Working out Loud: Tipps für offene Zusammenarbeit

Wissen ist Macht. Ein Credo, das sich lange Zeit in der Arbeitswelt hielt. Die Idee dahinter: Wer sein Know-how für sich behält, nutzt seinen Wissensvorsprung, etabliert sich als Experte und kann sich profilieren. Heutzutage sehen Unternehmen das zunehmend anders und folgen dem Prinzip Working out Loud (WOL). Im Kern steht dabei eine offene, vernetzte Arbeitshaltung. Weg von Silo-Wissen, hin zu geteiltem Know-How. Nicht mehr, wer sein Wissen hütet, kommt voran, sondern wer es mit anderen teilt. Aber wie funktioniert das Konzept Working out Loud genau? Wir erklären, was sich dahinter verbirgt und zeigen, welche Vorteile Working out Loud bringen kann…

Working out Loud: Tipps für offene Zusammenarbeit

Definition: Was bedeutet Working out Loud?

Definition: Was Working out Loud nicht istBei dem Begriff Working out Loud (WOL) denken Sie vielleicht zunächst an Menschen, die sich gegenseitig anschreien oder mindestens heftig miteinander debattieren, diskutieren und sich mit Ideen überbieten. Lassen Sie sich von dieser ersten Assoziation nicht verwirren: Beim Working out Loud geht es nicht um die Lautstärke. Noch viel weniger geht es darum, den Fokus auf das Wissen einer einzelnen Person zu richten.

Mit Working out Loud wird eine Methode und Arbeitsauffassung verstehen, die auf offenes und gemeinsames Arbeiten ausgerichtet ist. Ursprünglich entstanden ist der Begriff in einem Blogartikel von Bryce Williams. Dabei beschrieb er die Idee von Working out Loud in einer simplen Gleichung:

Working out Loud = Observable Work + Narrating Your Work

Oder im Deutschen: Working out Loud = Beobachtbare Arbeit + Über die Arbeit sprechen

Große Bekanntheit erlangte diese Form der Zusammenarbeit zusätzlich durch das Buch Working Out Loud: For a better career and life von John Stepper.

Im Kern geht es beim Working out Loud darum, Wissen und Erfahrungen miteinander zu teilen. Ziele sind Kollaboration, bessere Gruppendynamik und eine gemeinsame Ideen- und Lösungsfindung. Indem untereinander Netzwerke aufgebaut werden, in denen Wissen und Know How weitergegeben werden, können individuelle Ziele schneller und besser erreicht werden. Mitarbeiter sollen Wissen nicht mehr wie einen Schatz hüten und für sich behalten, sondern allen zur Verfügung stellen.

Die 5 Prinzipien beim Working out Loud

In seinem Buch geht John Stepper auf die Methode des Working out Loud ein und beschreibt, wie genutzt werden kann. So können berufliche Aufgaben bewältigt persönliche Ziele erreicht, neue Themenbereiche erlernt oder Fähigkeit entwickelt werden.

Um dies zu erreichen, hat Stepper insgesamt fünf Prinzipien aufgestellt, an denen sich Working out Loud orientieren soll:

  • Beziehungen (Relationships)

    Beim Working out Loud geht es um Beziehungen und ein aktives Netzwerk. Eine Gruppe steht untereinander in engem und regelmäßigem Kontakt, bei dem der Austausch von Wissen, Erfahrungen aber auch Meinungen und Ideen im Vordergrund steht. Wichtig ist, dass die Teilnehmer sich einbringen und einen Input leisten – wer nur profitieren will, ohne selbst zum Austausch des Wissens beizutragen, ist bei Working out Loud fehl am Platz.

  • Großzügigkeit (Generosity)

    Der erste Punkt wird durch die Großzügigkeit im Umgang mit dem eigenen Wissen vertieft. Working out Loud funktioniert nicht, wenn jeder das eigene Wissen einmauert und für sich behält. Erst wenn alle bereit sind, die anderen großzügig am eigenen Wissensschatz teilhaben zu lassen, profitieren alle Beteiligten, lernen voneinander und entwickeln Lösungen.

  • Sichtbare Arbeit (Visible Work)

    Hier geht es nicht darum, sich durch die eigene Arbeit zu profilieren. Leistungen sollen nicht in den Vordergrund geschoben werden, um als erfolgreich zu gelten und einen guten Ruf zu erhalten. Vielmehr geht es darum, die eigene Arbeit für andere sichtbar und damit verständlich zu machen. Durch die sichtbare Arbeit werden Zusammenhänge besser deutlich und es entsteht größeres Verständnis.

  • Zielgerichtetes Verhalten (Purposeful Discovery)

    Am Ende geht es beim Working out Loud darum, dass jeder Teilnehmer ein Ziel verfolgt. Das kann die Lösung für ein Problem sein, der Erwerb von neuem Wissen oder einer Fähigkeit. Das Verhalten beim Working out Loud sollte stets auf dieses Ziel ausgerichtet sein und die Frage verfolgen: Wie komme ich meinem persönlichen Ziel näher?

  • Wachstumsorientiertes Denken (Growth Mindset)

    Zu guter Letzt sollte Working out Loud genutzt werden, um über den eigenen Tellerrand zu schauen. Lassen Sie sich auf das ein, was andere beizutragen haben, erkennen Sie Möglichkeiten statt nur Probleme zu sehen. Es ist erlaubt und erwünscht, beim WOL kreativ zu sein und neue Wege zu gehen.

Ablauf: Der WOL-Circle in 12 Wochen

Working out Loud Ablauf WOL Circle GuidesWorking out Loud kommt mittlerweile bei zahlreichen großen und namhaften Unternehmen zum Einsatz. Audi, BMW oder beispielsweise Siemens setzen auf das Konzept des Wissenstransfers, um Know How in Teams zu teilen und in allen Bereichen zu profitieren.

Die Umsetzung erfolgt in einem sogenannten WOL-Circle. Dieser Kreis besteht idealerweise aus drei bis fünf Teilnehmern. Über insgesamt 12 Wochen findet dann einmal wöchentlich ein Treffen statt, bei dem unter jeweils einem anderen Thema verschiedene Übungen besprochen werden. Zur Orientierung bietet John Stepper auf seiner Homepage kostenlose Circle-Guides, die zeigen, womit sich die Teilnehmer Woche für Woche beschäftigen sollen.

Wichtig ist: Beim Working out Loud verfolgt jeder sein eigenes, individuelles Ziel, das nicht zwangsläufig mit denen der anderen Teilnehmer übereinstimmen muss. Wird das Konzept im beruflichen Team genutzt, sind Überschneidungen zwar häufig vorhanden, eine Voraussetzung sind diese jedoch nicht.

Statt auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten, geht es darum, sich gegenseitig bei der Erreichung der Ziele zu unterstützen. Mit den Übungen aus den Circle-Guides sollen alle Beteiligten gemeinsam Ansätze für die jeweils individuellen Ziele entwickeln und mögliche Antworten auf offene Fragen finden.

Als Beispiel: In der ersten Woche geht es im WOL-Circle darum, eine Beziehungsliste mit Personen zu erstellen, die mit der Zielerreichung in Verbindung stehen. Das können Menschen sein, …

  • die etwas Ähnliches bereits erreicht haben.
  • von denen man etwas gelernt hat.
  • deren Interessen oder Positionen mit dem eigenen Ziel in Verbindung stehen.
  • die über etwas geschrieben oder gesprochen haben, das mit dem eigenen Ziel zusammenhängt.

Danach sprechen die Circle-Mitglieder über ihre Listen, teilen ihre Gedanken und unterbreiten sich gegenseitig weitere Vorschläge. Bei diesem Austausch werden häufig viele gute Vorschläge aus der Gruppe gemacht, um die eigene Liste zu ergänzen.

Nach diesem Grundprinzip geht es für insgesamt 12 Wochen weiter. Nach John Stepper stehen die Treffen dabei unter den folgenden Gesichtspunkten:

  • 1. Schärfe deine Aufmerksamkeit
  • 2. Biete deine ersten Beiträge an
  • 3. Mach drei kleine Schritte
  • 4. Erlange Aufmerksamkeit
  • 5. Mach es persönlich
  • 6. Werde sichtbar
  • 7. Sei zielgerichtet
  • 8. Mach es zur Gewohnheit
  • 9. Entwickle mehr eigenständige Beiträge
  • 10. Werde systematischer
  • 11. Stelle dir die Möglichkeiten vor
  • 12. Reflektiere und feiere
[Quelle: John Stepper]

Vorteile: Darum lohnt sich Working out Loud

Für Arbeitgeber ist Working out Loud ein interessanter Ansatz, um vorhandenes Wissen im Team zu teilen und optimal zu nutzen. Know How ist nicht mehr nur auf einzelne Mitarbeiter begrenzt, sondern wird über einen größeren Teil der Belegschaft verbreitet und kann somit in verschiedenen Bereichen nützlich sein.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass es beim Working out Loud darum geht, eine Einstellungen und Fähigkeiten zu entwickeln, die in der heutigen Arbeitswelt gefragt sind:

  • Zielstrebig vorgehen
  • Selbstständig nach Lösungen und Antworten suchen
  • Offen und neugierig an Dinge heranzugehen.
  • Andere zu unterstützen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
  • Andere am eigenen Wissen teilhaben lassen, um gemeinsam zu profitieren.

Zusätzlich bietet Working out Loud weitere Vorteile, die das Konzept zu einem Erfolg machen können:

  • Geschützte Atmosphäre

    In einem WOL-Circle gibt es zunächst eine geschützte Atmosphäre. Hier können Teilnehmer neues ausprobieren, üben, Ideen und Ansätze testen und herausfinden, was funktioniert und was nicht. Dabei können Rückschläge und Fehler passieren, ohne größere Auswirkungen zu haben. Nicht jeder Versuch muss gleich zum Erfolg führen. Die WOL-Circles bieten die richtige Atmosphäre, um ein Risiko einzugehen.

  • Direktes Feedback

    Die kleine Gruppe liefert direktes Feedback für Ihre Ideen. Was ist gut? Woran sollten Sie noch einmal arbeiten? Was haben Sie vielleicht vergessen? Dank dieser sofortigen Rückmeldungen in der Gruppe können Veränderungen vorgenommen werden, um die Entwicklung zu verbessern und Ziele schneller zu erreichen. Gleichzeitig wird somit ein besserer Umgang mit Kritik erlernt.

  • Langfristige Beziehungen

    Dass ein Netzwerk viele Vorzüge bietet und in vielen Situationen hilfreich sein kann, hat sich inzwischen herumgesprochen. Beim Working out Loud bauen Sie langfristige und stabile Beziehungen auf. Die gegenseitige Unterstützung stärkt das Vertrauen. Wer miteinander und voneinander lernt, entwickelt eine stabile Beziehung zueinander. Oft halten diese Verbindungen weit über die 12 Wochen des WOL-Circles hinaus.

[Bildnachweis: nd3000 by Shutterstock.com]
26. Juni 2019 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.



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