Studie: Flunkern im Jobinterview hilft

Lügner erkennt man leider nicht an der langen Nase. Man erkennt sie meist überhaupt nicht. Auch Personaler kommen ihnen im Jobinterview nur selten auf die Schliche. Im Gegenteil, sie gehen ihnen allzu häufig auf den Leim. Flunkern im Jobinterview wirkt – ganz ehrlich!

Studie: Flunkern im Jobinterview hilft

Flunkern im Jobinterview: Es hilft!

Lügen haben kurze Beine, heißt es im Volksmund. Die Wahrheit sieht anders aus. Wer flunkert, wird belohnt. Und jetzt kommt die Pointe: Häufig sogar zu Recht! Bewerber, die im Vorstellungsgespräch schwindeln, bekommen nicht nur mit höherer Wahrscheinlichkeit die Stelle, sondern sind oft sogar besser für den Job geeignet.

Das behaupten Wissenschaftler der Universität Ulm und der University of Missouri St. Louis, die das Phänomen Faking in einer Studie untersucht haben. Demnach ist Schwindelei ein Massenphänomen. Rund 90 Prozent aller Bewerber schummeln – mehr oder weniger – im Jobinterview. Eine Studie von 2006 hatte zuvor bereits ergeben, dass 81 Prozent der Bewerber im Vorstellungsgespräch mindestens einmal lügen. Im Durchschnitt zählten die Forscher 2,19 Lügen pro Interview.

„Bisher gab es zahlreiche Studien, die belegen, dass Bewerber in Persönlichkeitstests durch Faking ein deutlich positiveres Bild abgeben. Inwieweit Faking in Auswahlgesprächen jedoch ebenfalls zu besseren Leistungsbeurteilungen führt und ob es die Vorhersagekraft dieser Gespräche beeinträchtigt, war bis jetzt völlig unklar“, erklärt Arbeits- und Organisationspsychologe Klaus Melchers von der Uni Ulm.

Faking könnte man so umschreiben: Der Bewerber will dem Interviewer ein ganz bestimmtes Bild von sich vermitteln und greift dabei auch auf Schummeleien und Übertreibungen zurück.

Flunken im Jobinterview: Beispiele

Exemplarisch könnte das im Jobinterview dann so aussehen:

  • „Ich spreche sehr gut Spanisch!“ (in Wahrheit äußerst holprig)
  • „Ich habe in meinem vorherigen Job ein kleines Team geführt.“ (ich habe bis jetzt nicht mal bei World of Warcraft ein Team geführt)
  • „Mein früherer Arbeitgeber war extrem zufrieden mit mir“ (er hielt mich für einen Blender)
  • „Excel beherrsche ich aus dem Effeff“ (ich hab’s halt schon mal gemacht)
  • „Ich bin ein totaler Workaholic“ (eigentlich ein Faultier)
  • „Ich beschäftige mich in meiner Freizeit mit Mathematik und Brainteasern.“ (mit allem, nur damit nicht)


Bisweilen sind aber die Interviewer selbst schuld. Denn ob jemand schummelt oder nicht, hängt laut Studie auch von der Fragetechnik ab. Vor allem situationsbezogene Fragen würden Blendwerk geradezu provozieren. Interviewer sollten zum Beispiel lieber NICHT fragen, wie sich der Bewerber in einer hypothetischen Situation verhalten würde. Natürlich breitet der Gefragte dann den Best Case vor sich aus.

Und noch eine gute Nachricht für Schwindler: Personaler schaffen es offenbar kaum, Ammenmärchen als solche zu enttarnen. Auch darauf deuten Untersuchungen hin.

Jobinterview: Diese Lügen sind erlaubt!

Jobinterview: Diese Lügen sind erlaubt!Lügen im Vorstellungsgespräch – manchmal ist es ausdrücklich erlaubt. Rechtlich nicht gestattet sind nämlich Fragen nach…

Bewerber dürfen grundsätzlich auf Fragen lügen, die in den Kernbereich der Privatsphäre eindringen. Eine Frau im dritten Monat darf also guten Gewissens sagen: „Ich bin nicht schwanger.“ Oder auch: „Nein, ich plane momentan kein Kind.“

Aber Achtung: Zum Einen können derartige Lügen das Vertrauensverhältnis auch im Nachhinein gewaltig ramponieren. Zum Zweiten sollten Bewerber darauf achten, im Internet keine auffälligen Spuren zu hinterlassen. Wer zum Beispiel behauptet, nicht schwanger zu sein, sollte bei Facebook auch keine Fotos vom Baby-Sachen-Shopping posten…

Flunkern im Jobinterview: Warum wirkt es?

Die Ulmer Wissenschaftler argumentieren nun, dass Schummler über gute kognitive Fähigkeiten verfügen müssen. Mit anderen Worten: Wer überzeugend schwindelt, kann so blöd nicht sein. Immerhin kommt es dabei auf kommunikative Fähigkeiten an, auf geistige Wendigkeit, Reaktionsschnelligkeit, Auffassungsgabe.

Was allerdings laut Studie auch stimmt: Es sind vor allem die machtbewussten Charaktere, die mehr faken als andere. Die extrovertierten, unbescheidenen und wenig integren.

Dennoch: Flunkern im Jobinterview ist eine Herausforderung. Man könnte sogar sagen: eine Meisterleistung. Denn…

  • Der Bewerber muss so flunkern, dass sich das Gesagte inhaltlich nicht mit dem widerspricht, was der Jobinterviewer schon über ihn weiß oder noch herausfinden könnte.
  • Die Antworten müssen genau auf den Interviewer und die jeweilige Frage zugeschnitten sein.
  • Bewerber haben nur wenige Sekunden Zeit, um sich verschiedene Antwortmöglichkeiten zu überlegen und gedanklich alle Optionen durchzuspielen.
  • Und sie müssen ihr eigenes Verhalten permanent kontrollieren, um dem Bewerber keinen Hinweis auf die Schummelei zu geben.


„Faking erfordert ein hohes Ausmaß an kognitiven Fähigkeiten: Bewerber müssen blitzschnell die Ziele des Interviewers erkennen und eine Antwort formulieren, die zum bisherigen Wissen des Gesprächspartners über ihre Person passt“, so die Autoren.

Deshalb absolvierten alle Probanden im Rahmen der Ulmer Studie einen zusätzlichen Intelligenztest, außerdem den so genannten ATIC-Test (Ability to identify Criteria). Dieser erlaubt Rückschlüsse auf die Fähigkeit, Bewertungskriterien korrekt zu identifizieren.

„Tatsächlich sind Bewerber besser beurteilt worden, wenn sie ‚Faking‘ einsetzten. Das Ausmaß der Verbesserung hing jedoch systematisch mit dem Abschneiden beim Intelligenz- sowie ATIC-Test zusammen“, erklärt Arbeitspsychologin und Mit-Autorin Anne-Kathrin Bühl. Faking trage also nicht dazu bei, dass die „falschen“ Bewerber mit weniger Potenzial ausgewählt werden. Nein, die flunkernden Cleverles sind eigentlich die smarteren Bewerber.

Die Wissenschaftler konnten zudem die Studienleistungen ihrer Probanden vorhersagen. Anders gesagt: Wer viel flunkert, hat sogar bessere Noten. Andererseits waren die ehrlichen Probanden vorne, was freiwilliges Engagement und Hilfsbereitschaft im Studium betrifft.

Achtung: Das droht Lügnern

Flunkern im Jobinterview: Das droht LügnernFlunkern als Karriereboost – ganz so einfach sollten es sich Bewerber dann doch nicht machen. Denn wer auf eine zulässige Frage im Vorstellungsgespräch lügt, muss auch im Nachhinein noch mit Konsequenzen rechnen – zum Beispiel mit einer fristlosen Kündigung.

Arbeitsrechtlich brisant wird es vor allem bei gefälschten Qualifikationen, Abschlüssen, Zeugnissen oder Noten. So kann Urkundenfälschung auch Jahre später zu einer fristlosen Kündigung, mitunter sogar zu Schadenersatzforderungen des Arbeitgebers – und zu einer Geldstrafe bis hin zu maximal fünf Jahren Haft führen.

Drum merke: Lügen in Schriftform belasten Sie ein Leben lang. Und auch bei verbalen Flunkereien müssen Sie ja erst noch die Probezeit überstehen. Ist die Diskrepanz zwischen vollmundigen Ankündigen und abgelieferter Leistung am Ende zu groß, nützt Ihnen auch das ganz große Theater im Jobinterview nichts mehr…

[Bildnachweis: Blue Sky Image by Shutterstock.com]
17. März 2018 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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