Karrierezwang: Muss der Vize zum Chef werden?

Die Vize-Position wird in vielen Fällen als Sprungbrett genutzt. Es wird einige Jahre in der zweiten Jahre gearbeitet, beobachtet, gelernt und unterstützt. Wenn die Zeit dann reif ist, kann mit all dem Wissen und der gesammelten Erfahrung der Schritt nach vorne auf eine Führungsposition gemacht werden. Oftmals wird eine solche Entwicklung stillschweigend angenommen und wenn ein Platz in der ersten Reihe frei wird, steht der Vize ganz oben auf der Liste. Aber gibt es einen solchen Karrierezwang und ist es immer die beste Idee, die Karriereleiter noch ein Stück weiter herauszuklettern? Was wie der logische und konsequente Weg erscheint, sollte im Einzelfall noch einmal geprüft und hinterfragt werden, um die beste Entscheidung treffen zu können…

Karrierezwang: Muss der Vize zum Chef werden?

Karrierezwang: Die Vorteile der Vize-Position

Der Vize wird gerne einmal übersehen, rückt in den Hintergrund der Aufmerksamkeit oder wird sogar als gänzlich unwichtig erachtet. Donald Trump kennt jeder, beim Vize-Präsidenten der USA kommen viele hingegen schon ins Grübeln. Oder ein aufgrund der Weltmeisterschaft sehr aktuelles und – meist negativ – diskutiertes Thema hierzulande: Der Trainerstab der deutschen Nationalmannschaft. Joachim Löw als Bundestrainer ist in aller Munde, aber kennen Sie seine beiden Co-Trainer?

Auf den ersten Blick scheint die Position dadurch vergleichsweise unattraktiv zu werden. Langfristiger Erfolg ist oft mit einem guten Ruf verbunden, den Sie sich nur schwer erarbeiten können, wenn fast ausschließlich auf den Protagonisten geachtet wird. Es sollte jedoch nicht übersehen werden, dass die Vize-Position einige große Vorteile mitbringen kann:

  • Sie tragen nicht die volle Verantwortung

    In den Hintergrund zu rücken, kann sich als sehr nützlich erweisen, da Sie nicht so schnell in die Schusslinie geraten. Gibt es beispielsweise große Probleme oder es wurden schwerwiegende Fehler gemacht, konzentriert sich die Wut nicht auf den Vize, sondern den Hauptakteur. Dieser muss die Verantwortung tragen, sich gegebenenfalls rechtfertigen und im schlimmsten Fall auch die Konsequenzen tragen.

  • Sie sind mitten im Geschehen

    Als Vize stehen Sie vielleicht nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, sind aber doch zu jeder Zeit am Mittelpunkt des Geschehens. Sie erhalten alle Informationen aus erster Hand, werden bei Entscheidungen zurate gezogen und können mitgestalten. Durch Ihre Position erhalten Sie Einblicke, die anderen verwehrt bleiben und Sie haben einen größeren Einfluss.

  • Sind sammeln Erfahrungen und lernen dazu

    Berufserfahrung ist für die Karriere ein wichtiger Faktor. Während Ihrer Zeit als Vize können Sie wichtige Erfahrungen sammeln und eine ganze Menge lernen. Besonders hilfreich ist es dabei, wenn Sie hinter einem Chef stehen, der Sie an seinem Wissen, seinen Gedanken und seinen Entscheidungen teilhaben lässt.

  • Sie können üben und ausprobieren

    Wer als Vize arbeitet, bekommt fast immer die Gelegenheit, für eine Zeit den Hauptposten zu übernehmen. Wenn der Chef im Urlaub, erkrankt oder anderweitig verhindert ist, ist es an Ihnen, die Position und die damit verbundenen Aufgaben für diesen Zeitraum zu übernehmen.

Für immer Vize: Gibt es einen Karrierezwang?

Der Weg nach oben scheint für einen Vize wie gemacht zu sein. Der Chef wechselt den Arbeitgeber, geht in Rente oder gibt sein Amt ab – und schon steht der perfekte Nachfolger parat, um endlich aus dem Schatten nach vorne zu treten. Eine gute Gelegenheit, um beruflich voran zu kommen, mehr Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig natürlich auch noch ein wenig mehr Geld zu verdienen.

Allerdings ist nicht jeder Vize mit dieser Entwicklung glücklich. Es fühlt sich nach einem Karrierezwang an. Motto: Wer Vize war, muss die Position übernehmen, sobald diese frei wird. Wird dieser Erwartung nicht gefolgt, droht möglicherweise sogar ein Knick in der beruflichen Laufbahn. Da stellt sich die Frage, ob es einen solchen Karrierezwang tatsächlich gibt und ob diesem gefolgt werden muss.

Zwingen kann Sie natürlich erst einmal niemand. Sie haben einen Arbeitsvertrag, an den Sie sich halten – und ein Jobwechsel auf eine höhere Position auf Wunsch des Unternehmens und ohne eigene Zustimmung ist darin sicherlich nicht vorgesehen. Bedeutet der Verzicht auf die Stelle, dass Sie damit auch auf beruflichen Erfolg verzichten?

Hier gibt es leider oftmals ein Missverständnis: In der Position aufzusteigen, kann zu mehr Erfolg führen. Dieser Zusammenhang ist jedoch nicht zwangsläufig gegeben. Wer auf der Karriereleiter eine Sprosse nach oben steigt, ist damit zunächst einmal nur in der Hierarchie höher einzuordnen. Auf dem Papier sieht das vielleicht nach mehr Erfolg aus, in der Realität muss es aber rein gar nichts miteinander zu tun haben.

Vielleicht fühlen Sie sich in der aktuellen Position wohl und wollen (noch) gar nicht in eine höhere Stelle aufsteigen. In diesem Fall könnte die Beförderung sich schnell negativ auf Ihren Erfolg auswirken. Waren Sie als Vize noch voll in Ihrem Element und konnten stets mit guter Leistung überzeugen, finden Sie sich plötzlich in einer neuen Situation wieder, mit der Sie nicht zurecht kommen.

Bevor Sie blind einem scheinbaren Karrierezwang folgen, sollten Sie auch sich selbst kritisch hinterfragen. Längst nicht jeder ist für eine Führungsposition geschaffen, auch wenn Sie als Vize schon einen ersten Schritt in diese Richtung getan haben. Bringen Sie die nötigen Kompetenzen in der Personalführung mit? Wissen Sie wirklich, was auf Sie zukommt? Und haben Sie überhaupt den Wunsch und die Ambition, weiter aufzusteigen?

Mit der neuen Stelle gehen weitere Faktoren einher, möglicherweise längere Arbeitszeiten, Dienstreisen, Besuch von Messen, Auftritte oder Vorträge, die bisher nicht Sie als Vize, sondern Ihr Chef übernommen hat. All dies sollten Sie überdenken und in Ihre Entscheidung miteinbeziehen – egal ob Sie das Gefühl haben, aus Karrierezwang handeln zu müssen oder sich durch die Gelegenheit einfach geschmeichelt fühlen und deshalb nicht ablehnen wollen.

[Bildnachweis: baranq by Shutterstock.com]
13. Juli 2018 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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