Was bedeutet Uhrzeigersinn?
Als Uhrzeigersinn bezeichnen wir eine kreisförmige Bewegung in derselben Richtung wie die Zeiger einer analogen Uhr: von oben nach rechts, anschließend nach unten, links und wieder nach oben. Die entgegengesetzte Bewegung heißt „gegen den Uhrzeigersinn“. Der Uhrzeigersinn wird häufig auch als „rechtsdrehend“ bezeichnet. Im Englischen heißt er „clockwise“, die Gegenrichtung „counterclockwise“ bzw. im britischen Englisch „anticlockwise“.
Warum drehen Uhren im Uhrzeigersinn?
Dass sich Uhrzeiger rechtsherum bewegen, hat mit ihren Vorläufern zu tun: den Sonnenuhren. Auf der Nordhalbkugel wandert der Schatten einer horizontalen Sonnenuhr im Tagesverlauf in jener Richtung, die wir heute als Uhrzeigersinn bezeichnen. Als sich mechanische Uhren im mittelalterlichen Europa entwickelten, lag es nahe, diese vertraute Bewegung zu übernehmen. Zwingend war das nicht: Ein Uhrwerk lässt sich grundsätzlich ebenso in die andere Richtung konstruieren. Der Uhrzeigersinn ist also kein Naturgesetz, sondern eine historische Konvention.
Würden Uhren auf der Südhalbkugel anders laufen?
Sonnenuhren auf der Südhalbkugel können tatsächlich eine entgegengesetzte Schattenbewegung zeigen. Hätte sich die mechanische Uhr dort unabhängig von Europa entwickelt, hätte sich theoretisch auch die andere Drehrichtung als Standard etablieren können. Die Uhren auf der Südhalbkugel laufen aber im gewohnten Uhrzeigersinn.
Fun Fact: Gibt es Uhren, die gegen den Uhrzeigersinn laufen?
Technisch spricht nichts dagegen, eine Uhr in die andere Richtung laufen zu lassen. Solche Uhren existieren beispielsweise als Designobjekte oder Kuriositäten. Bekannt dafür ist die Uhr am bolivianischen Parlamentsgebäude in La Paz, deren Zeiger seit 2014 gegen den gewohnten Uhrzeigersinn laufen.
Beeinflusst der Uhrzeigersinn unser Denken?
Eine viel beachtete Studie der Psychologen Sascha Topolinski und Peggy Sparenberg sorgte 2012 für eine verblüffende These: Bewegungen im Uhrzeigersinn könnten Menschen stärker auf Zukunft und Neues orientieren. In mehreren Experimenten ließen die Forscher Versuchspersonen Drehbewegungen ausführen. Teilnehmer, die sich im Uhrzeigersinn bewegten bzw. Gegenstände entsprechend drehten, bevorzugten in den Versuchen eher neue Reize und erzielten höhere Werte bei „Offenheit für Erfahrungen“. Die Erklärung: In unserer Kultur steht der Uhrzeigersinn symbolisch für Fortschritt, Weiterkommen und Wachstum. Dadurch könnten rechtsdrehende Bewegungen unbewusst mit Zukunft und Neuem verbunden sein.
Beispiele für den psychologischen Effekt
Was auf den ersten Blick wie eine Spinnerei zweier unterbeschäftigter Forscher aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Psychologen erforschen auf diese Weise, wie kulturelle und technische Konventionen unbewusst unser Erleben und Empfinden beeinflussen. Durch unseren tagtäglichen Umgang mit Uhren, Schaltern und Hebeln erhält die Drehrichtung tagtäglich eine unbewusste Bedeutung:
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Beispiel Drehtüren
Diese drehen sich in den meisten Kaufhäusern gegen den Uhrzeigersinn. Das macht die Kunden tendenziell konservativ. Eine Änderung der Gehrichtung könnte laut Hirnforschung aber für mehr Neugierde und Kaufanreize für neue Produkte sorgen.
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Beispiel Casino
Im Casino drehen sich Glücks- und Roulette-Räder immer im Uhrzeigersinn – was die Spieler prompt offener und teilweise auch risikofreudiger macht.
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Beispiel Ladesymbol
Sie kennen sicher das Ladesymbol im Internet, wenn sich eine neue Seite aufbaut oder wenn Sie eine Software aktualisieren. Dieser sogenannte Fortschrittskreis (wenn es nicht gerade ein „Fortschrittsbalken“ ist) dreht sich immer im Uhrzeigersinn (bzw. nach rechts). Das wiederum macht die Betrachter unbewusst offener für das Neue, was da kommt.
Einziger Haken: Eine jüngere Studie aus dem Jahr 2015 wiederholte eines der Experimente mit 102 Teilnehmern – und konnte den Uhrzeigersinn-Effekt so stark nicht bestätigen. Idee einer Verbindung zwischen Drehrichtung und unseren Einstellungen bleibt psychologisch aber interessant.
Beeinflusst die Laufrichtung unser Verhalten?
Auch beim Einkaufen wird regelmäßig untersucht, ob es einen Unterschied macht, in welche Richtung sich Kunden durch einen Laden bewegen. Eine Studie aus dem Jahr 2022 nutzte unter anderem Eye-Tracking und fand tatsächlich Unterschiede bei der visuellen Aufmerksamkeit für Verkaufsdisplays. Ergebnis: Kunden, die im Uhrzeigersinn gehen, kaufen mehr und sind offener für neue Produkte. Die Drehrichtung kann hierbei durchaus beeinflussen, was wir wahrnehmen. Ein einfacher Verkaufstrick nach dem Motto „rechts herum macht kauffreudiger“ wäre aber zu viel.
Menschen laufen lieber gegen den Uhrzeigersinn
Während unsere Uhren rechtsherum laufen, scheinen wir selbst jedoch eine natürliche Vorliebe für die Gegenrichtung zu besitzen. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung mit Beobachtungen und Experimenten in Spanien und Japan fand eine globale Tendenz, sich gegen den Uhrzeigersinn zu bewegen. Das Muster zeigte sich sogar unabhängig von der Größe einer Gruppe und ließ sich auch nicht einfach durch Rechts- oder Linkshändigkeit, bevorzugten Fuß oder dominantes Auge erklären. Selbst wenn Menschen alleine unterwegs spazieren gingen, blieb eine Tendenz zur Bewegung gegen den Uhrzeigersinn.
Warum wir offenbar häufiger linksherum laufen, ist bislang nicht abschließend geklärt. Die Forscher diskutieren verschiedene Erklärungen, ohne eine eindeutige Ursache festlegen zu können. Das ergibt einen schönen Widerspruch: Kulturell ist uns der Uhrzeigersinn äußerst vertraut – unser Bewegungsverhalten muss dieser vertrauten Richtung aber keineswegs folgen.
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