Alles auf einen Blick
- Definition: Telepressure ist der innere, zwanghafte Drang von Arbeitnehmern, auf digitale geschäftliche Nachrichten sofort und ohne zeitliche Verzögerung zu antworten.
- Ursprung: Der Begriff wurde von den US-Arbeitspsychologinnen Larissa Barber und Ashley Santuzzi geprägt und der Effekt durch Studien nachgewiesen.
- Psychologie: Hinter dem Phänomen steht keine explizite Anordnung des Chefs, sondern die verinnerlichte Erwartungshaltung und die Angst vor negativen Bewertungen.
- Symptome: Betroffene leiden unter ständigem Druck, reagieren gestresst auf jede Nachricht, können in ihrer Freizeit nicht mehr abschalten und checken selbst im Urlaub permanent ihre Mails.
- Folgen: Telepressure führt zu Schlafstörungen, emotionaler Erschöpfung, einem erhöhten Burnout-Risiko und langfristig weniger Produktivität.
45-50 % der Arbeitnehmer in Deutschland sind im Job im permanenten Bereitschaftsmodus. Rund ein Drittel (32,9 %) verspürt Telepressure und den Druck zur ständigen Erreichbarkeit auch nach Feierabend. Besonders groß ist der Druck bei Messengern wie Microsoft Teams. Hierbei antwortet die Mehrheit innerhalb von 15 Minuten.
Was ist Telepressure genau?
Telepressure ist der gefühlte und oft fast zwanghafte Druck, auf digitale Nachrichten (E-Mails, Teams, Whatsapp) sofort antworten zu müssen. Gerade im Job steckt in jeder empfangenen Nachricht die subtile Aufforderung, unverzüglich darauf zu reagieren. Das erzeugt enormen Stress. Der psychologische Effekt hat seinen Ursprung in der ständigen Erreichbarkeit dank Smartphone, Internet und WLAN. Wir sind heute überall und permanent online, vernetzt, erreichbar. Weil das jeder weiß, erwartet auch jeder eine zügige Reaktion.
Beispiel: Telepressure im Alltag
Ein typisches Beispiel für Telepressure sind eingegangene Nachrichten bei Whatsapp. Wir haben diese angeschaut – und beide Häkchen beim Absender leuchten. Jetzt weiß auch er, dass wir die Nachricht gelesen haben, und wartet auf die Antwort. Entsprechend begleitet uns Telepressure bis in die Freizeit und ins Wochenende.
Wie entsteht Telepressure?
Wer unter Telepressure leidet, ist darauf fixiert, ständig seine Nachrichten zu prüfen, und kann kaum noch abschalten. Eng damit verbunden ist die Angst, etwas zu verpassen – auch FOMO („Fear Of Missing Out“) genannt. Befördert wird das durch verschiedene Faktoren:
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Menschliche Neugier
Hier ein Klingeln, dort ein Summen oder ein aufblinkendes Symbol, das unsere Aufmerksamkeit erfordert: All das weckt die Neugier. Was kann so wichtig sein, dass ich kontaktiert werde?
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Soziale Zugehörigkeit
Das klingelnde, brummende oder blinkende Smartphone signalisiert uns, dass eine andere Person mit uns in Kontakt tritt. Menschen suchen immer die Nähe zu anderen Menschen. Auch deshalb fühlen wir uns schnell angesprochen.
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Beruflicher Druck
Häufig üben Vorgesetzte zusätzlichen Druck aus. E-Mails, die mit „EILT“ oder „ASAP“ – also: „As soon as possible“ – betitelt sind, dulden keinen Aufschub.
Das Dilemma: Auf der einen Seite verschwimmen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben immer mehr (siehe: Work-Life-Blending). Gleichzeitig versuchen wir umso stärker, beides auszugleichen und in Balance zu bringen (siehe: Work-Life-Balance).
Wie wirkt sich Telepressure aus?
Zahlreiche Studien haben die Effekte von Telepressure auf das Wohlbefinden von Arbeitnehmern untersucht. Die Ergebnisse: Durch Telepressure erholen sich Arbeitnehmer zunehmend weniger von der Arbeit. Wer berufliche E-Mails noch nach Feierabend oder am Wochenende checkt, unterbricht seine notwendigen Erholungsphasen. „Mal eben schnell nachgucken“ und antworten – das ist eine gefährliche Illusion und Selbstbetrug. Aufsummiert wird aus dem „mal eben“ ein Dauerzustand, der mehr Zeit und Energie frisst, als wir uns zugestehen. Genau genommen sind es Arbeitszeit und Überstunden, die aber niemand so nennt. Das hat mehrere Konsequenzen:
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Erwartungsdruck
Mit jeder prompt beantworteten Mail steigt die Erwartungshaltung beim Empfänger, dass dies auch in Zukunft geschieht. Die sonntägliche Störung wird selbstverständlich. Ein Teufelskreis entsteht.
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Gesundheit
Der ständige empfundene Druck führt zu chronischer Erschöpfung, Schlafstörungen durch innere Unruhe und einem insgesamt schlechteren Immunsystem. Zusätzlich steigt das Risiko, an einem Burnout zu erkranken.
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Leistungsabfall
Weil die Regeneration fehlt oder zu gering ausfällt, kommt es zu gesundheitsbedingten Arbeitsausfällen und zu Leistungsstörungen.
Tipps gegen Telepressure: Das hilft
Telepressure ist keine Krankheit. Es ist in erster Linie ein Symptom! Und damit Ausdruck eines ungesunden Verhaltens, das sich vor allem in der westlichen Arbeitswelt ausbreitet. Doch dagegen lässt sich etwas tun:
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Selbstkontrolle
Telepressure zu vermeiden, ist zu einem guten Teil eine Frage der Selbstkontrolle. Widerstehen Sie dem Impuls, immer sofort ans Handy gehen zu müssen. Es befeuert nur Konzentrationsstörungen, selbst in der Freizeit. Stellen Sie stattdessen das Handy für gewisse Zeit aus. Ebenso können Sie es auch zu Hause lassen, wenn Sie sich in Ihrer Freizeit bewegen.
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Selbstreflexion
Wir alle tragen mit unserem Verhalten dazu bei, bestimmte Standards zu setzen. Das Gefährliche an Telepressure ist, dass wir ein Verhalten aus dem Beruf ins Privatleben übertragen. Wie oft haben Sie schon eine Nachricht geschrieben und erwartet, dass die betreffende Person sich möglichst schnell meldet? Dieses Denken übt auf andere Menschen Druck aus. Die wenigsten Themen sind so fundamental wichtig, dass sie sofort eine Antwort verlangen. Und falls doch, ist es eine Frage des Selbstmanagements: Planen und fragen Sie frühzeitig. Also mit Zeitpuffer. Dann kann eine Antwort auch früh genug erfolgen.
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Struktur
Ob und wann Sie eine E-Mail oder Whatsapp beantworten oder nicht, liegt letztlich in Ihrer Macht. Natürlich: Wer im Dienst ist, kann sich das je nach Beruf nicht aussuchen. Doch auch im Job ist kaum eine Nachricht so wichtig, dass Sie innerhalb von wenigen Minuten antworten müssen. Richten Sie lieber feste Zeiten zur Beantwortung von Mails ein, als immer sofort zu springen.
Arbeitgeber müssen Rahmenbedingungen schaffen
Vorgesetzte appellieren gerne an die Eigenverantwortung des Arbeitnehmers. Damit dürfen Unternehmen sich aber nicht aus ihrer Verantwortung ziehen. Mitarbeiter spüren auch deshalb Telepressure, weil sie die negativen Reaktionen des Chefs oder eines Kunden fürchten. Arbeitgeber müssen deshalb Rahmenbedingungen schaffen, die den Druck abbauen:
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Kommunikation
Vorgesetzte sollten aktiv und offen kommunizieren, dass Mitarbeiter nicht zu jeder Tageszeit erreichbar sein und sofort antworten müssen. Dazu gehört auch, nach Feierabend keine Mails mehr an Mitarbeiter zu schicken und am nächsten Tag zu fragen: „Konntest du dich schon darum kümmern?“
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Corporate Governance
Offiziell werden die Rahmenbedingungen durch Verhaltensrichtlinien (siehe: Corporate Governance) oder durch firmeninterne Compliance-Vorgaben. Das gibt Mitarbeitern die Sicherheit, innerhalb der Werte des Unternehmens zu handeln, und nimmt großen Druck.
Hilfreich sind auch strikte technische Restriktionen. So wurde zum Beispiel in Frankreich das „Right to Disconnect“ gesetzlich verankert. Große Unternehmen setzen das zum Beispiel durch zeitweise Serverabschaltungen um – zwischen 18 Uhr abends und 7 Uhr morgens werden keine E-Mails an die beruflichen Accounts von Mitarbeitern weitergeleitet.
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