Resozialisierung: Tipps zur Wiedereingliederung

Jede Gesellschaft hat ihre Regeln und wer dagegen verstößt, hat mit Strafe zu rechnen. Ziel einer jeden demokratischen Gesellschaft ist anschließend die Resozialisierung: Jemand hat seine Strafe verbüßt, ihm oder ihr wird erneut die Chance gegeben, sich als Mitglied der Gesellschaft zu bewähren. Dass das funktioniert, ist allerdings von vielen Faktoren abhängig. Darunter das ehemalige soziale Umfeld des Straftäters, aber vor allem auch Unterstützung durch Behörden und nicht zuletzt durch die Gesellschaft selbst. Denn wer einmal im Gefängnis saß, ist häufig stigmatisiert und hat es schwer, nach längerer Zeit wieder Fuß zu fassen…

Resozialisierung: Tipps zur Wiedereingliederung

Resozialisierung Definition: Teil der Gesellschaft werden

Resozialisierung Definition Strafvollzug von StraftäternResozialisierung – teilweise ist auch von Resozialisation die Rede – beschreibt das Bemühen des Staates, einen ehemaligen Straftäter wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Dem vorausgegangen ist abweichendes, strafbares Verhalten, das mit staatlichen Institutionen wie Staatsanwaltschaft, Gerichtsbarkeit und dem Strafvollzug sanktioniert wurde.

Beim Strafvollzug geht es nicht nur darum, einen Straftäter wegzusperren und büßen zu lassen, sondern die Resozialisierung ist erklärtes Ziel. So besagt § 2 Satz 1 Strafvollzuggesetz (StVollzG):

Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen (Vollzugsziel). Der Vollzug der Freiheitsstrafe dient auch dem Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten.

Das Vollzugsziel wird häufig auch als Sozialisation bezeichnet, da man davon ausgeht, dass viele Straftäter im Strafvollzug erstmals mit gesellschaftlich verbindlichen Normen vertraut gemacht werden. Statt Resozialisierung wird synonym auch von Re-Sozialisation (diese Schreibweise) gesprochen, um die Defizite, die viele Straftäter im sozialen Bereich aufweisen, zu betonen.

Angewandt werden Methoden der Psychotherapie, Pädagogik und Medizin. Dies geschieht im weiteren Verlauf unter anderem durch die Straffälligen- und die Bewährungshilfe.

Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung

Resozialisierung (englisch = rehabilitation of delinquents) kann natürlich nur dann greifen, wenn der Straftäter überführt wird. Allerdings wird längst nicht jede strafbare Handlung entdeckt oder verurteilt. Gerade solche Straftäter, die besonders schwere Delikte begangen haben (Mord, Totschlag, Sexualverbrechen), werden häufig zu entsprechend hohen Freiheitsstrafen verurteilt.

Wer besonders lange im Gefängnis ist und sich nach Meinung weiter Teile der Gesellschaft selbst ins Aus katapultiert hat, hat es nach einer Haftentlassung besonders schwer. Experten zufolge ist gerade der Zeitpunkt der Entlassung kritisch, da die Ex-Häftlinge oftmals nur schlecht auf das neue Leben in Freiheit vorbereitet seien.

So wundert es nicht, dass die Rückfallquoten hoch sind: Etwa die Hälfte aller Straftäter wird innerhalb von neun Jahren nach der Entlassung wieder straffällig. Es ist Aufgabe von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen, Straftäter für die Zeit nach ihrer Entlassung wieder fit zu machen.

Um Gefangene zu resozialisieren, stellen sie noch während des Strafvollzugs Kontakte zu wichtigen Einrichtungen her, beispielsweise Vereinen der Straffälligenhilfe. Wie erfolgreich sie sind, wird allerdings daran bemessen, ob ihre Klienten wieder straffällig werden oder nicht.

Dabei sind sie häufig für bis zu 100 ehemalige Straftäter zuständig – eine intensive Betreuung ist da schwer zu leisten. Experten wie der Kriminologe und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke fordern daher kleinere Gefängnisse und eine bessere Betreuung.

Aus Projekten mit Sozialarbeitern von freien Trägern weiß Maelicke von Rückfallquoten von 13 Prozent zu berichten – statt 50 Prozent. Aber das bedeutet wie gesagt eine intensivere Betreuung. Ein großes Problem sieht er im Gefängnis selbst, da die Resozialisierung dort unter unrealen Bedingungen stattfindet und daher zum Scheitern verurteilt ist:

Leben im Gefängnis

Das Leben dort ist streng reglementiert, es gibt Drogen, Erpressung und eine gewalttätige Subkultur, die zu einer stärkeren Kriminalisierung führen. Gleichzeitig fehlt alles, was außerhalb des Gefängnisses die Strafentlassenen erwartet: andersgeschlechtliche Kontakte, eigenverantwortliches Handeln.

Kritiker machen dafür auch die Föderalismusreform von 2006 verantwortlich, die den Strafvollzug zur Ländersache machte. In 14 von 16 Bundesländern existieren nun individuelle Regelungen, die den Schwerpunkt weg von der Resozialisierung hin zum Schutz der Gesellschaft vor den Straftätern legte.

Was menschlich absolut verständlich ist, ist langfristig betrachtet ein Eigentor: Gefängnisse werden so zu Verwahranstalten und viele Gefangenen sich selbst überlassen. Dabei lernen sie von einander; das Überleben in einer feindlichen Umgebung, aber eben auch mit Blick auf neue Straftaten.

In den ohnehin überfüllten Gefängnissen wie beispielsweise in Berlin sind Wirtschaftskriminelle und solche Gefangenen, die eher kleine Delikte begangen haben ebenso untergebracht wie Diebe oder Gewaltverbrecher. Damit wächst die Gefahr der Ansteckung, wie es Maelicke im Zeit-Interview formuliert.

Arbeit im Gefängnis

Seit dem 1. Januar 2015 existiert ein gesetzlicher Mindestlohn in Deutschland, der aktuell (Stand 2017) bei 8,84 Euro liegt. Nicht so für Häftlinge, die im Gefängnis arbeiten. Dort hat sich eine Parallelwirtschaft entwickelt, die in Konkurrenz zur „normalen Wirtschaft“ steht.

In Gefängnissen wird teilweise für ein Drittel des Mindestlohns pro Stunde gearbeitet. Manche sehen das vielleicht als gerechtfertigt an, da das Gefängnis dem Strafvollzug diene. Allerdings ist der Freiheitsentzug die eigentliche Strafe – Lohndumping ist damit nicht inbegriffen.

Viel schwerwiegender ist allerdings die Tatsache, dass die Strafentlassenen später so in die Armut getrieben werden: Die Startbedingungen nach der Haftentlassung sind mit einem geringen Startkapital denkbar schlecht. Und die Resozialisierung wird auch anderweitig gefährdet:

Von den mickrigen Löhnen wird zwar in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt, aber nicht in die Rentenkassen. Wer nach einer langen Haftstrafe aus dem Gefängnis kommt, hat es also doppelt schwer, da oftmals die sozialen Netzwerke fehlen und die finanziellen Mittel begrenzt sind.

Wer sich direkt in einer Justizvollzugsanstalt (JVA) weiterbilden möchte, kann dort eine Ausbildung zum Koch oder KFZ-Mechaniker machen, aber auch ein Fernstudium absolvieren. Allerdings: Die Kosten dafür muss er selbst tragen.

Arbeit außerhalb des Gefängnisses

Anders gestaltet es sich bei sogenannten Freigängern. Wer direkt aus der Berufstätigkeit heraus eine Strafe absitzen muss, hat gute Chancen auch während der Haft berufstätig zu sein. Voraussetzung dafür ist, dass von ihm keine Gefahr für die Gesellschaft ausgeht und er keine Drogenprobleme hat.

Hier können soziale Kontakte ganz anders aufrecht erhalten werden, da Freigänger morgens das Gefängnis verlassen und nach verrichteter Arbeit zur vereinbarten Zeit wieder zurückkehren. Ihr Geld geht jedoch ebenfalls an die Justizvollzugsanstalt, mit der ihr Arbeitgeber einen Vertrag schließt.

So bietet beispielsweise die JVA Langendreer in Bochum diese sieben Ausbildungsberufe an:

  • Elektroniker
  • Industriemechaniker
  • Gärtner
  • Maler und Lackierer
  • Maurer
  • Schweißer
  • Lagerfachkraft

Straffällige haben als Freigänger im Gerüstbau und bei Zeitarbeitsfirmen gute Aussichten, da sie als zuverlässig eingeschätzt werden. Das Ausbildungsangebot für Häftlinge umfasst eine vielfältige Betreuung, die eine Suchtberatung, Sprachförderung und Anti-Aggressions-Training beinhaltet.

Darüber hinaus wird Hilfe bei Bewerbungen und familiären Problemen gewährt. Dennoch bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt, denn das Angebot ist freiwillig. Dabei wäre eine solide Ausbildung ein wichtiger Schritt für die Zeit nach der Haft. Denn Resozialisierung heißt nicht nur „draußen wohnen“, sondern Teilhabe an der Gesellschaft.

Dazu leistet Teilnahme am Arbeitsleben mit neuen sozialen Kontakten einen wichtigen Beitrag. Wer täglich neue Herausforderungen meistert, gewinnt wieder an Selbstvertrauen.

Resozialisierung: Was Strafgefangene tun können

Der offene Vollzug ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Resozialisierung. Das setzt allerdings die Mitarbeit des Strafgefangenen voraus. Er muss sich darüber im Klaren sein, welchen Anteil an seiner jetzigen Situation er trägt und anfangen, Verantwortung zu übernehmen.

So etwas geht meistens nicht über Nacht und schon gar nicht ohne Hilfe, daher ist es wichtig, Therapieangebote anzunehmen und aktiv mitzuarbeiten. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Reue und der Wille, zukünftig nicht mehr straffällig zu werden.

Erst wer sich in Freiheit bewährt, nicht rückfällig wird, gibt anderen Menschen die Gelegenheit, Vertrauen in die geläuterte Persönlichkeit zu entwickeln. Überhaupt sind andere Menschen wichtig für diese Entwicklung, daher sollten unbedingt Kontakte nach „draußen“ aufrecht erhalten werden.

Das können ehemalige Kollegen, Freunde und Familienmitglieder sein. Manchmal sind die Kontakte infolge der Delikte oder des Strafvollzugs gering. Dann gibt es ehrenamtliche Organisationen, die sich dem Engagement verschrieben haben, Inhaftierten eine Resozialisierung zu ermöglichen, so beispielsweise in Münster die Gesprächsgruppe der Jura-Studierenden der Universität oder Kirchenkreise.

Vorstellungsgespräch nach Gefängnisaufenthalt: Wahrheit erzählen?

Resozialisierung von Straftätern Strafvollzug synonymEin heikles Thema ist der Umgang mit der eigenen Vergangenheit in einem Vorstellungsgespräch. Je nach Delikt und je nach Arbeitgeber kann der Ausgang durchaus positiv sein, wenn Sie nach einer verbüßten Haftstrafe offen damit umgehen.

Und prinzipiell ist es nicht zu empfehlen, ein Vertrauensverhältnis direkt auf einer Lüge aufzubauen. Allerdings sind Ihre Erfolgsaussichten höchst unterschiedlich und nicht grundsätzlich positiv, wenn Sie Ihrem zukünftigen Arbeitgeber direkt reinen Wein einschenken.

Rein rechtlich dürfen Sie sogar lügen, wenn man Ihnen beispielsweise Fragen nach möglichen Straftaten im Bewerbungsgespräch stellt. Sie sind lediglich dann zur Wahrheit verpflichtet, wenn Ihre zukünftige Arbeit direkten Zusammenhang mit Ihrer Straftat steht:

So wird ein wegen Drogenbesitzes verurteilter Apotheker nach der Haft Schwierigkeiten haben, in seinem alten Beruf zu arbeiten.

Kleinere Lücken im Lebenslauf aufgrund kurzer Gefängnisaufenthalte können mit ausgedachten, nicht nachprüfbaren Tätigkeiten ausgefüllt werden. Bei einer längeren Haftstrafe können Sie auf die Notlüge eines Auslandsaufenthalts zurückgreifen, bei dem Sie selbständig und ohne Nachweis gearbeitet hätten.

Resozialisierung: Was die Gesellschaft tun kann

Vier Milliarden Euro kostet der Strafvollzug den Staat jedes Jahr. Der überwiegende Teil, 90 Prozent, gehen für die Gefängnisse drauf. Der klägliche Rest ist das, was für die eigentliche Resozialisierung übrig bleibt, also für Bewährungshelfer und freie Träger.

Wie aber eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft funktionieren soll, wenn an entscheidenden Stellen gespart wird und Haftentlassene nach Verbüßen ihrer Strafe ohne Vorbereitung vor die Tür gesetzt werden, ist schleierhaft.

Daher ist die Gesellschaft bei der Resozialisierung gefragt, also Kirchen, Vereine, aber auch Ärzte, Freunde, Kollegen und die Familie. Denn die Schwierigkeiten beginnen damit, dass Strafentlassene keine Wohnung finden. Auch die Suche nach Arbeitsplätzen gestaltet sich schwierig.

Erfahren die Kollegen davon, dass der neue Kollege ein sattes Strafregister hat, können Mobbing und Ausgrenzung die Folge sein. Richtig wäre hier, den neuen Kollegen losgelöst von vergangenen Delikten zu betrachten und allein danach zu beurteilen, was im Hier und Jetzt passiert.

Nur wenn auch ein gewisses Maß an Verständnis und Bereitschaft signalisiert wird, hat der neue Kollege eine Chance, sich zu bewähren.

[Bildnachweis: Matej Kastelic by Shutterstock.com]
20. Juli 2017 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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