Senioritätsprinzip: Wie Seniorität Gehalt und Erfolg beeinflusst

Seit langem herrscht ein regelrechter Jugendwahn in vielen Bereichen, der sich in der Werbung und gerade in vielen Titelseiten von Zeitschriften niederschlägt. Doch neben dem existiert in der Gesellschaft nach wie vor das Senioritätsprinzip, das heißt, älteren Menschen werden in vielen Bereichen Kompetenzen und Vorteile zugestanden. Das kann sich in der Anzahl der Urlaubstage und bestimmten Begünstigungen ebenso niederschlagen wie in Beförderungen. Doch damit entsteht ein Dilemma: Auf der einen Seite steigen mit dem Alter natürlich (Lebens-)Erfahrung und Kompetenz in vielen Bereichen. Auf der anderen Seite lässt die körperliche Belastbarkeit nach und die Schutzbedürftigkeit nimmt zu. Gleichzeitig kollidieren so manche Bestimmungen mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Wie sich das Senioritätsprinzip in verschiedenen Bereichen auswirkt…

Senioritätsprinzip: Wie Seniorität Gehalt und Erfolg beeinflusst

Seniorität Bedeutung: Was besagt das Senioritätsprinzip?

Senioritätsprinzip Beamte Beruf Seniorität BewerbungIn der Wirtschaftssoziologie wird es als Senioritätsprinzip bezeichnet, wenn Personen aufgrund eines höheren Alters der Vorrang eingeräumt wird.

Das spiegelt sich wider in spezifischen Vergünstigungen materieller oder immaterieller Art, die an das Lebensalter oder das Dienstalter gebunden sind. Besondere Bestimmungen aufgrund des Dienstalters werden im Arbeitsrecht konkreter auch als Anciennität bezeichnet.

Je nachdem gehen Länge der Betriebszugehörigkeit und steigendes Alter eines Arbeitnehmers Hand in Hand. So beispielsweise bei einem Beschäftigten, der bereits seine Ausbildung in einem Betrieb gemacht, dort diverse Stationen durchlaufen hat und anschließend die Nachfolge seines ehemaligen Chefs antritt.

Die Vergünstigungen können sich äußern als…

  • Aufstiege und Beförderungen
  • höhere Gehälter
  • geldwerte Vorteile
  • größere Arbeitssicherheit
  • spezielle Weiterbildungen

Senioritätsprinzip in der Gesellschaft und im Arbeitsleben

Das Senioritätsprinzip zieht sich durch nahezu alle Bereiche. Immer gilt es dem, der oder das zuvor war, in gebührendem Maß Respekt zu zollen. Dieses Prinzip lässt sich ganz gut in der Volksweisheit Wer zu erst kommt, mahlt zuerst beobachten.

Gleiches gilt in gesellschaftlichen Kontexten oder Situationen, in denen eine Person neu hinzukommt. Eine klassische Situation ist im Berufsleben die Erfahrung als Berufsanfänger. Sie mögen vielleicht fünf Jahre lang ein Fach studiert und mit den neusten Erkenntnissen ausgestattet sein.

Wenn Sie nach der Universität in ein Unternehmen kommen, in dem niemand Sie kennt, müssen Sie sich erst einmal bewähren. Hier werden sie mit unsichtbaren Teamregeln konfrontiert, die auf systemischen Grundsätzen bauen.

Auch hier gilt das Senioritätsprinzip, und zwar im Sinne der Reihenfolge: Sie werden sich erst einmal an den Mitarbeitern orientieren müssen, die bereits lange vor Ihnen in dem Unternehmen waren und sich Dinge von denen erklären lassen müssen.

Das Senioritätsprinzip wirkt übrigens ebenso, wenn ein Firmenneuzugang in einer höheren Hierarchiestufe als altgediente Mitarbeiter im Unternehmen einsteigt. Zwar mag die Fachkompetenz in bestimmten Bereichen beim Neuzugang größer sein.

Dennoch schadet es nicht, sich ein paar Tipps von Mitarbeitern geben zu lassen, die den Betrieb bereits seit Jahren oder Jahrzehnten von innen kennen. Um fernab der Hierarchie das Senioritätsprinzip zu akzeptieren, ist natürlich ein gewisses Maß an Demut beziehungsweise Respekt erforderlich.

Seniorität Bewerbung: Zu jung für die Stelle

So sehr einerseits immer wieder Unternehmen nach „jungen, dynamischen“ Mitarbeitern Ausschau halten, ist das Senioritätsprinzip andererseits mit Blick auf Bewerbungen ein Problem für viele Absolventen.

Denn an das „jung und dynamisch“ sind gleichzeitig oftmals nahezu unrealistische Wünsche geknüpft, die nur mit Seniorität zu erfüllen sind. Seniorität heißt, dass der Bewerber über eine gewisse, oft mehrjährige Berufserfahrung verfügt.

Gute Abschlussnoten lassen einen Personaler erkennen, dass ein Bewerber bestimmte fachliche Grundkenntnisse und Fertigkeiten erworben hat. Er geht davon aus, dass der Anwärter leistungsbereit ist und sich durchbeißen kann.

Mit der geforderten Berufserfahrung wird einem Bewerber unterstellt, dass er diverse typische Situationen im Arbeitsleben gemeistert hat, beispielsweise:

Seniorität ist so betrachtet eine Mischung aus Erfahrung und Souveränität, so schnell kann einen nichts umhauen, alles ist schon einmal da gewesen. Letzteres wird mehr oder minder automatisch angenommen, wenn ein Mitarbeiter über eine gewisse Erfahrung verfügt, sei es in der Branche oder aufgrund des Lebensalters.

Warum Seniorität wichtig ist

Unternehmen erwarten, dass so ein Bewerber konkrete Vorstellungen von seinem möglichen Tätigkeitsbereich und Verantwortlichkeiten hat. Ganz generell vermutet man bei einem erfahrenen Arbeitnehmer, dass er realistische Erwartungen an das Berufsleben stellt.

Andersherum wird genau das Berufsanfängern abgesprochen, das heißt, sie bekommen allein aufgrund mangelnder Seniorität eine Absage.

Mit Blick auf den Arbeitsmarkt greift hier das Permission-Paradox: Wer nach seinem Abschluss keine Chance erhält sich zu bewähren, kann logischerweise keine Erfahrung sammeln und somit auch keinerlei Seniorität erwerben, zumindest nicht im Berufsleben.

Es gibt Bereiche, in denen es nun mal auf Seniorität ankommt, beispielsweise wenn Expertenstellen ausgeschrieben sind. Ebenso in Bereichen, in denen Menschenkenntnis gefragt ist, so etwa in Human-Resources-Abteilungen.

Hier sind ein souveränes Auftreten nebst ausgeprägten Kommunikationsfähigkeiten gefragt; Belastbarkeit, Geduld, Empathie und Begeisterung für die Tätigkeit. Das bedeutet zwar nicht, dass Berufsanfänger über diese Qualitäten nicht verfügen, aber es macht es wesentlich wahrscheinlicher bei erfahreneren Arbeitnehmern.

Senioritätsprinzip Arbeitsrecht: Je älter desto besser?

Seit langem gilt das Senioritätsprinzip auch beim Kündigungsschutz. Kommt es in einem Unternehmen zu betriebsbedingten Kündigungen, müssen jüngere Arbeitnehmer – vor allem die, die zuletzt hinzugestoßen sind – eher damit rechnen, gekündigt zu werden.

Das Kündigungsschutzgesetz (KSchG ) formuliert es in § 1 Absatz 3 Satz 1 folgendermaßen:

Ist einem Arbeitnehmer aus dringenden betrieblichen Erfordernissen im Sinne des Absatzes 2 gekündigt worden, so ist die Kündigung trotzdem sozial ungerechtfertigt, wenn der Arbeitgeber bei der Auswahl des Arbeitnehmers die Dauer der Betriebszugehörigkeit, das Lebensalter, die Unterhaltspflichten und die Schwerbehinderung des Arbeitnehmers nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt hat; auf Verlangen des Arbeitnehmers hat der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer die Gründe anzugeben, die zu der getroffenen sozialen Auswahl geführt haben.

Vorteile nach dem Senioritätsprinzip bestehen ebenfalls bei Kündigungen, in denen der Arbeitnehmer gegen eine Abfindung der Beendigung des Arbeitsverhältnisses zustimmt. Das ist beispielsweise der Fall, wenn aus betrieblichen Gründen eine Zusammenarbeit mit dem Mitarbeiter nicht mehr möglich ist.

Üblicherweise Beträgt die Höhe der Abfindung bis zu 12 Monatsgehälter. Ausnahmen sind hier:

  • Wenn der Arbeitnehmer 50 Jahre oder älter ist und mindestens 15 Jahre im Betrieb beschäftigt war: 15 Monatsgehälter.
  • Wenn der Arbeitnehmer 55 Jahre oder älter ist und mindestens 20 Jahre im Betrieb beschäftigt war: 18 Monatsgehälter.

Ältere Arbeitnehmer gelten zusammen mit Behinderten, Schwangeren und anderen Ausnahmen als besonders schutzwürdig aus Sicht des Gesetzgebers. Allerdings kollidiert diese Bestimmung auf der anderen Seite mit dem AGG, das unter anderem Altersdiskriminierung vorbeugen soll.

Nur werden in diesem Fall jüngere Arbeitnehmer diskriminiert. 2017 gab es daher eine Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts (BAG), in der ein 67 Jahre alter Jurist als weniger schutzbedürftig eingeordnet wurde, da er zum Zeitpunkt dder Kündigung bereits eine Regelaltersrente bezog (Ur­teil vom 27.04.2017, 2 AZR 67/16).

Gleichzeitig existieren andere Rechtsprechungen und gewährte Ausnahmen. Im privaten Bankgewerbe werden Arbeitnehmern ab 50 Jahren mit mindestens zehn Jahren Betriebszugehörigkeit ein besonderer Kündigungsschutz und eine Verdienstsicherung gewährt.

Mehr Urlaub im Alter

Dabei wird das Senioritätsprinzip längst nicht mehr so straff durchgehalten wie früher, zumindest mit Blick auf das Lebensalter. So gab es beispielsweise lange Zeit das Prinzip der Staffelung nach Lebensalter im Bundes-Angestelltentarifvertrag (BAT).

Diese Diskriminierung gegenüber jüngeren Beschäftigten wurde mit der Ablösung des Tarifvertrags im öffentlichen Dienst 2005 durch Inkrafttreten des TVöD abgeschafft. Durch das AGG gilt nun auch im öffentlichen Dienst die Gruppierung in bestimmte Entgeltgruppen gemäß der Erfahrung und den jeweiligen Anforderungen.

Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, und so zeigt sich das Senioritätsprinzip dann immer noch beim Urlaub. Das gilt zwar nicht flächendeckend für alle Arbeitnehmer, aber je nach Branche und Vertrag.

Das Landesarbeitsgericht Düsseldorf gab zwar 2011 einer 24-Jährigen Klägerin recht, die nicht hinnehmen wollte, dass ihre Kollegen im Alter von 30 Jahren zwei Tage mehr Urlaub im Jahr hatten (Az.: 8 Sa 1274/10, Urteil vom 18.01.2011).

Nun wird ein Dreißigjähriger Arbeitnehmer nicht unbedingt als alt und daher besonders schutzwürdig betrachtet werden. Anders entschied beispielsweise das BAG in einer Klage gegen den Schuhhersteller Birkenstock. Der gewährt seinen Beschäftigten 34 Tage Urlaub, ab dem 58. Lebensjahr sogar 36.

Sieben Arbeitnehmer klagten erfolglos dagegen, da das Bundesarbeitsgericht die Auffassung vertritt, dass es sich bei der Fertigung von Schuhen um körperlich schwere Arbeit handele. Von dieser müssten sich die älteren Arbeitnehmer erholen können, da diese einen größeren Erholungsbedarf hätten.

Das Gericht hatte letztlich vor allem deshalb die Klage abgewiesen, da die zwei Tage mehr immer noch im Verhältnis stehen. Außerdem existierte keine Tarifbindung und die Arbeit wurde als besonders anstrengend beurteilt (BAG, Urteil vom 21. Oktober 2014 – 9 AZR 956/12).

[Bildnachweis: ALPA PROD by Shutterstock.com]
23. Februar 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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