Ständige Erreichbarkeit: Arbeitsrecht, Folgen + Tipps

Jeder Vierte Arbeitnehmer nennt ständige Erreichbarkeit inzwischen als einen der größten Stressfaktoren im Job. Nur mal kurz E-Mails checken, Messenger beantworten, Anrufe nach Feierabend entgegen nehmen… Nicht gut! Studien belegen: Ständige Erreichbarkeit macht krank! Welche Vor- und Nachteile sie hat – und wie Sie sich davor schützen…

Staendige Erreichbarkeit Folgen Vorteile Nachteile Tipps

Definition: Was bedeutet Erreichbarkeit?

Ständige Erreichbarkeit beschreibt ein wachsendes Problem in modernen Arbeitsverhältnissen, bei dem Arbeitnehmer nahezu rund um die Uhr für Arbeitgeber, Kollegen oder Kunden ansprechbar und erreichbar sind – per E-Mail, Whatsapp oder Telefon.

Begünstigt wird die Erreichbarkeit durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, vermehrte Arbeit im Homeoffice und die digitale Kommunikation (siehe: Telepressure).

Typische Merkmale ständiger Erreichbarkeit

  • Beantworten von Anrufen und E-Mails nach Feierabend
  • Ansprechbar bleiben am Wochenende oder im Urlaub
  • Nicht mehr abschalten können – beruflich, mental

Durch die ständige Erreichbarkeit verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben (sog. Work-Life-Blending) – mit zahlreichen negativen Folgen, wie erhöhtem Stress, zunehmender Erschöpfung und der Gefahr eines Burnouts.

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Arbeitsrecht: Muss ich immer erreichbar sein?

Arbeitnehmer sind nicht verpflichtet, für den Arbeitgeber ständig erreichbar zu sein. Die gesetzliche Arbeitszeit ist auf maximal 8 Stunden pro Tag – in Ausnahmen bis zu 10 Stunden – begrenzt. Außerhalb dieser Zeit besteht keine Verpflichtung zur Erreichbarkeit!

Einzige Ausnahme ist der Bereitschaftsdienst bzw. Rufbereitschaft. Während der Bereitschaft dürfen Arbeitnehmer Ihre Zeit frei gestalten, müssen aber auf Abruf erreichbar und einsatzbereit sein. Sind Sie zur Rufbereitschaft eingeteilt, müssen Sie erreichbar sein. Aber nur dann.

Erreichbarkeit im Homeoffice

Auch wer im Homeoffice arbeitet, hat ein Recht auf fest definierte Arbeitszeiten. Nur in dieser Zeit müssen Arbeitnehmer für den Chef, Kollegen oder Kunden erreichbar sein. Entsprechende Zeiten sollten Sie im Arbeitsvertrag vereinbaren und geleistete Arbeitsstunden protokollieren.

Erreichbarkeit im Urlaub

Der Urlaub dient der Erholung. Deshalb besteht während des Urlaubs keine Arbeitspflicht und keine Pflicht zur Erreichbarkeit. Unerreichbarkeit während des Urlaubs ist nicht mal ein Kündigungsgrund! Nur in betrieblichen Notfällen kann der Urlaub unterbrochen werden. Der Arbeitgeber hat in dem Fall alle Kosten zu tragen – z.B. Rücktransport, Entschädigung, Ausgleich.

Erreichbarkeit bei Krankheit

Wer krank ist und deshalb z.B. zuhause bleibt, muss nicht ständig erreichbar sein. Priorität hat immer die Genesung. War jedoch eine Übergabe der Arbeit wegen einer plötzlichen Erkrankung unmöglich, ist es zumindest kollegial, telefonisch zur Verfügung zu stehen. Handelt es sich um wichtige Informationen, die sonst einen wirtschaftlichen Schaden zur Folge hätten, darf der Arbeitgeber versuchen, Sie zu kontaktieren – aber nur, ohne den Genesungsprozess zu stören.

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Erreichbarkeit: Vor- und Nachteile

Ständige Erreichbarkeit empfinden viele Menschen als zunehmende Belastung im Arbeitsleben. Sie hat vor allem gesundheitliche mentale Nachteile. Denen gegenüber stehen aber auch ein paar Vorteile. Eine Übersicht:

Vorteile

Nachteile

Mobiles Arbeiten Selbstausbeutung
Freie Zeiteinteilung Kaum Familienleben
Erhöhte Produktivität Erhöhtes Stresslevel
Besserer Kundenservice Überforderung
Schnelle Entscheidungen Psychische Erkrankungen
Gefühl, nichts zu verpassen Gefühl, nicht abzuschalten

Inzwischen bestätigen mehrere medizinische Studien, dass sich ständige Erreichbarkeit negativ auf die Gesundheit auswirkt. Häufige Folgen sind Bluthochdruck, Schlafstörungen sowie ein erhöhtes Risiko für Diabetes und Infektionskrankheiten.

Bitte beachten Sie, dass die Auswirkungen der ständigen Erreichbarkeit – positiv wie negativ – individuell unterschiedlich ausfallen können. Entscheidend bleibt stets die ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Privatleben.

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Tipps: Was kann ich gegen ständige Erreichbarkeit tun?

Spätestens wenn Sie merken, dass die Erreichbarkeit zu mentalen oder gesundheitlichen Problemen führt, müssen Sie handeln und aktiv gegensteuern! Der erste Schritt: Lösen Sie sich von der Erwartungshaltung, dass Sie jederzeit erreichbar sein müssen. Sie schaden sich und anderen damit nur.

Um der ständigen Erreichbarkeit Grenzen zu setzen, müssen Sie Nein sagen lernen und folgende Schritte unternehmen:

  • Klare Absprachen treffen

    Treffen Sie mit dem Arbeitgeber und den Kollegen klare Absprachen, von wann bis wann sie erreichbar sind. Vor allem im Homeoffice! Machen Sie deutlich, dass Sie nach Feierabend nur für absolute Notfälle ansprechbar sind und nur in Ausnahmen kontaktiert werden möchten. Bitten Sie darum, bis zum nächsten Tag zu warten, an dem Sie sich dann gerne um alle Anliegen kümmern.

  • Abschalten – buchstäblich

    Einer der effektivsten Wege gegen die negativen Folgen ständiger Erreichbarkeit ist Digital Detox. Schalten Sie Ihr Smartphone nach Dienstende aus oder zumindest auf lautlos und widerstehen Sie dem Impuls, berufliche E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten zu lesen. Das beugt der digitalen Erschöpfung vor.

  • Ursachen bekämpfen

    Oft geht die ständige Erreichbarkeit gar nicht vom Arbeitgeber aus. Betroffene leiden unter FOMO – der Angst etwas zu verpassen. Chefs wiederum versuchen so ihre Bedeutung für das Unternehmen zu spüren, indem Sie ständig „on air“ sind. Indem Sie sich solche Ursachen bewusst machen und aktiv dagegen vorgehen, senken Sie zugleich den Druck immer und überall erreichbar sein zu müssen.

  • Apps und Abwesenheitsnotiz nutzen

    Überdies können Sie heute Apps nutzen, um Ihren Medienkonsum bewusst einzuschränken. Auch eine automatische Abwesenheitsnotiz außerhalb Ihrer offiziellen Arbeitszeit zeigt anderen an: „Jetzt habe ich Feierabend!“

  • Probieren Sie Downshifting

    Auch Downshifting – also das freiwillige Kürzertreten – kann ein Weg sein, sein Privatleben besser zu schützen und die ständige Erreichbarkeit zu reduzieren.

Was können Unternehmen und Arbeitgeber tun?

Ständige Erreichbarkeit entsteht häufig aus einem falsch verstandenen Pflichtbewusstsein oder der Angst als „faul“ oder „unkollegial“ zu gelten, wenn Sie nicht erreichbar sind.

Es ist wichtig, dass Unternehmen und Arbeitgeber hier bewusst andere Signale senden und sich aktiv für die psychische Gesundheit der Belegschaft einsetzen. Gerade Führungskräfte sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen und den Feierabend einhalten und schützen.

Checkliste zur Regelung der Erreichbarkeit

  • Vereinbarung fester Zeiten der Nicht-Erreichbarkeit
  • Klare Pausenregelung
  • Organisieren von Vertretungen (bei Urlaub, Krankheit)
  • Transparenz über Nutzen und Notwendigkeit schaffen
  • Nutzung technischer Hilfsmittel zur Einhaltung der Regeln
  • Mit gutem Beispiel vorangehen



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