Working out Loud: So funktioniert die neue Zusammenarbeit

Wissen ist Macht. Ein Credo, das sich lange Zeit in der Arbeitswelt hielt. Die Idee dahinter: Wer sein Know-how für sich behält, erzielt Wissensvorsprünge gegenüber anderen und kann sich profilieren. Tempi passati. Heute gilt das Prinzip Working out Loud. Denn die Digitalisierung hat die Vorzeichen, unter denen wir heute arbeiten, umgekehrt: Nicht mehr, wer sein Wissen hütet, kommt voran, sondern, wer es teilt. Aus einem einfachen Grund: Die Schnelllebigkeit im Job nimmt zu und die Halbwertszeit unseres Wissens verkürzt sich radikal. Auf viele offene Fragen gibt es keine fertigen Lösungen mehr. Schneller finden sich diese, wenn sich viele austauschen und auf Ideen kommen, an die vorher noch keiner gedacht hat. Aber wie funktioniert das Konzept Working out Loud genau? Anschreien wird sich wohl keiner dabei…

Working out Loud: So funktioniert die neue Zusammenarbeit

Definition: Was Working out Loud NICHT ist

Definition: Was Working out Loud nicht istWorking out Loud (WOL) – bei diesem Begriff produziert der Kopf Bilder. Von Menschen, die sich gegenseitig anschreien oder mindestens heftig miteinander debattieren, diskutieren und sich mit Ideen überbieten. Schieben Sie diese Assoziationen bitte beiseite.

Working out Loud meint etwas vollkommen anderes: Es geht um Kollaboration, Gruppendynamik und gemeinsame Ideenfindung. Ganz unaufgeregt und schon gar nicht aggressiv. Ziel ist es, Einfälle und Wissen zu teilen, damit alle davon profitieren.

Was Working out Loud stattdessen ist

Working out Loud steht somit nicht für lautes Arbeiten, sondern für lautes Denken und offenes, gemeinsames (Aus-)Arbeiten. Der Gedanke hinter der Methode ist schnell zusammengefasst: Ziele lassen sich gemeinsam schneller erreichen. Und zwar in einem WOL-Circle. Dieser besteht aus vier, fünf engagierten Mitarbeitern.

WOL funktioniert aber auch mit einer losen Interessengemeinschaft, die über die ganze Welt verteilt sein kann und sich zum Beispiel per Skype vernetzt. Insofern ist Working out Loud also auch ideal für dezentrale Organisationen, deren virtuelle Teams und Dependancen über die ganze Welt verstreut sind.

Hat sich der Circle gefunden, trifft oder schaltet er sich für eine Stunde pro Woche zusammen. Und das zwölfmal hintereinander. So jedenfalls wollen es die Circle-Regeln von John Stepper, der das Prinzip von Working out Loud in Buchform veröffentlicht hat. Der Titel: „Working Out Loud: For a better career and life“. Aber das nur nebenbei. Zurück zum Eigentlichen.

WOL: Gemeinsam Ideen entwickeln

Das Kuriose an dem Circle ist, dass sich dieser nicht einem gemeinsamen Thema verschreibt. Stattdessen bringt jeder Teilnehmer sein eigenes Ziel ein. Gut, finden die Treffen unter Kollegen statt, dürften die Themen ähnlich ausfallen. Das ist aber keine zwingende Voraussetzung.

In den Circle-Meetings unterstützen sich die Teilnehmer gegenseitig, ihre Ziele zu erreichen. Dabei folgen sie einer festgelegten Agenda und absolvieren kurze Gruppen-Übungen, die dazu beitragen sollen, gemeinsam Lösungen oder neue Ansätze für offene Fragen zu finden. Nachzulesen sind diese in den Circle-Guides, die John Stepper kostenlos auf seiner Website zur Verfügung stellt.

Die Gruppenübungen im WOL-Circle

In Woche eins geht es zum Beispiel darum, eine Beziehungsliste mit Personen zu erstellen, die mit der Zielerreichung in Verbindung stehen. Das können Menschen sein, …

  • die etwas Ähnliches bereits erreicht haben.
  • von denen man etwas gelernt hat.
  • deren Interessen oder Positionen mit dem eigenen Ziel in Verbindung stehen.
  • die über etwas geschrieben oder gesprochen haben, das mit dem eigenen Ziel zusammenhängt.

Danach sprechen die Circle-Mitglieder über ihre Listen, teilen ihre Gedanken und unterbreiten sich gegenseitig weitere Vorschläge. Häufig sind die Teilnehmer nicht nur bei dieser Übung erstaunt, wie viele gute Vorschläge direkt von den anderen Mitgliedern ihres Circle kommen.

Hintergrund der Circle-Übungen

Warum das Ganze? In den Circle-Guidelines ist das wie folgt erklärt:

Der einfache Akt, eine Liste von Personen aufzuschreiben, die mit Deinem Ziel in Verbindung stehen, schärft Deine Aufmerksamkeit. Du wirst Dir zunehmend ihrer Arbeit, ihres Denkens und des Feedbacks von anderen über sie bewusst. (…) Du stellst Verbindungen her, an die Du vorher nicht gedacht hast, und Du beginnst, anders über dein Ziel nachzudenken.

So geht es nun Woche für Woche weiter. Haben die Mitglieder erstmal die für ihr Ziel bedeutsamen Netzwerke herausgearbeitet, geht es in der nächsten Woche zum Beispiel darum, sich selbst sichtbarer zu machen und zu lernen, sinnvolle Beiträge nachhaltig und überzeugend in das Netzwerk einzubringen.

Working out Loud: Stärkung wichtiger Talente und Skills

Grundsätzlich geht es bei Working out Loud also vor allem darum, eine Geisteshaltung und Fähigkeiten zu entwickeln, die in der modernen Arbeitswelt immer stärker nachgefragt werden:

  • Immer offen und neugierig an Dinge heranzugehen.
  • Andere zu unterstützen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten: Der Effekt kehrt sich irgendwann um.
  • Eigenständig, aber auch mit Hilfe anderer, Möglichkeiten zu entdecken, die einen dem Ziel näherbringen.
  • Eigene Beiträge oder die eigene Arbeit sichtbar zu machen, ohne sich über Gebühr hervorzutun.

Der Circle ist dabei als ein geschützter Raum anzusehen, der es ermöglicht, die dazugehörigen Verhaltensweisen auszuprobieren, zu trainieren und erste Erfahrungen mit ihnen zu sammeln. Dazu gehört zum Beispiel auch Rückschläge auf dem Weg zum Ziel hinzunehmen und die Erfahrung zu machen: Nicht jeder Versuch ist gleich ein Erfolg.

Die Lerneffekte von Working out Loud

Innerhalb des Circles lernen Mitarbeiter auch, mit direkten Feedback aus ihrem vertrauten Netzwerk umzugehen und können diese Erfahrungen dann auf die Arbeitswelt übertragen. Das Resultat: Mitarbeiter werden mutiger, ihre Ideen einzubringen.

Einen Versuch ist Working out Loud also alle mal Wert. Möglichkeiten, einen Circle zu finden, gibt es viele. Bietet der eigene Arbeitgeber die Methode nicht an – kein Problem. Warum nicht zum Beispiel die eigenen Xing- oder LinkedIn-Kontakte anzapfen?

Es gibt auch offene WOL-Treffen in größeren Städten. Oder Sie ergreifen selbst die Initiative und gründen den ersten WOL-Circle in Ihrem Unternehmen. Den Segen Ihres Vorgesetzten dürften Sie schnell finden: Was soll der schon einem Argument wie „Stärkung der Innovationsdichte im Unternehmen“ entgegenzusetzen haben?

[Bildnachweis: nd3000 by Shutterstock.com]
12. Juni 2018 Autor: Sonja Dietz

Sonja Dietz arbeitet als freiberufliche Journalistin und Social-Media-Redakteurin. Die studierte Germanistin verfügt über eine vertiefte Expertise im Bereich HR-Management. Ihr besonderes Interesse gilt dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt.

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