Empathie-Mitgefühl-Einfühlungsvermögen-Frau
Leistung ist eben doch nicht alles. Empathie beziehungsweise Einfühlsamkeit, oder Einfühlungsvermögen wie sie auch genannt wird, hilft ganz entscheidend mit bei der Karriere. So belegt eine deutsch-amerikanische Studie unter Leitung des Bonner Psychologie-Professors Gerhard Blickle: Wer sich gut in die Gefühle anderer hineinversetzen kann, steigt im Beruf schneller auf. Allerdings, schränken die Wissenschaftler ein, gelte das nur, wenn die derart Sensiblen zugleich besonders ehrgeizig und karriereorientiert seien...

Frauen sind empathischer als Männer

Im Vergleich zu Männern besitzen Frauen nachweislich mehr Einfühlungsvermögen. Versuche um Roberto Mercadillo von der mexikanischen Universität Querretaro konnten schon im Jahr 2011 zeigen (PDF), dass bei Frauen dabei viel mehr Hirnareale aktiv werden als bei Männern. Die Probanden beiderlei Geschlechts lagen dabei im Kernspintomografen und sollten sich hoch emotionale Bilder kranker Kinder ansehen. Während bei den männlichen Teilnehmern allerdings nur einzelne Hirnareale aktiv wurden, feuerte bei den Frauen gleich ein ganzes Nervennetzwerk Signale ab.

Empathie und Ehrgeiz steigern Gehalt

Um herauszufinden, wie sehr Empathie und Ehrgeiz auf dem Karriereweg korrelieren, konfrontierten die Forscher insgesamt 71 BWL-Absolventen mit verschiedenen Situationsbeschreibungen. Die Probanden mussten sich also in die Lage der fiktiven Protagonisten hineinversetzen und versuchen zu erahnen, welche Gefühle diese jeweils hatten.

Kurzum: Die Forscher prüften zunächst die Empathie ihrer Probanden.

Anschließend ermittelten die Forscher per Persönlichkeitstest und Fragebogen, wie ehrgeizig die ehemaligen Studenten waren.

Zwei Jahre später befragten die Wissenschaftler ihre Probanden erneut. Diesmal untersuchten sie, deren Karrierefortschritte sowie das aktuelle Gehalt der Studienteilnehmer.

Und siehe da: Wer zuvor einen hohen EQ und damit viel Empathie und Einfühlungsvermögen bewiesen hatte, verdiente nun deutlich mehr als die anderen, aber eben auch nur, wenn der Betroffene zuvor auch durch ausgeprägten beruflichen Ehrgeiz aufgefallen war. Oder wie Gerhard Blickle es formuliert:

Bei aufstiegsorientierten Arbeitnehmern trägt ein hoher EQ signifikant zum beruflichen Erfolg bei. Die Formel hoher EQ = schneller beruflicher Aufstieg ist also zu einfach: Dazu muss ein ausgeprägter Karrierewillen kommen. Die emotionale Intelligenz moderiert den beruflichen Erfolg lediglich.

Der Grund: Menschen mit einem feinen emotionalen Sensorium seien oft Meister darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Das helfe auch, manches karriereschädliche Fettnäpfchen zu umgehen. Denn im Job müsse man nicht nur Entscheidungen treffen. Es komme auch darauf an, die emotionale Reichweite dieser Entscheidungen vorauszusehen. Wer diese Kunst beherrsche, könne seine Mitarbeiter in Veränderungsprozessen besser mitnehmen.

Stress macht Frauen empathischer, Männer egozentrischer

Als Forscher um Claus Lamm von der Universität Wien die Auswirkungen von Stress auf das menschliche Sozialverhalten untersuchten, stellten sie überrascht fest: Männer und Frauen zeigen dabei völlig entgegengesetzte Effekte. Unter akutem Stress verbessern sich die empathischen Fähigkeiten von Frauen einerseits, gleichzeitig aber reagierten die Männer mit erhöhter Egozentrik. Während der entsprechenden Tests blieben die Frauen in der Lage, zwischen selbst- und fremdbezogenen Emotionen zu unterscheiden, und konnten weiterhin empathisch auf andere reagieren. Die Männer hingegen zeigten ein Verhaltensmuster, das eher mit einer klassischen Kampf- oder Fluchtreaktion erklärt werden kann.

Die Wissenschaftler vermuten als Grund hierfür erziehungsbedingte und kulturelle Einflüsse, eventuelle auch biologische: Möglicherweise spiele das Sozialhormon Oxytocin eine entscheidende Rolle. Die Frauen zeigten unter Stress eine deutlich erhöhte Oxytocinausschüttung als die Männer.

Definition: Was sind Empathie und emotionale Intelligenz überhaupt?

Empathie und emotionale IntelligenzAls Empathie wird die Fähigkeit bezeichnet, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen. Wobei das Erkennen und Verstehen nur die eine Hälfte ist. Zur Empathie gehört genauso die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, darauf angemessen zu reagieren und Reaktionen darauf zu antizipieren. Es ist eine Art vorausschauende Emotionsreaktion.

Wissenschaftler sind heute davon überzeugt, dass die Voraussetzung für Empathie eine gesunde Selbstwahrnehmung ist: Je offener man für seine eigenen Emotionen ist und je besser man sich selbst versteht, desto besser kann man auch die Gefühle anderer deuten.

Seit der US-Psychologe und Bestsellerautor Daniel Goleman wiederum den Begriff der Emotionalen Intelligenz populär gemacht hat, fungiert dieser oft als Gegenentwurf zur klassischen Intelligenzforschung.

Emotionale Intelligenz umfasst unter anderem das Erfassen und Verstehen eigener und fremder Gefühle sowie die Fähigkeit, mit diesen Gefühlen umgehen und darauf angemessen reagieren zu können. Goleman selbst nennt es "die Fähigkeit, unsere eigenen Gefühle und die anderer zu erkennen, uns selbst zu motivieren und gut mit Emotionen in uns selbst und in unseren Beziehungen umzugehen."

Diese Mitarbeiter werden oft als empathisch wahrgenommen und sind für Teams und die zwischenmenschlichen Beziehungen in einem Team von großer Bedeutung.

Emotionale Intelligenz umfasst also den Umgang mit uns selbst als auch mit anderen Menschen. Sie ist der Sammelbegriff für eine Vielzahl an Kompetenzen:

  • Kommunikationsfähigkeit. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Botschaften klar und deutlich zu formulieren und die Botschaften von anderen zu interpretieren.
  • Soziale Kompetenz. Gemeint ist damit die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.
  • Empathie. Umschrieben wird damit meist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen und deren Emotionen verstehen zu können. Sie signalisiert dem Gegenüber: "Ich verstehe dich" - und ist damit entscheidend, um Vertrauen und Sympathien zu gewinnen.
  • Motivationsfähigkeit. Gemeint ist die Fähigkeit, sich und andere zu begeistern. Emotional intelligente Menschen verfügen über eine besonders hohe Frustrationstoleranz.
  • Selbstbewusstsein. Hier ist das Bewusstsein für die eigenen Stärken und Schwächen gemeint. Im Kontext der emotionalen Intelligenz umschreibt es aber auch, dass man sich selbst gut kennt.
  • Selbstkontrolle. Die Selbstkontrolle ermöglicht einem, nicht nur die eigenen Emotionen zu erfassen, sondern diese auch zu steuern.

Das Trolley-Dilemma: Hineinversetzen macht hilfsbereiter

Trolley DilemmmaJe mehr wir uns in die Gedankenwelt eines Menschen hineinversetzt haben, desto mehr sind wir bereit, uns später für diese Person einzusetzen. Oder kurz: Hineinversetzen macht hilfsbereiter.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wiener Psychologen Claus Lamm. Der untersuchte dazu Entscheidungsprozesse in fiktiven Notfallsituationen. Neben moralischen Gründen spielte dabei Empathie, also das Mitfühlen mit anderen, eine große Rolle.

Letztlich ging es dabei um einen Klassiker in der Psychologie – das Trolley-Dilemma: Ein Zug rast auf eine Gruppe von fünf Gleisarbeitern zu und würde sie gnadenlos überrollen. Der Proband hat jedoch die Chance, in letzter Sekunde eine Weiche zu stellen. Der Zug würde ausweichen, die fünf Gleisarbeiter wären gerettet, aber auf dem Nebengleis arbeitet ein anderer unwissender Arbeiter, der in diesem Fall todsicher überfahren werden würde. Der Proband muss also abwägen, ob er fünf Gleisarbeiter rettet, um einen anderen sicher in den Tod zu schicken. Die meisten Menschen entscheiden sich übrigens dafür, Motto: Fünf Leben wiegen schwerer als eines.

Im Wiener Experiment zeigte sich aber: Hatten die Probanden sich vorher in diese eine Person hineinversetzt, wurde diese prompt seltener geopfert. Zudem empfanden die Teilnehmer bei ihren Entscheidungen deutlich mehr Stress. Man könnte auch sagen, sie taten sich schwerer, die irrationale Alternative zugunsten des Wohls der Mehrheit zu unterdrücken. Das Ergebnis deutet also stark darauf hin, dass unser soziales Verhalten davon beeinflusst wird, ob wir andere mit ihren Gedanken und Gefühlen wahrnehmen - nicht nur in Notfallsituationen.

Tipps, um Kollegen besser zu verstehen

Mitgefühl und EinfühlungsvermögenGerade im Berufsalltag ist Empathie oft Mangelware. Viel häufiger anzutreffen ist die Ellbogenmentalität. Doch gerade im Umgang mit Menschen ist Empathie besonders wichtig. Sie ist Grundlage für stabile Beziehungen. Netzwerken gelingt damit erst recht. Und es erleichtert natürlich auch den Umgang mit Fremden.

Und das ist durchaus erlernbar – ebenso wie Sozialkompetenz. Der erste und wichtigste Schritt dazu: Selbstreflexion. Und natürlich die Bereitschaft, an sich zu arbeiten.

Oft verbessert sich die Empathie schon mit zunehmendem Alter (und damit ist nicht etwa die sprichwörtliche Altersmilde gemeint), weil man dabei auf einen wachsenden Erfahrungsschatz zurückgreifen kann.

Wie auch Sie empathischer werden:

  • Seien Sie offen.

    Nur wenn Sie unvoreingenommen auf andere zugehen, werden Sie eine Beziehung aufbauen können. Selbst an Kollegen, die Sie als schwierig empfinden, können Sie auf den zweiten Blick positive Eigenschaften erkennen. Doch diese werden Sie nur sehen, wenn Sie nicht an einem vorgefertigten Bild festhalten.

  • Nehmen Sie sich Zeit.

    Eine Beziehung zu Kollegen aufzubauen, kostet Zeit. Es braucht Zeit, um den Kollegen kennenzulernen. Das funktioniert am besten, wenn die Möglichkeit für informellen Austausch gegeben ist. Das kann ein Gespräch beim Kaffee, eine gemeinsam verbrachte Mittagspause oder ein Feierabendbier sein.

  • Beobachten Sie.

    Auch wer seine Mitmenschen beobachtet, entwickelt ein besseres Verständnis für diese. Welche Gewohnheiten haben sie? Wie arbeiten sie? Wer beispielsweise erkennt, dass der Büronachbar morgens erst einmal einen Kaffee braucht und in Ruhe seine E-Mails lesen möchte, kann darauf Rücksicht nehmen.

  • Zeigen Sie Interesse.

    Was ist Ihren Kollegen wichtig? Was begeistert sie? Wer sich für seine Kollegen interessiert, kann leichter eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Denn die meisten Menschen sprechen gerne, über Hobbys und Leidenschaften. Auf diese Weise lassen sich Gemeinsamkeiten entdecken und das steigert die Sympathie füreinander.

  • Hinterfragen Sie.

    Konflikte entstehen oftmals dadurch, dass die Äußerung eines Mitmenschen falsch verstanden wurde. Einen Äußerung wirklich zu verstehen, bedeutet auch, zwischen den Zeilen zu lesen. Welches Bedürfnis steckt hinter dieser Aussage? Eine hilfreiche Methode dies zu tun, ist das 4-Ohren-Modell von von Friedemann Schulz von Thun. Es besagt, dass jede Aussage vier Seiten hat, vier verschiedene Ebenen, auf denen sie verstanden werden kann. Was genau damit gemeint ist, zeigt dieses Video sehr schön:

  • Fühlen Sie mit.

    Wenden Sie den Trick von Robert de Niro an. De Niro erzählte einmal, dass er die Körpersprache seines Gegenübers nachahmt, um diesen besser zu verstehen. Wer subtil die Gestik und Mimik seines Gegenübers nachahmt, kann sich besser in diesen hineinversetzen. Damit wird eine emotionale Übereinstimmung zwischen zwei Personen geschaffen.

  • Drücken Sie Verständnis aus.

    Glaubt man, dass die andere Person einen versteht, wird diese Person einem automatisch sympathisch. Erzählt Ihnen ein Kollege beispielsweise von einem Erlebnis und Sie sagen "Ich kann das sehr gut nachvollziehen", entsteht Verbundenheit.

E-Test: Finden Sie heraus, wie empathisch Ihr Gegenüber ist

E-Test-Empathie-GalinskyUm herauszufinden, wie empathisch Ihr Gegenüber ist, hat Adam Galinsky, lange Jahre Professor an der renommierten Kellogg of Management, den sogenannten E-Test entwickelt. Eigentlich ist es eher eine Art Partyspiel, das völlig harmlos aussieht, Ihnen aber viel über die Psyche Ihres Gegenübers verraten kann: Bitten Sie Ihr Gegenüber, ein E auf die eigene Stirn zu malen. Danach betrachten Sie, wie der- oder diejenige das E gemalt hat:

  • Malt Ihr Gegenüber das E so, dass er das E vor seinem geistigen Auge lesen kann?
  • Oder malt Ihr Gegenüber das E spiegelverkehrt, sodass Sie es richtig herum lesen können?

Für Sozialpsychologen verrät dies viel darüber, ob jemand die Fähigkeit besitzt, die Welt auch von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten als dem eigenen beziehungsweise ob sich die Person, nur für sich interessiert oder selbst in einer so harmlosen Umgebung wie einer Party noch im Blick behält, dass andere zuschauen, mitlesen, mitspielen.

Die Schattenseiten der Empathie

Wo Licht ist, gibt es allerdings auch Schatten. Entsprechend sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch unser Einfühlungsvermögen veritable Nachteile hat. Diese drei zum Beispiel:

  1. Empathie macht ungerecht.

    Aus der Sympathieforschung ist längst bekannt, dass wir andere umso sympathischer finden, je ähnlicher uns diese sind. Nicht anders ergeht es uns mit der Empathie: Je mehr Gemeinsamkeiten es gibt, desto besser verstehen wir unser Gegenüber und desto mehr Mitgefühl entwickeln wir. Gut für unsere Freunde, aber schlecht für Fremde. Ihnen begegnen wir weit weniger empathisch als wir uns das oft einreden. Die Folgen sind oft Diskriminierung und Ausgrenzung, wie das etwa die Harvard-Psychologin Mina Cikara in ihren Studien 2011 nachweisen konnte.

  2. Empathie ist kräftezehrend.

    Sich in andere hineinzuversetzen und deren Gefühle zu erkennen, womöglich sogar nachzuempfinden, ist ein Kraftakt, der buchstäblich an die Nieren geht. So wird bei empathischen Menschen verstärkt das Nebennierenhormon Cortisol ausgeschüttet. Der Grund: Nachempfundener Stress und Frust haben dieselbe Wirkung wie selbst erlebter Stress. Das konnte etwa Tanja Singer beoachten als sie 2014 rund 150 Probanden testweise Vorstellungsgespräche absolvieren ließ, die parallel beurteilt wurden. Klar hatten die Teilnehmer dabei Stress. Umso verblüffender aber war: Die empathischen Beobachter dieser Gesprächsimulation waren genauso unentspannt. Die Nöte der fiktiven Bewerber ließen ihren Cortisollevel ebenfalls in die Höhe schnellen. Es ist wie beim Fremdschämen: Beobachtete Bedrängnis laugt aus.

  3. Empathie belastet Beziehungen.

    Eben weil Empathie anstrengt und an die Substanz geht, ist sie endlich. Wer den ganzen Tag über (etwa in Pflegeberufen) schon mit den Problemen anderer beschäftigt war, hat abends kaum noch Verständnis für die Belange seines Partners. Als zum Beispiel Jonathan Halbesleben von der Universität Alabama im Jahr 2009 das Mitgefühl von rund 800 Beschäftigten untersuchte, stellte er fest, dass jene, die im Job besonders einfühlsam waren, nach Feierabend kaum noch Beziehungen pflegen konnten. Sie waren emotional ausgepowert.

Die Macht der Empathie

Das folgende Video der Stanford Business School zeigt (in Englischer Sprache) wie Empathie wirkt und welche Macht von ihr ausgehen kann:

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