Informelles Lernen: Learning on the Job

Heutzutage muss alles schnell gehen. Der Kaffee wird „on the go“ getrunken. Was man im Yoga früher in eineinhalb Stunden sehr ruhig und fließend praktizierte, packt man nun am Abend vor dem Fernseher in eine viertel Stunde – PowerYoga nennt sich das dann. Nun hat das Diktat des zunehmenden Tempos auch das Lernen erreicht. Informelles Lernen, auch Learning on the Job genannt, gewinnt in der Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass die schnelle und kontinuierliche Wissensaufnahme während der Arbeit in kleinen, gut verdaulichen Häppchen effektiver ist, als die vergleichsweise großen Wissensportionen, die in klassischen Seminaren vermittelt werden. Dass das „Superfood fürs Gehirn“ seine Wirkung nicht verfehlt, ist sogar wissenschaftlich verbrieft.

Informelles Lernen: Learning on the Job

Informelles Lernen: Hat das klassische Seminar bald ausgedient?

Kennen Sie das auch? Da haben Sie nun tagelang in einem Workshop oder Seminar gesessen, gelernt, diskutiert, gelacht, Networking betrieben und im besten Fall noch die Annehmlichkeiten eines Sternehotels genossen.

Doch dann fahren Sie am Wochenende nach Hause und fragen sich: „Hat mich das inhaltlich weitergebracht? Gab es innovative Erkenntnisse, die ich in meinem Arbeitsalltag gewinnbringend umsetzen kann? Ist mein Problem, wegen dem ich die Fortbildung besucht habe, wirklich gelöst?“ Leider fallen die Antworten auf diese Fragen allzu oft eher ernüchternd aus.

Das liegt daran, dass sich die meisten Seminare an heterogene Lerngruppe wenden. Unterricht findet nach dem Gießkannenprinzip statt: Möglichst breit gefächert und wenig spezifisch, so dass auch die Teilnehmer, die mit einem Thema weniger vertraut sind, folgen können.

Wer allerdings auf der Suche nach sehr zugespitztem Spezialwissen ist, kommt hier nicht auf seine Kosten. Für ihn entpuppt sich ein solches Training meist als pure Zeitverschwendung.

Informelles Lernen: Warum es so effektiv ist

Dabei liegt das Gute – wie so oft – ganz nah! Vor Jahren schon belegten Wissenschaftler nämlich, dass Lernen am effektivsten direkt im beruflichen Umfeld stattfindet. Das gilt nicht nur, aber vor allem für Personen, die einen Spezialistenjob bekleiden oder auf der Karriereleiter schon die ein oder andere Stufe genommen haben.

Diese sind meist auf der Suche nach sehr konkreten, passgenauen Antworten auf offene Fragen und weniger interessiert an einführendem Wortgeplänkel oder zeitaufwändigen Gruppenübungen. Im Gegenteil! Sie haben ein konkretes Problem und wollen es mit der passgenauen Wissensspritze gelöst wissen.

Und genau diese erhalten sie eher „on the Job“, wie die Wissenschaftler Morgan McCall, Robert Eichinger und Michael Lombardo vom Center for Creative Leadership in North Carolina herausgefunden haben.

Sie befragten leistungsstarke Manager zu ihrem Lernverhalten im beruflichen Umfeld und brachten in ihrer Studie „Lessons of Success“ einigermaßen Verblüffendes zutage: Stolze 70 Prozent des beruflichen Wissenserwerbs entfallen auf informelles Lernen oder „Learning on the Job“.

Learning on the Job oder informelles Lernen geschieht zum Beispiel durch…

  • … die Auseinandersetzung mit fordernden Aufgaben
  • … das Lösen unerwarteter Problemstellungen
  • … das Erschließen neuer Arbeitsbereiche
  • … das Bearbeiten von Projekten

Das Lern-Modell stammt aus den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und ist damit keineswegs neu und doch aktueller denn je. Denn was früher vor allem für Führungskräfte galt, gewinnt nach und nach für alle Mitarbeiter eines Unternehmens an Bedeutung.

Digitale Transformation bedingt Transformation des Wissenserwerbs

Infolge der Digitalisierung findet derzeit nämlich ein geradezu dramatischer Wandel in der Arbeitswelt statt: Während Computer und Roboter am einen Ende der Wertschöpfungskette immer mehr Routinearbeiten übernehmen, driftet der Arbeitnehmer am anderen Ende nach und nach vom reinen Ausführenden zum Wissensarbeiter.

Logisch: Wo immer mehr Routinearbeiten wegfallen, übernehmen Angestellte mehr und mehr strategische Verantwortung. Sie entwickeln Ideen, die ihren Arbeitsbereich voranbringen, besprechen diese mit ihren Teams und ihrem Manager und setzen sie um. Der Arbeitnehmer der Zukunft ist also eine Art Micromanager über den ihm zugeteilten Bereich.

Mitarbeiter transformieren zu Micromanagern

Dieser Shift bedingt gleichzeitig, dass im Arbeitsalltag hier und da offene Fragen auftauchen, die sehr speziell sind und schnellstmöglich beantwortet werden müssen. Sonst droht Stillstand, weil das laufende Projekt ohne die benötigten Informationen nicht weitergeführt werden kann.

Den betreffenden Mitarbeiter in solchen Fällen für ein Seminar anzumelden, das das Problem, wenn überhaupt, nur marginal löst, wird also immer weniger aufgehen. Zumal die Anmeldefristen Wochen bis Monate betragen. Darauf kann schon bald keiner mehr warten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Je weiter die Digitalisierung voranschreitet, umso mehr wird informelles Lernen in einem Betrieb relevant – für alle Mitarbeiter.

Die Krux an der Sache ist allerdings: Nur die wenigsten Arbeitgeber sind auf diesen Wandel vorbereitet und setzen ihren Weiterbildungs-Fokus im Moment noch vor allem auf externe Seminare und Trainings.

Informelles Lernen: Was dafür nötig ist

Die gute Nachricht dabei ist: Zu einem effizienten Learning on the Job braucht es in aller Regel nicht viel und auch Mitarbeiter können ihren Teil dazu beitragen, dass es sich im Unternehmen durchsetzt.

Manchmal reicht schon der kurze Flurtalk oder der gezielte Gang zu dem Experten einer anderen Fachabteilung, um das benötigte Wissen aufzufrischen oder zu erwerben. Auch die Konsultation von Google oder der Austausch in Fachforen kann die gesuchten Antworten liefern.

Aber auch der Arbeitgeber ist gefragt, die richtigen Voraussetzungen im Unternehmen zu schaffen, die das informelle Lernen beflügeln. Im Prinzip hilft alles, was den spontanen Austausch von Ideen unter Mitarbeitern oder im WWW befördert.

Auch das Dokumentieren von Erfahrungen kann sich als wertvoller Wissensquell entpuppen – mit der Lektüre können Mitarbeiter von den Erlebnissen ihrer Kollegen profitieren und den ein oder anderen Fehler von vornherein vermeiden.

Passende Hilfsmittel sind:

  • Interne und externe Chats
  • Communities
  • Instant Messenger
  • Web- und Videoblogs
  • Wikis

Der Vorteil: Durch den gezielten Einsatz solcher Wissenstransfertools erspart sich der Anwender die unstrukturierte Suche im World Wide Web und kommt schneller zum Erfolg.

Digitales informelles Lernen für haptische Lerntypen

Doch informelles Lernen über digitale Lerntools ist nicht jedermanns Sache. Es gibt Menschen, die eher empfänglich für haptische Lernimpulse sind.

Kein Problem! Für sie gibt es Anwendungen, die sich zu verschiedensten Zwecken per Bluetooth mit einem PC koppeln lassen: Stifte, Modelle von Getrieben oder ähnliches. Der Vorteil: Die gemachten Erkenntnisse liegen gleich in digitaler Form vor und können weiterverarbeitet werden.

In naher Zukunft wird es für diese Zielgruppe auch spannende Möglichkeiten aus dem Bereich der virtuellen Realität geben. Schon heute experimentieren Unternehmen zum Beispiel mit 3D-Animationen ganzer Bauteilgruppen, die frei in den Raum projiziert, in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt und wieder zusammengesetzt werden können. Handschuhe mit Vibrationselementen verleihen dem Erlebnis den haptischen Feinschliff.

Informelles Lernen von Angesicht zu Angesicht

Nicht unterschätzt werden sollte bei all den technischen Möglichkeiten aber, wie sehr auch der kontinuierliche und formlose Austausch unter Kollegen das Learning on the Job beflügelt.

Er ist häufig der Quell für spontane Ideen, die eine Arbeit entscheidend verbessern können. Nicht umsonst gibt es bei den erfolgreichsten Unternehmen unserer Zeit beispielsweise gemütliche Plauderecken, die zum gemeinsamen Gespräch einladen.

Umso besser, wenn in diesen Räumen auch „Werkzeuge“ parat liegen, mit denen man spontane Ideen plastisch veranschaulichen kann: Lego, Knete, Playmobil etc.

Internetgigant Google hat damit beste Erfahrungen gemacht und stellt seine Mitarbeiter sogar bewusst für einen Teil ihrer Arbeitszeit frei, um gemeinsam Gedanken nachzuhängen, zu basteln oder zu tüfteln.

Klar wissen die Manager von Google nur zu genau, dass in einem solchen Ambiente nicht nur berufliche Dinge ausgetauscht werden. Doch wenn sich dabei nur der geringste Impuls ergibt, der ein laufendes Projekt voranbringt, ist ihnen das allemal Wert.

[Bildnachweis: nd3000 by Shutterstock.com]
29. Mai 2018 Autor: Sonja Dietz

Sonja Dietz arbeitet als freiberufliche Journalistin und Social-Media-Redakteurin. Die studierte Germanistin verfügt über eine vertiefte Expertise im Bereich HR-Management. Ihr besonderes Interesse gilt dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt.

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