Langzeitarbeitslose: Chancen, Definition, Tipps

Langzeitarbeitslosigkeit: Gibt es überhaupt einen Ausweg daraus? Oder gilt, wer länger als zwölf Monate erfolglos auf Jobsuche ist, auf dem Arbeitsmarkt als durch und durch ungenießbare B-Ware? Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit besagen zweierlei: Für Langzeitarbeitslose ist es so schwer wie eh und je, wieder einen Job zu finden. Aber unmöglich ist es nicht. In diesen Branchen und an diesen Orten sind die Chancen auf ein Comeback besonders hoch…

Langzeitarbeitslose: Chancen, Definition, Tipps

Langzeitarbeitslos: Nicht chancenlos

Langzeitarbeitslosigkeit – das klingt nach lebenslänglich, ohne Chance auf Bewährung. Wahr ist: Je länger jemand arbeitslos ist, desto geringer sind seine Chancen auf Wiedereinstieg. Wahr ist aber auch: Ein Urteil ohne Chance auf Revision ist es nicht.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit haben 2016 immerhin 187.000 Menschen den Sprung aus der Langzeitarbeitslosigkeit auf den ersten Arbeitsmarkt geschafft. Wahr ist wiederum auch: Das war nur ein Bruchteil aller Langzeitarbeitslosen.

Der Rest verharrte in der Beschäftigungslosigkeit, landete auf dem zweiten Arbeitsmarkt oder wurde in arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gesteckt. Das besagt ein Arbeitsmarktbericht der Bundesagentur für Arbeit aus dem April 2017.

Definition: Was ist eigentlich Langzeitarbeitslosigkeit?

langzeitarbeitslosigkeit-definition Ab wann ist man langzeitarbeitslos: ab sechs Monaten, zwei Jahren oder zehn Jahren?

Laut Sozialgesetzbuch sind Langzeitarbeitslose Arbeitslose, „die ein Jahr und länger arbeitslos sind. Die Teilnahme an einer Maßnahme nach § 45 sowie Zeiten einer Erkrankung oder sonstiger Nicht-Erwerbstätigkeit bis zu sechs Wochen unterbrechen die Dauer der Arbeitslosigkeit nicht.“

Nimmt man also beispielsweise an einer Fördermaßnahme teil, betreut pflegebedürftige Verwandte oder ein Kind oder belegt einen Integrationskurs, wird man weiterhin als langzeitarbeitslos geführt – sofern die Unterbrechung nicht länger als sechs Wochen dauert. Dauert diese hingegen länger als sechs Wochen, fällt man aus der Statistik heraus. Anschließend wird wieder von vorne gezählt, man ist fortan kein Langzeitarbeitsloser mehr.

Beispiel: Sie sind fünf Jahre lang arbeitslos, kommen danach in Beschäftigung, werden aber schon während der Probezeit gefeuert – nach acht Wochen. Danach sind Sie sechs Monate erfolglos auf Jobsuche. Per Definition sind Sie in diesem Moment NICHT langzeitarbeitslos, obwohl sie von den vergangenen fünf Jahren und acht Monaten ganze zwei Monate lang gearbeitet haben.

Die offiziellen Statistiken sind also mit Vorsicht zu genießen. Viele De-facto-Langzeitarbeitslose befinden sich in einer Fördermaßnahme oder konnten sich nicht nachhaltig auf dem ersten Arbeitsmarkt etablieren. Und das sollte Ihr Ziel sein – dauerhaft den Sprung in eine sozialversicherungspflichtige Stelle schaffen.

Noch ein Hinweis: Auch sogenannte Langzeitleistungsbezieher sind nicht automatisch Langzeitarbeitslose. Sollten Sie zum Beispiel schon seit zehn Jahren Hartz IV beziehen, muss das keinesfalls bedeuten, dass Sie auch langzeitarbeitslos sind. Viele Erwerbstätige sind „Aufstocker“, weil sie mit ihrem Job nicht genügend verdienen.

Laut Bundesagentur für Arbeit waren im Jahr 2016 von den 2,8 Millionen Langzeitleistungsbeziehern nur 1,22 Millionen arbeitslos: 44 Prozent. Von diesen wiederum waren 742.000 Menschen oder 61 Prozent langzeitarbeitslos.

5 Tipps für Langzeitarbeitslose

  1. Netzwerken: Arbeitslose haben oftmals kleinere Netzwerke als Berufstätige – das liegt in der Natur der Sache. Das Internet aber steht jedem offen. Wer hier aktiv ist, kann wertvolle Verbindungen aufbauen. Wissenschaftlich untersucht: Wer viele schwache Verbindungen hat – flüchtige Bekannte oder Facebook-Freunde – erhöht seine Jobchancen.
  2. Selbstbewusstsein: Treten Sie bei Ihrer Bewerbung nicht als Bittsteller und schon gar nicht als Bettler auf. Versuchen Sie stets, Ihre Stärken (die Sie auch bei mehrjähriger Arbeitslosigkeit zweifelsohne haben) in den Fokus zu rücken. Vor allem Ihre Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Höflichkeit, Genauigkeit.
  3. Nicht rauchen: Der weiße Dunst kostet Geld, schadet Ihrer Gesundheit, frisst wertvolle Kapazitäten. Untersuchungen deuten sogar darauf hin, dass sich Raucher schwerer tun als Nichtraucher, einen neuen Job zu finden.
  4. Sprache lernen: Ohne Deutsch kein Job – der Spruch wird vorzugsweise Einwanderern unter die Nase gehalten. Wichtig ist hierbei aber auch dieser Aspekt: Die (fehlerfreie) Beherrschung der deutschen Sprache ist gerade in niedrigschwelligen Tätigkeiten wichtig. In Tätigkeiten also, die potenziell auch Langzeitarbeitslosen Perspektiven bieten: Security, Hausmeister, Call Center, Krankenpfleger …
  5. Ehrenamt: Ein Ehrenamt hübscht den Lebenslauf auf. Weil es zeigt, dass Sie Verantwortungsgefühl haben, gerne mit Menschen arbeiten, nicht die Null-Bock-Schiene fahren. Aber: Wer in den Sportverein oder Kirchenchor einsteigt, sollte es aus Überzeugung tun – und nicht aus purem Kalkül.

Langzeitarbeitslose: So viele gibt es in Deutschland

2,69 Millionen Menschen waren in Deutschland im Jahresdurchschnitt 2016 offiziell als arbeitslos gemeldet. Davon waren 37 Prozent ein Jahr oder länger ohne Job und damit offiziell langzeitarbeitslos – 993.000 Menschen.

Erstaunlich: Nach Zahlen der BA ist die Langzeitarbeitslosigkeit im Jahr 2016 stärker zurückgegangen als die Arbeitslosigkeit insgesamt.

Das ist der typische Langzeitarbeitslose:

  • Alter

    Besonders gefährdet sind ältere Menschen ab 55 Jahren. 272.000 von ihnen suchen seit mehr als einem Jahr einen Job, von den älteren Arbeitslosen sind damit 49 Prozent länger als ein Jahr ohne Beschäftigung – das ist eine deutlich höhere Quote als in den jüngeren Jahrgängen.

    Auch sind viele Ältere noch nach zwei oder mehr Jahren arbeitslos, während jungen Menschen der Wiedereinstieg in einen neuen Job deutlich schneller gelingt. Immerhin ist im 2016 nach BA-Angaben auch die Zahl der älteren Langzeitarbeitslosen zurückgegangen – um immerhin drei Prozent.


  • Geschlecht

    Frauen sind etwas stärker von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen als Männer. 2016 waren 39 Prozent der arbeitslosen Frauen und 35 Prozent der arbeitslosen Männer zwölf Monate und länger ohne Anstellung.

    Auch danach, nach zwei oder mehr Jahren, tun sich Frauen schwerer als Männer, wieder in den Beruf zu finden. Die Bundesagentur vermutet dahinter vor allem strukturelle Probleme. Frauen hätten größere Probleme, einen Job zu finden, der sich mit ihrer Familie vereinbaren lässt.

    Insgesamt aber gibt es deutlich mehr langzeitarbeitslose Männer (525.000) als Frauen (468.000). Möglicher Grund auch hier: Frauen, die dem ersten Arbeitsmarkt aufgrund familiärer Verpflichtungen erst gar nicht zur Verfügung stehen.


  • Ausbildung

    Fast die Hälfte aller Arbeitslosen in Deutschland verfügt über keinen formellen Berufsabschluss. Bei den Langzeitarbeitslosen ist der Anteil mit 54 Prozent sogar noch etwas höher.

    Der Leitsatz stimmt also: Je schlechter die Aus- und Vorbildung, desto höher das Risiko für Arbeitslosigkeit. Das gilt vor allem für Arbeitslose ohne Berufsausbildung, die eine einfache Helfertätigkeit anstreben.

Förderung für Langzeitarbeitslose

langzeitarbeitslose-foerderung Bundesagentur für Arbeit: Für so manchen Arbeitslosen ein Reizbegriff. An Förderprogrammen herrscht dabei kein Mangel. Am Frust vieler Betroffener ebenfalls nicht.

Ob zwei neue Förderprogramme daran etwas ändern können? Sprechen Sie Ihren Berater gerne darauf an:

  • ESF-Programm: Der Bund buttert 885 Millionen Euro bis 2020 in das Förderprogramm, davon entnimmt er allerdings einen Großteil EU-Töpfen. 333 Jobcenter sind beteiligt, 23.000 Langzeitarbeitslose sollen in den Arbeitsmarkt integriert werden.

    Man will Arbeitgeber aktiv ansprechen und unterstützen, damit sie Langzeitsarbeitslosen eine Chance geben. Den Geförderten selbst wird ein Coach an die Seite gestellt. Auch Qualifzierungen können zum Maßnahmenpaket gehören – zum Beispiel Lese- und Schreibverständnis.

  • Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt: Bis Ende 2018 stehen 20.000 Plätze zur Verfügung. Der Bund investiert dafür 750 Millionen Euro. Gefördert werden sollen damit sehr arbeitsmarktferne Personen.

    Das sind zum Beispiel ältere Menschen ohne Schul- und Berufsausbildung, schlechten Sprachkenntnissen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Lohnkostenzuschüsse von bis zu 100 Prozent für über 35-Jährige sieht das Förderprogramm vor.

Langzeitarbeitslosigkeit: Wie lange dauert sie?

63 Prozent der Arbeitslosen finden im ersten Jahr eine neue Anstellung – und fallen damit erst gar nicht in die Kategorie langzeitarbeitslos. Was ist mit den anderen?

16 Prozent der Arbeitslosen finden ebenfalls vergleichsweise früh einen neuen Job – nach zwölf bis 24 Monaten. Sieben Prozent suchen 24 bis 36 Monate, vier Prozent 36 bis 48 Monate. Problematisch ist die Gruppe derer, die mehr als 48 Monate auf Jobsuche sind – das sind immerhin neun Prozent aller Arbeitslosen.

Dabei handelt es sich augenscheinlich um ein strukturelles Problem. Schon 2014 betrug die Quote der Arbeitslosen, die vier Jahre oder länger ohne Job sind, acht Prozent. Viele Langzeitarbeitslose haben – um es im Behördendeutsch zu sagen – Vermittlungshemmnisse, die eine Beschäftigungsaufnahme erschweren.

Diese Faktoren begünstigen Langzeitarbeitslosigkeit:

  • Hohes Alter
  • Fehlende oder geringe Qualifikation
  • Sprachliche Defizite/mangelhaftes Deutsch
  • Gesundheitliche Probleme, Einschränkungen, Handicaps
  • Betreuung eines kleinen Kindes

Die aussichtsreichsten Branchen für Langzeitarbeitslose

Aber: Es gibt auch Chancen für Langzeitarbeitslose, Branchen mit entsprechenden Stellen. Nach den Zahlen der BA vor allem in den sogenannten sonstigen Dienstleistungen. Fast jeder fünfte Langzeitarbeitslose, der den Sprung zurück auf den regulären Arbeitsmarkt geschafft hat, kam hier unter.

Dazu zählen unter anderem diese Branchen und Jobs:

  • Security, Wach- und Sicherheitsdienst
  • Hausmeister
  • Reinigung
  • Garten- und Landschaftsbau
  • Call Center
  • Messebau

Danach folgen Zeitarbeit, Kfz-Handel und Kfz-Reparatur sowie das Gesundheits- und Sozialwesen. Das Bau- und das verarbeitende Gewerbe stellen dagegen eher Leute ein, die noch nicht so lange arbeitslos waren.

Noch eine gute Nachricht: Von den 185.000 Langzeitarbeitslosen, die 2015 wieder einen Job im ersten Arbeitsmarkt fanden, waren sechs Monate später noch 122.000, also drei Fünftel, im Beruf. Das entspricht ungefähr der Quote von Kurzzeitarbeitslosen. Die Perspektiven, auch dauerhaft im Job zu bleiben, sind grundsätzlich also recht gut.

Tipp: Diese Statistik dürfen sie auch gerne im Vorstellungsgespräch bemühen – mit dem Hinweis, dass Sie die Quote sehr gerne noch weiter nach oben drücken würden.

Langzeitarbeitslose: Abgang in Beschäftigung am 1. Arbeitsmarkt nach Wirtschaftszweig (Jahressumme 2016)

  1. Wirtschaftliche Dienstleistungen (Security, Reinigung, Gartenbau etc.): 18,5 Prozent
  2. Arbeitnehmerüberlassung: 18,2 Prozent
  3. Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen: 14,1 Prozent
  4. Gesundheits- und Sozialwesen: 9,6 Prozent
  5. Gastgewerbe: 7,9 Prozent
  6. Verarbeitendes Gewerbe: 6,5 Prozent
  7. Verkehr und Lagerei: 5,9 Prozent
  8. Baugewerbe: 5,5 Prozent
[Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit]

Langzeitarbeitslos? Hier geht’s zum Job!

langzeitarbeitslose-bewerbung Die besten Tipps für Jobsuche und Bewerbung – nicht nur für Langzeitarbeitslose:

Die besten Regionen für Langzeitarbeitslose

Naturgemäß sind die Aussichten auf Wiedereingliederung dort am größten, wo der Arbeitsmarkt floriert.

Die BA hatte schon 2015 festgestellt, dass vor allem die Zahl offener Helfertätigkeiten relevant ist. Wo es wenige gibt, wie zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, dort gibt im Gegenzug auch deutlich mehr Langzeitarbeitslose. In Bayern und Baden-Württemberg dagegen haben auch Ungelernte deutlich höhere Chancen auf einen Hilfsjob.

Problem: Die Zahl einfacher Helferjobs dürfte in Zukunft flächendeckend – Stichwort: Digitalisierung – immer weiter zurückgehen.

Die Kreise mit der höchsten Langzeitarbeitslosigkeit finden sich vor allem in Nordrhein-Westfalen und den strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands. Die höchste Langzeitarbeitslosenquote hat der Kreis Uckermark mit 7,1 Prozent. Dahinter folgen Gelsenkirchen (6,6 Prozent), Bremerhaven (6,4 Prozent) und Mansfeld-Südharz (6,2 Prozent).

Besonders desaströs schneidet im Ländervergleich Stadtstaat Bremen ab: Hier ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Erwerbspersonen mit 4,7 Prozent geradezu exorbitant hoch. Damit sind die Bremer abgeschlagenes Schlusslicht, noch weit hinter Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Die geringsten Langzeitarbeitslosenquoten gibt es in den bayerischen Landkreisen Pfaffenhofen, Eichstätt (jeweils 0,2 Prozent) und Neuburg-Schrobenhausen (0,3 Prozent).

Anteil Langzeitarbeitsloser an allen zivilen Erwerbspersonen (Jahresdurchschnitt 2016)

  1. Bayern: 0,9 Prozent
  2. Baden-Württemberg: 1,2 Prozent
  3. Rheinland-Pfalz: 1,7 Prozent
  4. Hessen: 2,0 Prozent
  5. Niedersachsen: 2,2 Prozent
  6. Deutschland: 2,3 Prozent
  7. Schleswig-Holstein: 2,3 Prozent
  8. Hamburg: 2,3 Prozent
  9. Thüringen: 2,5 Prozent
  10. Saarland: 2,7 Prozent
  11. Sachsen: 2,9 Prozent
  12. Berlin: 3,1 Prozent
  13. Nordrhein-Westfalen: 3,3 Prozent
  14. Brandenburg: 3,5 Prozent
  15. Mecklenburg-Vorpommern: 3,6 Prozent
  16. Sachsen-Anhalt: 3,7 Prozent
  17. Bremen: 4,7 Prozent
[Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit]
[Bildnachweis: Andrey_Popov by Shutterstock.com]
20. Mai 2017 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px

Andere Besucher lesen gerade diese Artikel:



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.


Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!