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Gute Einfälle sind Geschenke des Glücks, soll der deutsche Dichters Gotthold Ephraim Lessing einmal gesagt haben und fasste damit gut das schüchterne Wesen des schöpferischen Geistes zusammen: Immer dann, wenn wir auf Kommando kreativ sein wollen, fällt uns partout nichts ein. Zugegeben, Kreativität lässt sich nicht erzwingen. Doch wir können die Voraussetzungen schaffen, um sie aus der Reserve zu locken. Eine Methode dazu sind die sogenannten Morgenseiten...

Morgenseiten: Komm, oh schöpferischer Geist!

Wenn Ihr erster Gedanke jetzt ist: das klingt nach früher aufstehen, dann haben Sie recht. Sorry, aber das lohnt sich auch - versprochen!

Was also verbirgt sich hinter den Morgenseiten?

Ganz einfach: Gleich nach dem Aufstehen nehmen Sie sich drei leere A4-Seiten und einen Stift. Dann schreiben Sie so lange, bis die drei Seiten gefüllt sind. Das machen Sie jeden Tag, ohne Ausnahme. Im Prinzip war's das dann auch schon.

Die am häufigsten gestellte Frage an diesem Punkt ist: Was soll ich denn schreiben?

Genau hier liegt die Chance, aber auch die Schwierigkeit der Methode: Es gibt keine Regeln für den Inhalt der Morgenseiten. Schreiben Sie einfach drauf los, ohne Zusammenhang, ohne Thema. Es muss nicht einmal einen Sinn ergeben. Auch Grammatik und Rechtschreibung sind zweitrangig. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Morgenseiten und Braindump

Im Grunde sind Morgenseiten eine noch freiere und radikalere Form des Brainstormings. Im Englischen wird die Methode auch Braindump (zu deutsch: Hirnauszug) genannt. Bei dieser Art des Gedächtnisprotokolls werden die Gedanken praktisch einmal vollständig entleert.

Ursprünglich stammt die Idee der Morgenseiten aus dem Buch "Der Weg des Künstlers im Beruf" von Julia Cameron. Neben der Morgenseiten-Methode bietet das Buch auch ein Zwölf-Wochen-Programm, um kreativer zu werden, sowie zahlreiche weitere Übungen.

Morgenseiten: Was bringen die mir?

Zuerst einmal geben Ihnen Morgenseiten die Gelegenheit, all Ihre Gedanken und Themen, die Ihnen tagtäglich durch den Kopf schwirren, zu fixieren, bevor sie sich verflüchtigen. Der Tag beginnt danach dann tatsächlich mit einem freien Kopf.

Darüberhinaus erfüllen Morgenseiten vor allem zwei wichtige Funktionen:

  • Durch die Fülle der notierten Gedanken finden Sie womöglich neue gute Ideen. Inbesondere wenn Sie regelmäßig schreiben, sammeln sich mit der Zeit eine stattliche Anzahl kreativer Impulse an.
  • Wer seine Morgenseiten ehrlich und ungefiltert schreibt, kann durch die spätere Lektüre sich selbst besser kennenlernen. Es kann enorm erhellend sein, herauszufinden, welche Gedankengänge dort über Tage hinweg immer wieder auftauchen oder wie sie sich verändern.

Um eine spürbare Wirkung zu erzielen, sollten Sie die Morgenseiten allerdings mindestens 30 Tage lang hintereinander schreiben. Die Erfahrung lehrt: Erst wenn das morgendliche Schreiben zur Gewohnheit geworden ist, werden Sie auch Veränderungen bemerken.

Falls Sie eher das Schreiben auf dem Computer als von Hand bevorzugen, gibt es einen passenden Webdienst: 750Words ist speziell für das Schreiben der Morgenseiten angelegt. Daher stammt auch der Name des Tools: Der Autor der Seite behauptet, dass 750 Wörter ziemlich genau drei A4-Seiten entsprechen.

Morgenseiten: Ein Erfahrungsbericht

Damit Sie sich vorstellen können, wie Morgenseiten in der Praxis wirken, haben wir hier noch einen kurzen Erfahrungsbericht eines Bekannten, der die Methode sechs Monate lang angewendet hat:

Am ersten Tag klingelt der Wecker 20 Minuten früher. Stift und Papier liegen bereit, ich setzte mich davor und... weiß nicht was ich schreiben soll. Irgendwann fange ich einfach an. Ganz langsam beginne ich damit, Wörter zu Papier zu bringen. Je mehr es werden, desto einfacher fällt das Schreiben. Die drei Seiten sind im Endeffekt doch recht schnell gefüllt. Das erste Gefühl ist nichts Besonderes. Ich spüre keine direkte Wirkung. Naja, war ja auch der erste Tag.

Sechs Tage später kommt das erste Problem. Die Nacht war kurz, der Drang, liegen zu bleiben und weiter zu schlafen, ist stark. Aber nein, der Vorsatz ist da, zumindest 30 Tage will ich durchhalten! An diesem Morgen ist jedes Wort mühsam, nach zwei Seiten gebe ich schließlich auf, mehr frustriert als entspannt.

In der dritten Woche spüre ich die ersten Erfolge, das morgendliche Schreiben ist zur Gewohnheit geworden, ich freue mich richtig darauf. Ich fühle mich wirklich entspannter und gelassener, in letzter Zeit habe ich auch immer wieder spontane, kreative Einfälle. Diese Morgenseiten werden doch nicht wirklich funktionieren? Inzwischen schreibe ich meine Morgenseiten übrigens auf dem Computer, das Schreiben von Hand funktioniert einfach nicht für mich.

Nach sechs Monaten ist klar: Die Morgenseiten behalte ich bei. Das Schreiben tut mir gut und mein Tag beginnt deutlich entspannter und meine Kreativität hat sich spürbar gesteigert. Außerdem habe ich beim Lesen meiner alten Morgenseiten einige sehr interessante Themen entdeckt, die mir gar nicht bewusst waren, mich aber offensichtlich beschäftigt haben.

[Bildnachweis: Pressmaster by Shutterstock.com]