Links herum oder rechts herum: Wer hat an der Uhr gedreht? Der Uhrzeigersinn drückt es schon aus: Was sich im Uhrzeigersinn dreht, geht vorwärts und damit mit der Zeit. Auch der Motor startet, wenn wir den Schlüssel rechtsherum drehen; die Musik wird lauter, wenn wir den Regler aufdrehen - rechts herum. Im Uhrzeigersinn steckt also die Zukunft, er ist fortschrittlich. Rückschritt hingegen dreht sich nach links - gefühlt jedenfalls. Glaubt man Hirnforschern, so hat bereits diese Drehrichtung erheblichen Einfluss auf unser Verhalten...

Uhrzeigersinn Uhr Verhalten beeinflussen

Uhrzeigersinn macht weltoffener und toleranter

Es war vor allem diese Frage, die den Würzburger Psychologen Sascha Topolinski und Peggy Sparenberg vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig interessierte:

Wenn Menschen eine Drehbewegung im (oder gegen den) Uhrzeigersinn mit einer zeitlichen Vorstellung wie Zukunft beziehungsweise Vergangenheit verknüpfen - wie verändert das ihre Einstellungen und Entscheidungen?

Also startete das Duo eine Reihe von Experimenten:

Bei einem davon durften sich die Probanden als Belohnung für die Teilnahme aus einer Reihe von Bechern mit Bonbons unterschiedliche Geschmacksrichtungen aussuchen. Bis zu fünf Bonbons durften sich die Teilnehmer nehmen.

Der Trick aber war: Die Becher standen auf einem runden, drehbaren Tablett - ähnlich wie im China-Restaurant. Um die jeweilige Geschmacksrichtung lesen zu können, mussten die Probanden das Tablett also drehen. Das aber jeweils nur in eine Richtung möglich: Bei dem einen Versuch im Uhrzeigersinn, beim anderen in Gegenrichtung.

Insgesamt konnten die Teilnehmer aus 16 Geschmacksrichtungen wählen:

  • Acht davon waren eher gewöhnlich: Apfel, Kirsche, Zitrone und so weiter.
  • Die anderen Bonbons waren ungewöhnlich: Mal schmeckten sie nach Popcorn, mal nach Marshmallow oder Melone.

Sie ahnen es längst: Wer die Scheibe im Uhrzeigersinn gedreht hatte, wählte häufiger die neuen, ungewöhnlichen Sorten.

Damit war die Versuchsreihe allerdings noch nicht vorbei. Im nächsten Schritt sollten 60 Probanden beim Kurbeldrehen ihre persönlichen Einstellungen und Vorlieben beschreiben. Unter den verschiedenen Fragen waren auch diese:

  • Sind Sie eher weltoffen, tolerant und kreativ?
  • Halten Sie bevorzugt an althergebrachten und konservativen Werten fest?

Auch hier war das Ergebnis eindeutig: Wer im Uhrzeigersinn kurbelte, zeigte sich prompt weltoffener und toleranter. Dies galt sogar dann, wenn die Probanden die Bewegung gar nicht selber ausüben, sondern nur in Form sich drehender Vierecke beobachten, wie die Psychologen in einem weiteren Versuch nachweisen konnten.

Einfluss des Uhrzeigersinns im Marketing

Was auf den ersten Blick wie eine Spielerei zweier unterbeschäftigter Forscher aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Psychologen erforschen auf diese Weise, wie kulturelle und technische Konventionen unbewusst unser Erleben und Empfinden beeinflussen können. Durch unseren tagtäglichen Umgang mit Uhren, Schaltern und Hebeln erhält die Drehrichtung tagtäglich unbewusste Bedeutung:

  • Man denke nur Drehtüren: Die drehen sich in den meisten Kaufhäusern gegen den Uhrzeigersinn. Das macht die Kunden tendenziell konservativ. Eine Änderung der Gehrichtung könnte bei ihnen laut Hirnforschung aber bereits mehr Neugierde für neue Produkte wecken.
  • Anders im Casino: Hier drehen sich Glücks- und Rouletteräder immer im Uhrzeigersinn - was die Spieler offener und womöglich auch riskanter spielen lässt.
  • Oder achten Sie auf das Ladesymbol im Internet - etwa wenn sich eine neue Seite aufbaut. Das geschieht fast immer im Uhrzeigersinn - und das könnte die Betrachter unbewusst offener für neue Informationen machen.

Warum drehen sich Wendeltreppen in Burgen im Uhrzeigersinn?

Warum drehen sich Wendeltreppen in Burgen im UhrzeigersinnMit fortschrittlichem Denken im Mittelalter hat das weniger zu tun. Eher mit Pragmatismus: Der sogenannte Bergfried, also der höchste Turm einer Ritterburg war der letzte Rückzugsraum und die letzte Verteidigungslinie für den Burgherren. Stürmten dort die meist rechtshändigen Eindringlinge empor, hatten die ein veritables Problem mit dem Schwert: Es blieb tendenziell an der Treppenspindel hängen. Der Burgherr dagegen hatte die erhöhte Position und mehr Bewegungsfreiheit und damit alle Vorteile auf seiner Seite. Es sei denn, er traf auf einen Linkshänder...

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[Bildnachweis: SFIO CRACHO by Shutterstock.com]

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