Es ist nur eine kleine Geste, ein Händedruck, ein Streicheln, eine kurze Berührung. Flüchtig. Nicht länger als ein, zwei Sekunden: Haut auf Haut. Wenn überhaupt. Man sollte meinen, dass derlei Kurzkontakt keinerlei Wirkung hat. Hat er aber - und zwar eine viel mächtigere als es sich manche vorstellen. Tatsächlich wird die Macht der Berührung enorm unterschätzt...

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Die Macht der Berührung

Angenommen, ich würde Ihnen zehn Euro anbieten. Einfach so. Oder ein Lotterielos mit einer Fifty-Fifty Chance auf einen Gewinn im Wert von 20 Euro. Für was würden Sie sich entscheiden?

Nun, vermutlich würden Sie eher die zehn Euro nehmen - lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach... Aber nun stellen Sie sich bitte vor, meine reizende Assistentin (Leserinnen stellen sich an dieser Stelle bitte den Mann aus der Cola-Light-Werbung vor) würde Sie kurz vorher sanft an der Schulter berühren.

Welche Option fänden Sie jetzt attraktiver?

Zugegeben, in der Theorie und bei der Lektüre dieses Artikels dürfte die Vorstellung keinen Unterschied machen. In der Realität aber sehr wohl.

Jonathan Levav von der Columbia Universität hat diesen Versuch unter Realbedingungen durchgeführt. Resultat: Die Probanden entschieden sich signifikant häufiger für die Risiko- beziehungsweise Los-Variante. Um genau zu sein: 6,47 Mal häufiger als die Unberührten.

Das mag ein noch relativ belangloser Zusammenhang sein, aber Experimente dieser Art gab es schon früher. Dabei bekamen die Versuchspersonen etwa fünf kanadische Dollar und konnten diese wahlweise in eine vergleichsweise sichere Anlageform mit vier Prozent Zinsen investieren oder in eine riskante Aktien-Alternative mit hohem Risiko auf Totalverlust.

  • Wieder wurde ein Teil der Probanden scheinbar zufällig vorher an der Schulter von einer Assistentin beziehungsweise einem Assistenten berührt.
  • Eine zweite Gruppe wurde mit Handschlag begrüßt
  • Die dritte Kontrollgruppe hatte keinerlei Hautkontakt.

Sie ahnen bereits, was passierte: Wer berührt wurde, erst recht an der Schulter, învestierte bis zu vier Dollar in Aktien.

Die Interpretation der Wissenschaftler: Kurzer Hautkontakt vermittelt uns das Gefühl von Sicherheit, entsprechend mutiger werden wir danach.

Die Magie der Berührung: Gut für die (seelische) Gesundheit

Die Magie der Berührung: Gut für die (seelische) GesundheitHautkontakt ist für uns Menschen lebenswichtig. Zugegeben, nicht jede Berührung wird von uns als angenehm empfunden. So mancher Körperkontakt, manches Anfassen und Antatschen kann auch aufdringlich oder gar verletzend sein. Insbesondere wenn dabei Distanzzonen unterschritten beziehungsweise Intimsphären verletzt werden.

Distanzzonen Intimsphaere Privatshaere Grafik

In den meisten Fällen aber wirkt die Berührung wahre Wunder. Schon Säuglinge reagieren auf die Sinneswahrnehmung positiv und mit Wohlbefinden. Sanftes, liebevolles Streicheln oder auch einfach nur umarmt und gehalten werden, senkt automatisch unseren Stresslevel und den Puls. Unser Körper reagiert auf Berührung, Zärtlichkeit und Hautkontakt unmittelbar: Ängste nehmen ab, wir kommen zur Ruhe, sogar das Immunsystem wird dadurch gestärkt.

Grund dafür ist unter anderem die Ausschüttung zweier Hormone bei Berührungen:

  • Oxytocin - es stärkt Vertrauen und die Bindung zwischen Menschen.
  • Serotonin - auch Kuschelhormon genannt. Es hebt die Stimmung und eliminiert Depressionen.

Die Haut ist das größte Sinnesorgan des Menschen. Sie überzieht unseren ganzen Körper. Bei einem Erwachsenen kann das eine Fläche von knapp zwei Quadratmetern ausmachen. Wir können uns die Nase, Augen und Ohren zuhalten, den Mund schließen - aber den Tastsinn ausschalten können wir nicht.

"Es gibt kein Säugetier, das sich ohne Berührung adäquat entwickelt", erklärte zum Beispiel der Psychologe Martin Grunwald von der Uni Leipzig im Wissenschaftsmagazin GEO. "Es überlebt den Mangel an Kontakt nicht."

Nicht zufällig werden Streicheleinheiten inzwischen auch als Dienstleistung angeboten - etwa in der Körperpsychotherapie. Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass etwa Jesus bei seinen Heilungen Menschen berührt oder die Hände aufgelegt hat. Überhaupt gehört das Handauflegen in zahlreichen Religionen zu einem segnenden, heilenden Ritual, das Menschen an- und berührt. Buchstäblich.

Um die Macht der Berührung hat sich sogar eine eigene alternativmedizinische Disziplin gebildet: die Haptonomie - die Lehre von der Berührung, die der Niederländer Frans Veldman Mitte der Fünfzigerjahre entwickelte.

Bitte berühren: Flirthelfer Hautkontakt

Es kommt aber noch besser: Berührungen sind ein regelrechter Vertrauens- und Sympathiebooster.

Als der französische Psychologe Nicolas Guegen von der Universität der Bretagne in Vannes/Lorient diesbezüglich einige Versuche in Nachtclubs unternahm, konnte er seinen Baggererfolg durch sanftes Betatschen seiner Zielpersonen massiv steigern.

Rund 60 Frauen sprach er in den Clubs an. Von den potenziellen Tanzpartnerinnen, die er zuvor am Arm berührte kamen 65 Prozent seiner Aufforderung prompt nach - im Gegensatz zu 43 Prozent, die auch ohne Stubser mit ihm tanzen wollten.

In einem zweiten Experiment schickte er einen seiner Assistenten auf die Straße, um wildfremde Passantinnen nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Von den 240 unfreiwilligen Testpersonen, wurden 120 wieder zuvor kurz berührt. 19 Prozent rückten daraufhin ihre Nummer heraus. Bei der Kontrollgruppe waren es nur zehn Prozent.

Die Magie der Berührung: Manipulationsfalle Tastsinn

Die Magie des taktilen Sinns haben kürzlich auch Forscher der Harvard Universität, des Massachusetts Institute of Technology und der Yale Universität erforscht sowie zahlreiche Versuche dazu unternommen – mit faszinierenden Ergebnissen. Nur ein paar davon:

  • Personaler sollten die Lebensläufe von Bewerbern beurteilen. Dazu hefteten die Forscher die Unterlagen mal auf schwere, mal auf leichte Clipboards. Effekt: Hatte die Bewerbung sprichwörtlich mehr Gewicht, beurteilten die Personaler die Kandidaten als besser qualifiziert und seriöser.
  • Probanden sollten zunächst ein Puzzle zusammenfügen. Der Trick war: In der einen Gruppe waren die Puzzleteile rau und hart, in der anderen weich und glatt. Danach sollten die Teilnehmer das Sozialverhalten in einer Filmszene beurteilen. Wer zuvor mit den rauen Puzzlesteinen hantieren musste, fand die Akteure harsch und unkoordiniert.
  • Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten sich in einen Stuhl zu setzen, bevor sie über den Preis eines Autos verhandeln sollten. Die einen nahmen in einem harten, unbequemen Stuhl platz; die anderen in einem kuscheligen bequemen. Jene Teilnehmer, die auf den harten Hockern saßen, zeigten sich weniger flexibel, machten kaum Kompromisse und empfanden sich hinterher als strikter und weniger emotional.

Tasten, seien es zwischenmenschliche Berührungen oder das Erfühlen von Gegenständen, sei der wohl "am meisten unterschätzte Sinn in der Verhaltensforschung", fasst der Harvard-Psychologe Christopher C. Nocera die Ergebnisse zusammen. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass schon Begrüßungen wie ein Handschlag oder Wangenküsse einen kritischen Einfluss auf unser Sozialverhalten und unbewusste Bewertungen ausüben."

Selbst beim Einkaufen lassen wir uns von Berührungen beeinflussen.

Experten sprechen in dem Zusammenhang auch von dem Besitztums- oder Endowment-Effekt.

Kurz gesagt bewirkt der, dass wir Dinge, die wir erst einmal in der Hand halten, unmittelbar höher bewerten als jene, die wir nur betrachten.

Richard Thaler, der diesem Effekt 1980 seinen Namen gab, konnte so in einigen Versuchen die Bereitschaft seiner Probanden, mehr zu zahlen, manipulieren, beziehungsweise erhöhen und im umgekehrten Fall verhindern, dass die Teilnehmer ein Produkt wieder verkaufen wollten, dass sie bereits (gefühlt) besaßen.

Einer der bekanntesten Versuche dazu stammt von den Verhaltensforschern Dan Ariely und Ziv Carmon. Sie verhökerten Schwarzmarkt-Tickets für ein überaus begehrtes Basketballspiel auf ihrem Unicampus: Wer sich für eine Karte interessierte, war im Schnitt bereit, bis zu 170 Dollar dafür zu zahlen.

Fragten die Forscher allerdings die Ticketbesitzer, für wie viel Geld sie diese wieder verkaufen würden, lag der Schnitt bei 2400 Dollar. Ein Unterschied um das 14-Fache.

Berührungen: Heilen durch Schulterklopfen

In der Medizin ist die enorme Wirkung einer Berührung schon länger bekannt. Denken Sie zum Beispiel an Massagen: Die sind zwar selten zufällig und in der Regel auch weniger sanft, dennoch wirkt dabei nicht nur das Kneten auf die Muskulatur, sondern eben auch das Streicheln und Berührtwerden wohlig und beruhigend auf unsere Sinne.

So gesehen hat das Schulterklopfen bei einem Kollegen, der gerade niedergeschlagen ist, gleich eine doppelte Wirkung:

Dazu passt übrigens auch eine andere Studie, wonach sich Menschen mit warmen Händen sofort wohlwollender gegenüber ihren Mitmenschen verhalten, als jene mit kalten Händen.

Im Wissenschaftsmagazin Science beschrieben die Forscher, wie Frauen mit einer heißen Tasse Kaffee in den Händen positiver über andere Personen urteilten.

Ein zweiter Versuch zeigte, dass die physische Wärme bei den Befragten auch das weitere Verhalten beeinflusst. Hierbei sollten die Probanden als Lohn für die Teilnahme am Experiment entweder ein kleines Geschenk für sich selbst oder einen Geschenkgutschein für einen Freund aussuchen. Probanden mit warmen Händen wählten deutlich häufiger das Geschenk für einen Freund. Jene mit kalten Händen beschenkten sich vorzugsweise selbst.

[Bildnachweis: Dean Drobot by Shutterstock.com]

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