Fehler begangen hat, Gnade gewährt wird. Tatsächlich hat vergeben einen quasi religiösen Charakter.

Nicht umsonst heißt es im wohl bekanntesten Gebet des Christentums, dem Vaterunser: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Vergeben heißt, dass jemand eine Sache getan hat, seine Entschuldigung aber angenommen wird, ohne dass es ihm zukünftig vorgehalten wird. Das Verhältnis ist wie zuvor.

Verzeihen hingegen bedeutet, dass ein Verständnis für die Tat besteht. Derjenige, der sich entschuldigt und bereut, konnte nicht anders handeln oder hat es nicht so gemeint und hat eigentlich keine Schuld - daher muss ihm auch nicht vergeben werden.

Allerdings gibt es nach religiösem Verständnis durchaus Dinge, die unverzeihlich und unentschuldbar sind - und dennoch wird den Tätern vergeben. Vergeben geht also deutlich tiefer als verzeihen, zumindest nach christlicher Lesart.

Vergeben und vergessen: Die Bitte um Verzeihung

Verzeihen-können-SorryEine Pflicht zur Vergebung gibt es nicht. Wer dabei zu viel Druck macht - Motto: Du musst mir das verzeihen -, der pervertiert das Täter-Opfer-Schema und verkehrt es ins Gegenteil: Aus dem Opfer wird ein Täter, der sich schuldig macht, wenn er oder sie nicht verzeiht.

Das ist nicht nur hochgradig manipulativ, sondern auch doppelt gemein:

  • Erst eine Missetat begehen, für die man sich entschuldigen sollte
  • dann seinem Opfer auch noch ein schlechtes Gewissen machen... Unverschämt!

Gesteigert wird das womöglich noch durch ein anglophon ventiliertes "Sorry!", das mit dem lapidaren "Tschulljung!" oder jovialem "Schuldigänse" nahezu auf einer Ebene steht. Dass einem so tatsächlich vergeben wird, kann man wohl getrost ausschließen.

Wenn überhaupt gehört zu der Bitte um Verzeihung auch ein wahrhaft zerknirschtes "Entschuldigung". Denn wer einen Fehler macht, ein Versprechen bricht oder sonstwie versagt, lädt moralische Schuld auf sich. Das gilt im Kleinen wie im Großen und kann letztlich jedem von uns passieren. Nobody is perfect und so. Zurück bleibt dennoch - hoffentlich - ein schlechtes Gewissen. Und das wollen wir möglichst bald loswerden.

Dazu gibt es allerlei Mittel und Wege: Wiedergutmachung leisten etwa. Oder ein trauriges Gesicht aufsetzen und Blumen überreichen. Barfuß nach Canossa gehen kann man natürlich auch. Oder aber man bittet um Pardon, verbal, voller Reue und das möglichst glaubwürdig.

Das geht am schnellsten, wirkt am nachhaltigsten und kostet nur zwei Dinge:

  • Überwindung
  • und unseren Stolz.

Sorry!

verzeihen können vergeben verzeihen UnterschiedPS. Es gibt eine schon etwas ältere Seite, die Bilder mit diversen Sorrys gesammelt und zu einem Buch verarbeitet hat... Sorry Everybody

Entschuldigen können: Ein Scheinkampf um das verlorene Gesicht?

Verzeihung-Vergebung-PaarGenau darin aber liegt das Problem am Entschuldigen und Verzeihen lernen: Viele Menschen hassen es, mit ihrer eigenen Imperfektion konfrontiert zu werden.

Noch schlimmer: sie öffentlich eingestehen zu müssen. Unser Ego mag so etwas gar nicht.

Wobei es da ein interessantes Phänomen gibt:

  • Je egaler einem die Leute sind, desto leichter fällt die Entschuldigung.
  • Je wichtiger uns diese Leute sind (oder die Gunst des Publikums), desto verbissener kämpfen wir um unser verlorenes Gesicht - und machen es nur noch schlimmer.

Wie schwer fällt es beispielsweise vielen Menschen gegenüber ihrem Partner zuzugeben, dass sie einen dummen Fehler gemacht haben?

Ich denke da etwa an Männer, die sich hoffnungslos verfahren haben, aber dennoch darauf pochen den Weg zu kennen, statt einen Passanten nach selbigem zu fragen. Oder an Frauen, die zwoundtrölfzig Gründe dafür (er)finden, warum sie dieses Paar Schuhe auch noch kaufen mussten, obwohl sie nicht einen Fetzen im Kleiderschrank haben, der dazu passt (oder bereits sieben andere Paar Schuhe, die noch besser passen).

Im Job ist es nicht viel anders: Gegenüber dem Chef oder (als Chef) vor dem Team zuzugeben, Mist gebaut zu haben, fällt ungleich schwerer als das einem Kollegen einzugestehen, den wir weder als Konkurrenten noch als ebenbürtig betrachten. Wie dumm!

Wer einen Fehler macht, sollte um Verzeihung bitten. Und zwar ziemlich zügig und unabhängig von der Person. Das beweist nicht nur menschliche Größe (und ein normalgroßes Ego), sondern ist auch Balsam für Beziehungen aller Art.

Leugnen wäre absolut verkehrt, das macht es nur noch schlimmer.

Vergebung: Darum ist es besser zu verzeihen

Bleibt noch die Frage: Vergeben oder nicht?

Der Psychologie-Professor an der Concordia Universität in Kanada, Carsten Wrosch, erforscht seit mehr als 15 Jahren negative Emotionen. Vor allem aber interessiert ihn, welchen Effekt Bitterkeit auf unsere Gesundheit hat. Denn es ist ja nun mal so, dass die einen Menschen nach ärgerlichen Ereignissen bitterer als eine Grapefruit werden, während andere locker bleiben, Motto: Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, mach Limonade draus!

Um es kurz zu machen: Seine Untersuchungen zeigen deutlich, dass wer nachtragend ist, seiner Gesundheit schadet: "Bitterkeit", so Wrosch, "insbesondere wenn sie chronisch wird, kann erheblichen Einfluss auf biologische Funktionen haben, unser Immunsystem schwächen oder regelrecht krank machen, nicht nur mental."

Um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen, empfiehlt der Psychologe los- und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Das sei eine wichtige Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbstregulierung, die sich trainieren lässt - und im Leben Vieles leichter macht.

Nicht verzeihen zu können, verrät letztlich auch nichts anderes als eine narzisstische Kränkung. Womöglich sogar eine, die auf Rache sinnt - etwa in der Form, den anderen in seinen Schuldgefühlen schmoren zu lassen. Doch Rache rächt sich immer - vor allem an uns selbst.

Der Psychologe Kevin Carlsmith von der Colgate Universität in Hamilton absolvierte dazu diverse Experimente. Doch obwohl seine Probanden versicherten, sie würden sich nach der Sühne besser fühlen, passierte jedes Mal das genaue Gegenteil.

So süß die Rache zunächst auch schmeckt, so bitter und lange wirkt ihr Nachgeschmack.

Klüger ist indes die Haltung, die schon der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon auf den Nenner brachte: "Wer Rache nimmt, ist nicht besser als sein Feind; verzichtet er aber darauf, dann ist er ihm überlegen."

Auch wenn es schwer fällt: Bitten Sie um Verzeihung - und vergeben Sie umgekehrt genauso. Schon im ganz eigenen Interesse.

Verzeihen: Sprüche und Zitate

  • Es schadet nichts, wenn einem Unrecht geschieht. Man muß es nur vergessen können. (Konfuzius)
  • Man muss verzeihen können. Das Leben des Menschen ist zu kurz, als dass er es mit Nachtragen und Rachsucht hinbringen könnte. (Friedrich der Große)
  • Gott hat mir schon vergeben. Es ist ja sein Geschäft. (Heinrich Heine)
  • Alles verstehen, heißt alles verzeihen. (Madame de Stael)
  • Vergeben und vergessen heißt, kostbare Erfahrungen zum Fenster herauswerfen. (Arthur Schopenhauer)
  • Verzeihen ist keine Narrheit, nur ein Narr kann nicht verzeihen. (Chinesisches Sprichwort)
  • Verzeihen ist die beste Rache. (Deutsches Sprichwort)

Verzeihen können nur die Starken

Verzeihen - oder vergeben - zu können bedeutet für den Vergebenden oft eine Herausforderung. Dabei würde es letztlich eine enorme Erleichterung bedeuten, denn zumeist schleppen wir in Gedanken für jede Person, die wir kennen ein paar unerfreuliche Ereignisse mit uns herum.

Gerade wenn die Kränkungen oder erlittenen Verletzungen tief sitzen - ein Kollege hat Ihre Idee als die seinige ausgegeben und den Sachverhalt bis heute nicht geklärt. Oder aber Sie können Ihrem Partner den Seitensprung, Ihren Eltern die lieblose Erziehung nicht vergeben.

Das Problem ist: Wann immer Sie diesen Personen über den Weg laufen, werden Sie gedanklich mit diesen Geschehnissen konfrontiert, schlimmstenfalls grübeln Sie auch ohne Begegnung täglich. Das kann wie beschrieben Auswirkungen auf Ihre Gesundheit und Zufriedenheit haben; auf der körperlichen Seite stehen Magenprobleme, Bluthochdruck und Schlafstörungen, auf der seelischen Seite aggressive Gefühle wie Hass und Rachegelüste, aber auch Enttäuschung, Verbitterung und Verletzung.

Wenn etwas unausgesprochen in uns gärt, steht es zwischen uns und der Person, der wir verzeihen sollten. Häufig äußert sich das dann in Ablehnung und Rückzug - der Kontakt bricht womöglich ganz ab. Gerade bei Lappalien ist das bedauerlich, denn manche Kränkung lässt sich auf ein Missverständnis zurückführen - müsste dafür aber eben angesprochen werden.

Wenn man von gewissen narzisstischen Wesenszügen einmal absieht, gibt es gute Gründe, warum viele nicht so leicht verzeihen können:

  • Stolz

    Falscher Stolz auf beiden Seiten verhindert häufig eine Versöhnung: Der eine mag nicht um Entschuldigung bitten, der andere mag kein Pardon gewähren, aus Angst, sein Gesicht zu verlieren.

  • Wiederholung

    Dahinter steckt die Angst des Verzeihenden, dass der andere es als Ermutigung für erneutes Handeln auffasst. Ganz nach dem Motto: "War nicht so schlimm."

  • Zustimmung

    Eine andere Befürchtung ist die, dass das Verhalten als korrekt bewertet wird, wenn man seinem Gegenüber verzeiht.

Verzeihen können ist erlernbar

Auch wenn es schwer fällt: Verzeihen und vergeben lohnt sich aus den beschriebenen Gründen. Sie können mit einer Sache abschließen, die alten Wunden können heilen und Sie gelangen zu Ihrem inneren Frieden. Dazu gehört zunächst zweierlei: Empathie und Selbstreflexion.

Versuchen Sie, sich in die andere Person hineinzuversetzen:

  • Gab es vielleicht aus ihrer Perspektive gute Gründe für ihr Handeln?
  • Fehlte womöglich das Wissen bestimmter Hintergründe, so dass sie gar nicht anders handeln konnte?
  • Glauben Sie, dass die Person vorsätzlich gehandelt hat oder es vielleicht ein Versehen war?

Ebenso sollten Sie Ihr eigenes Verhalten unter die Lupe nehmen:

  • Habe ich mich unklar ausgedrückt?
  • Gab es vergleichbare Situationen, in denen ich dieses Handeln unterstützt habe?
  • Worin besteht mein Beitrag zu dieser Situation?

Wenn Sie diese Fragen für sich beantwortet haben, können Sie fortschreiten. Seien Sie sich dessen bewusst, dass vergeben und verzeihen keineswegs ein Zeichen von Schwäche ist. Es bedeutet auch nicht, dass eine Sache ungeschehen dadurch gemacht wird oder Sie im Nachhinein das Verhalten billigen.

Was es bedeuten kann, ist ein Abschluss für Sie. Dazu können Sie auch überlegen, welche positiven Erfahrungen Sie mit der Person in der Vergangenheit gemacht haben - unter Umständen können solche Aspekte den Wert einer Versöhnung fördern.

  • Schreiben

    Schreiben ist ein kreativer Verarbeitungsprozess, bei dem Sie Ihren Gedanken ungehemmt freien Lauf lassen können. Schreiben bedeutet eine Entlastung und hilft dabei, nicht ständig in ein Gedankenkarussell zu verfallen. Sie können beispielsweise einen Brief an die Person schreiben, den Sie niemals abschicken.

  • Aussprechen

    Greifen Sie zu einem Gegenstand, den Sie mit der Person verbinden oder ein Bild. Sprechen Sie laut: "Ich verzeihe (Name der Person) die Schuld für (Sache)." Vermutlich reicht es nicht, nur einmal diese Worte auszusprechen, vielleicht kommen Sie sich merkwürdig vor - das macht nichts, sorgen Sie dafür, dass Sie allein und ungestört sind und wiederholen Sie den Spruch mehrfach. Manche Menschen sind auditiv veranlagt, das heißt, sie müssen die Dinge erst hören, damit sie sie erfassen können.

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