Petzen stehen im Beliebtsheitsranking noch unter den Minderleistern und Drückebergern. Ja, im Prinzip stehen sie sogar ganz hinten auf dem letzten Platz - abgeschlagen und mit weitem Abstand. Eine Petze im Büro? Pfui Teufel! Aber seien Sie ehrlich: Sie haben sich auch schon mal dabei ertappt, wie Sie den unsympathischen Kollegen am liebsten beim Chef verpetzt hätten, oder? Weil er schon wieder zehn Minuten zu spät ins Büro gekommen ist. Also: Ist Petzen per se unmoralisch? Antwort: Nicht unbedingt...

Petze kollegen beim chef verpetzenjpg

Petzen: Ja oder nein?

Glaubt man jüngeren Studien, dann gibt es immer mehr Petzen am Arbeitsplatz, weil die Teams und Abteilungen immer eigenverantwortlicher arbeiten. Demnach ist Eigenverantwortung zwar etwas Positives, erhöht Produktivität und Zufriedenheit, aber gleichzeitig nimmt die soziale Kontrolle zu. Wo kein Big Boss mehr nach dem Rechten schaut, greift gewissermaßen Selbstjustiz um sich. Ein Ausdruck davon: Petzen.

Dabei weiß doch jeder: Petzen ist asozial. Petzen ist pfui. Petzen ist bäh. Niemand mag Petzen. Und eine Petze selbst will man natürlich auch nicht sein. Einen Kollegen verpetzen? Also wirklich, niemals! Aber so einfach ist das nicht.

Stellen Sie sich folgenden Fall vor:

Sie sind Programmierer in einem kleinen Team. Nach langer Suche hat Ihr Unternehmen endlich einen Mann gefunden, der das Team unterstützen und komplettieren soll.

Nach einiger Zeit stellen Sie und Ihre Kollegen fest, dass die Codes, die der Neue schreibt, gelinde gesagt eine Katastrophe sind. Na gut, denken Sie, er verfügt noch nicht über so viel Berufserfahrung. Er ist noch jung, braucht Zeit und Einarbeitung.

Andererseits sind Sie jetzt zwei Stunden täglich damit beschäftigt, die Codes des Neuen auseinanderzuklabüsern und etwas Brauchbares daraus zu stricken. Sie geben sie alle Mühe, ihm zu helfen, aber der Fortschritt, er mag sich einfach nicht einstellen. Der neue Kollege kostet Sie wahnsinnig viel Zeit, Nerven und ein Sympathikus ist er im Übrigen auch nicht.

Das Problem: Ihr Chef ist anderweitig beschäftigt und bekommt von alldem rein gar nichts mit. Er ist froh, die Stelle überhaupt besetzt zu haben. Und er wäre gar nicht amused darüber, wieder von vorne auf die Suche gehen zu müssen.

Was tun Sie also: Den Kollegen beim Chef verpetzen oder die Füße stillhalten, dafür aber erhebliche Mehrarbeit in Kauf nehmen - ohne, dass ein Ende in Sicht wäre?

Hier die wichtigsten Argumente, die dafür und dagegen sprechen...

Petzen: Was dagegen spricht

  • Atmosphäre

    Petzen: Was dagegen spricht"Es hat definitiv Auswirkungen am Arbeitsplatz“, sagt HR-Managerin Linda Willey in einem Beitrag für die Wharton Business School der University of Pennsylvania über das Phänomen des Petzens. "Es kann die Atmosphäre und Produktivität beeinflussen, und das Teamwork könnte augenscheinlich nachlassen, weil die Mitarbeiter anfangen, sich gegenseitig zu misstrauen und sich zurückziehen."

    Das wiederum könne zu einer größeren Fluktuation führen, weil gute Mitarbeiter merken, dass die Vorgesetzten der Lage nicht Herr werden und der Arbeitsplatz zum Minenfeld wird. Schlussfolgerung: Wer einmal petzt, kann alles kaputt machen.


  • Macht

    Ist die Petze ein Junior und der Verpetzte ein Senior, könnte sich die Situation völlig umkehren. Wem vertraut der Boss wohl - dem Frischling oder dem Altgedienten? Speziell in Situationen, in denen Aussage gegen Aussage steht.

    Auch wenn es ungerecht erscheint: Mitarbeiter, die in der Hierarchie unten stehen, keine Lobby haben, noch keine Meriten vorweisen können, sollten sich zweimal überlegen, ob sie jemanden verpetzen. Petzen - das ist auch eine Frage von Macht und Politik.


  • Aufstiegschancen

    Nochmal: Niemand mag Petzen. Auch Führungskräfte nicht. "Ich glaube nicht, dass viele Leute realisieren, wie sehr es ihrer Glaubwürdigkeit als Mitarbeiter schadet", so HR-Frau Willey.

    "Man wird niemanden befördern, der sich einen Namen als Klatschmaul gemacht hat." Wer schlecht über Kollegen spricht, lässt ja über den Chef bestimmt auch nicht nur Gutes verlauten...


  • Rache

    Petzen bringen sich auch selbst in die Bredouille - mit unabsehbaren Folgen. Sobald sie einmal gepetzt hat, steht die Petze unter besonderer Beobachtung. Früher oder später kommt der Zeitpunkt, es ihr heimzuzahlen. Fehler darf sie sich jetzt nicht mehr erlauben.

    Petzen - das könnte einen Teufelskreis aus Vergeltung, Überwachung, Demütigung, seelischer Erschöpfung in Gang setzen.

Petzen: Was dafür spricht

  • Verantwortung

    Petzen: Was dafür sprichtGeht mich das alles nichts an oder liegt es in meiner Verantwortung? "Wenn man in Fälle involviert ist, in denen man glaubt, dass etwas klar unmoralisch oder falsch ist und gestoppt werden muss, wenn es das Potenzial für echte Bedrohungen für jemanden hat - auch wirtschaftliche Gefahr oder eine Gefahr für Kundenbeziehungen - dann glaube ich, dass die Frage nach der Ethik wichtig wird", beschreibt Management-Professor Matthew Bidwell von der Wharton School.

    Übersetzt heißt das wohl: Man macht sich unter Umständen mitschuldig, wenn man klare Verfehlungen eines Kollegen verschweigt.


  • Wirtschaftlichkeit

    "Es gibt ein Risiko, wenn man etwas sagt", so Monica McGrath, ehemalige stellvertretende Vorsitzende an Whartons Aresty Institute of Executive Education. "Aber es gibt auch ein Risiko, wenn man es nicht sagt."

    Die Quintessenz ist: Ein fauler Apfel gefährdet den wirtschaftlichen Erfolg der Firma - und damit auch Ihren Arbeitsplatz. Das gilt in kleineren Betrieben noch mehr als in großen. Auf die Spitze getrieben heißt das: Wer den Minderleister nicht verpetzt, könnte den Betrieb in den Ruin treiben und sich selbst aufs Arbeitsamt schicken. Petzen als Frage des Überlebens. Klingt grausam, ist aber denkbar. Hinweis vorsichtshalber: Jeden kleinen und mittelschweren Fehler des Kollegen sollten Sie deswegen nicht gleich melden.

Fazit: Sie entscheiden, ob sie den Kollegen verpetzen. Und die Entscheidung kann von Fall zu Fall ganz unterschiedlich ausfallen. Was man dabei stets bedenken sollte, sind folgende Punkte...

Petzen: 8 Tipps, wie Sie es richtig machen

  1. Feedback geben

    Eine Option: Dem neuen Kollegen selbst Feedback geben, bevor man zum Chef rennt. Ihm signalisieren, dass seine Leistungen zu wünschen übrig lassen und man nicht zufrieden ist. Das könnte einen Denkprozess auslösen - und Besserung bringen. Das ist der Best Case. Allerdings auch denkbar: Der Kollege reagiert verärgert, erzürnt, abweisend, unbelehrbar - und eine gemeinsame Zusammenarbeit wird völlig unmöglich.


  2. Folgen antizipieren

    Was könnte passieren, wenn ich meinen Kollegen verpetze? Und was passiert, wenn ich nichts mache? Konsequenzen vorhersehen, die möglichen Nachteile den Vorteilen gegenüberstellen. Auch Wenn-dann-Lösungen sind denkbar. Wenn XY passiert, dann verhalte ich mich so und so. Viele Faktoren spielen hier eine Rolle. Zum Beispiel auch: Welchen Charakter hat mein Vorgesetzter? Ist er in der Lage, die Situation zu beruhigen? Ist er diskret und vertrauenswürdig?


  3. Konkretes liefern

    Wenn Sie schon petzen, dann ersparen Sie sich und den anderen Beteiligten wenigstens Allgemeinplätze. Werden Sie so konkret wie möglich: "Die Arbeit sollte bis 10 Uhr fertig sein, war es aber einen Tag später immer noch nicht." Und nicht Beschuldigungen in den Raum werfen à la: "Er ist einfach mit allem zu spät dran."


  4. Verbündete holen

    Gemeinsam ist man stark - das gilt auch im Büro. Teilen Sie die Verantwortung und treten Sie als Team auf. Nach dem Motto: Unser ganzes Team hat unter den Leistungen von Kollege XY zu leiden. Deswegen halten wir es für unsere Pflicht, Ihnen das mitzuteilen. So ist jeder Einzelne weniger angreifbar. Nachteil: Die Rolle des Verpetzten als Außenseiter wird verfestigt.


  5. Lösungen anbieten

    Beliebter Chef-Spruch: "Bring' mir keine Probleme, bring' mir Lösungen!" Das passt auch hier. Petzen kann auch in die Zukunft gerichtet und konstruktiv sein. Klingt blöd, ist aber die bessere Lösung als eine pure Brandmarkung des Kollegen. Wie könnte man die Problematik lösen, seine Leistung verbessern? Davon hätte jeder etwas.


  6. Facebook ignorieren

    Ein Zeitgeist-Phänomen sind Facebook-Petzen. Hier einen bösen Spruch über Kollege XY gepostet, dort ein Foto mit spitzer Zunge kommentiert. Die sozialen Netze als Übertragungsweg nutzen - das ist absolutes Tabu (und verstößt häufig gegen Social Media Guidelines oder gar geltendes Recht). Wenn Sie petzen, dann analog.


  7. Anonymität aufgeben

    In vielen Unternehmen gibt es - der Compliance sei Dank - anonyme Hinweisgebersysteme. Sie können das Fehlverhalten anderer melden, ohne dafür aus der Deckung zu kommen. Das ist in Einzelfällen (kriminellen Handlungen etwa) auch sehr sinnvoll. In milden Fällen wie dem eingangs beschriebenen aber ist das keine gute Option. Im Gegenteil, Sie initiieren ein Versteckspiel, das keine Sieger kennt.


  8. Nutzen vergessen

    Wichtig: Versuchen sie nicht, aus der Geschichte persönliche Vorteile zu ziehen. Nach dem Motto: Meinem Einsatz ist es zu verdanken, dass... Das geht nach hinten los. Orientieren Sie sich allein an der Sache und daran, was für Ihr Team und das ganze Unternehmen auf dem Spiel steht.

[Bildnachweis: sharpshutter by Shutterstock.com]

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, erzählen Sie es weiter...